Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1918)
- Date
- 1918-02-08
- Page
- Seite 66 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229345--73765-3286247- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Was immer er schreibt, erregt das lebhafteste Interesse, denn er ist ein urwüchsiger, origineller, großzügiger Schriststeller; er hat einen Hellen, klaren, fein und scharf beobachtenden Blick und ein eindringendes Urteil, und seine Geistesprodukte sind der Hauptsache nach nicht am Schreibtisch entstanden. Bei aller Verehrung für Spinoza und Schelling blieb chm alle Spekulation, „die dürre Heide", wie Goethe Faust sagen läßt, allezeit fremd. „Mit sehenden Augen, mit kühlem Kopse und warmem Herzen" ist er durch das Leben, das er schildert, geschritten. Durch Quellenstudium nur ergänzt und begründet, bietet er im wesentlichen, was er selbst gesehen und gehört, erlebt und erfahren hat. Den Stempel der eigenen Anschauung und seiner überragenden, selbstherrlichen Individualität trägt auch sein eben erschienenes stattliches Buch „Die Wiener Juden. Kommerz, Kultus und Politik. 1700—1900" (Wien und Berlin, R. Löwit, 1917), das er in hohem Greifenalter, in ungeschwächt heller Erinnerung seinen Eltern gewidmet hat. „Alt, blind, leidend und leidvoll", wie er sich in der Vorrede einführt, hat er es geschrieben, und darum mutet es uns wie ein Roman an. denn es blendet durch spannende Darstellung, erstaunliche Frische, Tiefgründigkeit und Vielseitigkeit; ein überwältigender Geist, der zugleich Psycholog, Kulturhistoriker, Ethnograph, Nationalökonom, Statistiker, Politiker ist, und nicht zuletzt ein Mensch, dem nichts Menschliches fremd ist, hat die Fäden desselben gesponnen. Von dem richtigen Gedanken getragen, daß die Wiener Judenschaft ganz und gar aus den Gettos der österreichischen Provinz hervorgegangen ist, und nur durch deren Kenntnis richtig aufgefaßt werden kann, führt er uns zu Beginn ein echtes und rechtes, ein typisches Getto, in dem selbst Kinder das Lachen verlernten, in leibhaftiger Gestalt vor — das Preßburger Getto, in dem er das Licht der Welt erblickt hat. Die Grundstimmung des ganzen Gettos war gegenüber der Welt, die es umgab und von der es allabendlich durch schwere eiserne Gitter abgesperrt ward, Restgnation. Der Zwang, den diese Resignation auferlegte, hat eine -Bevölkerung entstehen lassen, in der die naiven Volksschichten ganz fehlten. Treffend und psychologisch nur zu begründet ist die Bemerkung, daß jeder dieser Gettojuden sarkastisch und, wenn er zu den Intellektuellen gehörte, von radikaler Gesinnung war. „Nur wer mit diesen Gefangenen der Judengaffe mitgelebt und mitgelitten, versteht den grimmen Hohn Ludwig Börnes, den Zynismus Heines, begreift, warum Johann Jakoby und Adolf Fischhof, Ferdinand Lassalle und Karl Marx gerade Juden waren." Dem ergreifenden Bilde, das Mayer aus eigenem Erleben uns entrollt, sind als Motto die stimmungsvollen und tiefsinnigen Verse Geibels: „Wenn etwas gewaltiger ist als das Schicksal, So ist's der Mensch, der's unerschüttert trägt!" vorangesetzt. Die Geschichte des Preßburger Gettos wird an dem allgemeinen Schicksale der Juden gemessen, und wir verfolgen unter Mayers meisterhafter Leitung den über Jahrtausende sich erstreckenden, viel verzweigten Weg, auf dem der Ahasver unter den Völkern von Palästina nach Paris und London, Hamburg und Berlin, Preßburg und Wien gelangt ist. Das Kapitel, das in den stetigen Verfall der Juden bis zum Tiefpunkte im 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts, in die Aera der „Judenverfolgungen" hineinleuchtet, bietet ihm Anlaß, über den jüdischen Wucher zu sprechen, und bei dieser Gelegenheit läßt er sich von hoher geschichtsphilosophischer Warte vernehmen, daß die Welthistorie keineswegs, wie der Gemeinplatz läutet, ein Weltgericht, sondern eine naturgemäße Entwicklung ist. Im