Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-02-08 · Heft 6 (8.2.1918) · p. Seite 63

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 6 (8.2.1918)
Date
1918-02-08
Page
Seite 63 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3229339-3229345--73762-3286244
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

63 weiteren halben Jahre mit der Behandlung der unregelmäßigen Verba abgeschlossen werden; die wesentlichen Teile des Siddur, der die größten sprachlichen Schwierigkeiten bietet, sollen schon in der Quinta behandelt, der Schüler der Untersekunda in ganzen 25 Unterrichtslektionen in den babylonischen Talmud mit seiner eigenartigen aramäischen Ausdrucksweise eingeführt werden, usw.! Und noch eins! —Gewiß haben wir die Verpflichtung, uns in die Sprache unserer Ahnen, soweit es irgend möglich ist, zu vertiefen und sie, schon des geistigen Zusammenhanges wegen immer mehr zum Gemeingut zu machen, sind doch unsere Religionsquellen, unsere herrlichsten Gebete in ihr abgefaßt — aber der Verfasser geht mit seiner Meinung zu weit, daß wir die Mbel nur in der Ursprache verstehen können, daß die hebräischen Gebete unübersetzbar sind. Sind ihm nicht die herrlichen Umdichtungen bekannt, die von dichterisch hochbegabten Männern und begeisterten deutschen Juden seit mehr als einem Jahrhundert geschaffen worden sind, die auch in der deutschen Wiedergabe den Geist, der in Bibel und Gebeten atmet, treffend wiedergeben? Wir werden uns auch fernerhin damit begnügen müssen, unserer Jugend in einem auf Herz und Gemüt wirkenden Unterricht das Verständnis für den Lehrinhalt und die Ueberzeugung von den Wahrheiten des Judentums nahe zu bringen und sie durch eine, soweit es die Verhältnisse gestatten, möglichst ausgiebige hebräische Unterweisung zur Teilnahme am Gottesdienst zu befähigen; aber, wie in vielen anderen Fächern, kann von der Schule nur die Anregung für spätere selbständige Weiterarbeit ausgehen, und es muß Pflicht der Gemeinden und Verbände werden, diese Fortbildung allen, die sie erstreben, möglichst zu erleichtern. Und damit komme ich zu dem einzigen Punkt, der meiner Ansicht nach in der Rosenzweigschen Schrift ernste Beachtung verdient: sein Vorschlag der Gründung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums. Zwar ist es nicht richtig, daß die Leistungen von Juden auf dem Gebiete der Wissenschaft des Judentums immer Einzelleistungen geblieben sind; seit Jahren bemühen sich Vereinigungen, wie die Gesellschaft für die Wissenschaft des Judentums und die jüdisch-literarische Gesellschaft, nach genau festgesetzten Plänen durch Herausgabe von Quellenschriften, Grundrissen, Jahrbüchern, die Wissenschaft des Judentums zu fördern — aber bedauerlicherweise hat die große Masse unserer Glaubensgenossen bisher für die Bedeutung der Pflege der Wissenschaft für das Judentum und die Judenheit trotz aller Mahnungen geringes Verständnis gezeigt. Noch immer bleibt das bittere Wort Wahrheit, daß für alle möglichen Zwecke oft überreiche Mittel von Juden zur Verfügung gestellt werden, daß aber das höchste Gut, die geistige Wohlfahrt, in unserer Mitte brachliegen muß! Hätten unsere Glaubensgenossen auch nur eine oberflächliche Kenntnis der jüdischen Geschichte, dann müßten sie sich gegenüber dem Eifer, den unsere Vorfahren der Förderung der Wissenschaft zuteil werden ließen, tief beschämt fühlen! Es ist eine betrübende Tatsache, daß seit dem Eintritt der deutschen Juden in die moderne Kultur Stiftungen für jüdisch-wissenschaftliche Zwecke leider nur recht vereinzelt entstanden sind, ja daß den meisten deutschen Juden selbst die Namen der Koryphäen der Wissenschaft des Judentums völlig unbekannt sind! Wäre nur ein winziger Teil aller Summen, die von Juden für sonstige wissenschaftliche Gebiete zu Verfügung gestellt wurden, der Wissenschaft des Judentums zugute gekommen, dann hätten Männer, wie Leopold Zunz und Moritz Steinschneider, es nicht nötig gehabt, die kostbarsten Stunden aus ihre materielle Existenz zu verwenden und in fortdauernder Sorge zu leben, ob die Veröffentlichung ihrer Forschungsergebnisse ihnen überhaupt möglich sein würde! Und wie winzig ferner gegenüber den reichen Mitteln, die den wissenschaftlichen Gesellschaften in unserem Vaterlande zur Verfügung stehen, sind die Einkünfte z. B. der Gesellschaft für die Wissenschaft des Judentums, die den Mittelpunkt der jüdisch-wissenschaftlichen Bestrebungen in der Gegenwart bildet, aber bei diesen Verhältnissen so manche dringend notwendige wissenschaftliche Tätigkeit unterlassen oder wenigstens zurückstellen muß! Ist es nicht traurig und beschämend, daß wir lediglich aus diesen materiellen Gründen — denn an tüchtigen, mit dem Rüstzeug moderner Wissenschaft versehenen Forschern ist in unseren Reihen keinMangel — die uns doch zunächst obliegende Bibelsorschung der protestantischen Theologie überlassen mußten, die sie nach ihrer Weise, in ihrer Anschauung und für ihren besonderen Zweck gepflegt hat; soll in der Zukunft — und die Ansätze hierfür sind schon vorhanden — auch die nachbiblische Periode in gleicher Weise ihr überlasten bleiben? Wäre es da nicht an der Zeit, dem Vorschlag des Verfasters nachzukommen und eine großzügige Agitation zur Begründung einer Akademie einzuleiten, die einer Reihe von geeigneten und befähigten Gelehrten die Möglichkeit bieten würde, frei von jeder materiellen Sorge lediglich der jüdischen Wissenschaft zu leben? Ob diese Akademie mit einer jüdischen Fakultät an einer deutschen Universität verknüpft wird, ob der feste Stamm wissenschaftlicher Arbeiter, wie der Verfasser es will, aus den Reihen der jüdischen Religionslehrer gebildet wird, ist vorerst Nebensache; zunächst müßte die materielle Grundlage, und zwar in Beträgen, die noch über das von ihm genannte Maß hinausgehen, gewonnen werden, auf der dann der stolze Bau zur Ehre der deutschen Judenheit aufgerichtet werden könnte! Die Gründung der jüdischen Akademie und ihre Leistungen werden erst die wirkliche Anerkennung be_§ Judentums her beiführen; Zeit ist's — wer stellt sich für diese hehre Aufgabe zur Verfügung? Dir Mache. Berlin, den 5. Februar 1918. ieallgemeinen Verhältnisse haben sich wenig verändert und gar nicht gebessert. In der Kriegslage ist nur eine geringe Veränderung dadurch eingetreten, daß die österreichisch-ungarischen Truppen in Italien ein wenig zurückgezogen worden sind; im Westen hat sich kaum etwas vollzogen. Die Friedensverhandlungen stehen ziemlich auf demselben Punkt. Nur hat es den Anschein, daß die maxiinalistische Partei, die mehr und mehr die Herrschaft in ganz Rußland an sich zu reißen droht, zum Frieden geneigter ist. Es heißt weiter, Geduld haben. Denn seitens der Westmächte und Amerikas ist Nachgiebigkeit nicht zu erhoffen; von einer Aufgabe ihrer Forderungen ist keine Rede. Sie hegen immer noch die Hoffnung, entweder durch Wafsenerfolge oder durch die Not Deutschland niederzuzwingen. In Deutschland selbst ist in vielen größeren Städten ein Streik eingetreten, der an manchen Orten zu bedauernswerten Ruhestörungen geführt hat. Im Gegensatz zu früheren Bewegungen ähnlicher Art hat er keine Lohnerhöhung zum Zweck, sondern bedeutet eine Demonstration zur Erzwingung des Friedens und der Herstellung innerer freiheitlicher Zustände. Er ist durch strenge militärische Anordnungen schnell beendet worden, und es ist zu hoffen, daß die irregeleiteten Massen in Zukunft zur Vernunft kommen und «kennen werden, daß durch solche Maßregeln nur der Sache unserer Feinde gedient wird. *• Das Haager jüdische Korrespondenzbureau fährt fort, Nachrichten über Zustimmungserklärungen verschiedener

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.