Einklänge damit führt er gegen das vielbesprochene, von keinem Geringeren als Lujo Brentano zermalmte Buch „Die Juden und das Wirtschaftsleben" seines verehrten Freundes Werner Sombart, das er sine ira et stuäio behandelt, unter anderem ins Feld, akkeetus dominum seien nach einem Ausspruche Spinozas weder zu tadeln noch zu loben, sondern. zu begreifen; sed intellegere — das gelte sicherlich noch entschiedener von geschichtlichen Entwicklungen. Er entwirft geradezu einen Stammbaum der Wiener Juden und zaubert uns hierbei ein Stück Alt-Wien lebendig vor. Sein Buch ist auch eine Fundgrube für die Entwicklung der Reichshauptstadt und die Kulturwie auch die ökonomische Geschichte ihrer Bewohner. Es ist für das Wesen des Verfassers bezeichnend, daß er sich nicht begnügt, das äußere Leben der Juden zu schildern. Er bleibt nicht an der Oberfläche haften, er ist vielmehr ein Wurzelgräber, der im Tiefinnersten schürst, die verwickeltften Zusammenhänge entwirrt und das, was ihn beschäftigt, bis in die feinsten Verästelungen verfolgt. Er ist stets darauf bedacht, die wirksamsten, grundlegendsten Triebkräfte der Wiener Judenschaft, ihr Innenleben, ihre Kultur, ihre jeweiligen geistigen Interessen und deren Brennpunkte bloßzulegen. Ziel und Zweck des Buches, wohin es von Anfang an steuerte, ist die Kriegserklärung an die zumal in Wien mächtig anschwellende jüdisch-nationale Bewegung. Mayer begrüßt es, obwohl ihm die Gläubigkeit kein GesühlsbedürfniS ist, mit Freuden, daß durch den vollkommen ungerechtfertigten Antisemitismus, den weiland Kaiser Friedrich als eine Schmach des Jahrhunderts gebrandmarkt hatte, die Juden aus ihrer Lethaivgie wachgerüttelt, das Interesse der weitesten jüdischen Kreise für den angestammten Glauben, für jüdisches Leben und Streben wiedergeweckt wurde. Liefert ihm doch die Steigerung ihres jüdischen Selbftbewußtseins, die Festigung ihres Zusammenhanges einen eklatanten Beweis für ihre moralische Hebung. Er kann sich jedoch des Gedankens nicht erwehren, daß die aus dem fluchwürdigen Antisemitismus hervorgegangene große nationale Bewegung für die fernere staatsbürgerliche Stellung und im weiteren Verlaufe auch für die ökonomische Existenz der Juden die schwersten Befürchtungen erwecken muß. „Ohne Furcht und ohne Dheu, zwar mit sachlicher Ruhe und gebotener Objektivität, jedoch mit Entschiedenheit und Offenheit, frei von aller Kompromißsucht" nimmt er zu der entschieden aktuell gewordenen Frage des jüdischen Nationalismus eine ablehnende Stellung ein. Das erste Argument, das er ins Treffen führt, trifft nichts weniger als ins Schwarze. ES trifft durchaus nicht zu, daß die Führer dev Bewegung von den Westjuden verlangen, ste sollten den heillosen Weg, der die Ostjuden zu ihrer Verkommenheit geführt hat, einfchlagen. Es trifft auch durchaus nicht zu, daß der Zustand, in dem sich die Ostjuden befinden, nur dadurch möglich geworden ist, daß sie sich von der Annäherung an die sie umgebende Welt vollständig ferngehalten haben. Ich dächte doch, und die Geschichte lehrt es uns nur zu deutlich, daß im heiligen Rußland die Juden von dieser Annäherung gewaltsam ferngehalten wurden. Sollte Mayer nie etwas von der Beschränkung des Wphnrechtes der Juden in Rußland, von der Beschränkung der Zahl der jüdischen Studierenden, von der Zulaffung der jüdischen Mädchen zum Studium nur unter der Bedingung, daß sie sich in die Prosfituiertenliften aufnehmen ließen, gehört haben? Und sollte es ihm unbekannt sein, daß die Polen die Erb- und Erzfeinde der Juden sind, und wie sich die Vertreter der Regierungen in Galizien und die berüchtigten Schlachzizen zu den Juden gestellt haben? Die Juden Galiziens und Rußlands sind systematisch zu den Dunkelmännern, zu den Sklavenfeelen gezüchtet worden, die ste geworden sind. Er sieht auch durch eine entschiede optimistisch gefärbte Brille, wenn er der Erwägung Raum gibt.