Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1918)
- Date
- 1918-02-01
- Page
- Seite 60 (sequence 12)
- Language
- German
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60 Nun stand also der Großvater beim Kindertisch und fragte — das war anfangs Februar — ob sie vielleicht gern Kirschen haben wollten da unten? — „Ja", schrien die Kinder und bekamen rote Backen. Da sagte er, sie sollten warten, bis sie zeitig wären — die Kirschen. Die Kinder machten enttäuschte Gesichter, und der Großvater fragte nun noch einmal, ob sie nicht doch einstweilen ein Prieschen annehmen würden. Besonders seinem Enkel Hermann, dem zu Ehren dies Fest gegeben wurde, empfahl er zuzulangen, er sei ja doch heute in die Rechen der Männer ausgenommen worden. Indessen bemerkte er, daß der schwarze Kaffee hevumgereicht wurde, und beeilte sich, an seinen Platz zurückzukommen. Kurz darauf entstand ein allgemeines Gewühl, und alles, was männlichen Geschlechtes war, bis herab auf die kleinsten Bübchen verschwand, um sogleich bedeckten Hauptes zurückzukehren und so — wie es der jüdische Brauch will — das Tischgebet zu verrichten. Der kleine dreizehnjährige Hermann saß nun wieder, wie zu Beginn der Feier, zu oberst an der Tafel und betete das lange Gebet in hebräischer Sprache von Anfang bis zu Ende tadellos vor. Die Anwesenden sprachen — leise die Lippen bewegend — flüsternd mit. Nur bei einigen Stellen erhoben sie die Stimme zu einem kleinen Singsang. Als der Knabe geendet hatte, erhob sich jedermann mit einem jüdisch gesprochenen Dankwort. Biele traten auck^ruf ihn zu, schüttelten ihm anerkennend die Hand oder klopften ihn ermunternd auf die Schulter. * Hermann Kahn war ein hübscher, frischer Junge, mit weichen, dunklen Haaren und verständigen, braunen Judenkinderaugen. Heute aber machte er eine nicht eben gute Figur, denn das leibarme Bürschlein trug, der Sitte gemäß — der seit diesem Vormittag, da er in der Synagoge laut vor der Gemeinde den Seqensspruch gesprochen hatte, ein „Mann" geworden —, lange Beinkleider und Stehkragen und Krawatte wie die Erwachsenen. Zu seiner Mutter bitterem Kummer, die es kaum erwarten konnte, bis sie morgen ihr „Kind" wiederfinden würde in kurzen Höschen und breitem Matrosenkragen. Was Hermann selbst betraf, so war er stolz auf diese schlechtsitzenden Beinkleider und aus den Stehkragen, wenngleich er ihm ein wenig am Hals kratzte. Das Schönste aber war die neue silberne Uhr, die er alle Augenblicke aus der Tasche zog. Noch eine Menge anderer Geschenke, besonders Bücher, machten ihm den Tag wert: Die christlichen Mitschüler feierten mit dreizehn Jahren ihre Konfirmation, und die Judenbuben wurden „Barmizwah". Und alle erhielten an diesem Tag die langersehnte Taschenuhr. Das war die Hauptsache. •* Wenn im -Hause von der bevorstehenden Feier die Rede war, so besprach man das Menü und Musters neues Seidenkleid, und wie sich Hermann wohl ausnehmen werde in den langen Beinkleidern. Und daß der Großvater Herkommen würde und der Onkel Salomon und der Onkel -Simson und Onkel Siegfried und Onkel Ferdinand und Onkel Maier und Tante Sophie und Tante Sara und alle. Von der tieferen Bedeutung des Tages aber sprach man nie im Hause, nur Herr Rosenblatt verbreitete sich darüber in der Religionsstunde. Und dann war noch die Rede davon, daß vielleicht sogar Tante Elise käme - bis aus Paris- Der Vater aber zuckte allemal die Achseln, und das hieß ungefähr: »Lieber nicht!' oder: »Mag sie bleiben, wo sie ist!' Aber der Mutter merkte man gut an, daß sie die Tante gern einmal wiedergesehen haben würde — trotz alledem. Und diese kleine Geschichte von der Tante Elise soll lieber gleich hier erzählt werden, damit ich sie nicht vergesse über den Dingen, die später alle darankommen sollen. Also diese Tante Elise war eigentlich keine richtige Tante, sondern bloß Vaters Cousine. Und wie sich Vater und Mutter damals verlobten, da gefiel Mutter, wie sie zum erstenmal in die Heimat ihres Bräutigams kam, in dem ganzen Judendorf keine so wie sie. Denn sie hatte eine Krone von rötlichen Haaren und tiefdunkeMaue Augen. Und ein weißes seines Gesicht und Grübchen in den Backen. Und machte nicht immerfort Fehler beim Sprechen wie sonst alle Leute dort. Und alle Männer bemühten sich um sie. Aber Vater warnte seine Braut gleich damals. Und daß ich es kurz mache: im Dorf und in der ganzen Umgegend war ihr keiner gut genug. Auch Vater nicht. Und da fing nun das mit dem „Grafen" an. In der Nähe des kleinen Judendorfes befand sich nämlich ein Badeort für herzkranke Menschen. Und weil der „Graf" ein bißchen „mit das eoeur" zu tun hatte — wie er in seinem drolligen und doch energischen Deutsch sagte — hatten ihn die Aerzte bis von Davis 'dorthin geschickt. Und wenn nun Tante Mise des Sonntags mit den anderen Judenmädchen in das „Bad" kamen zum Tanzen, so -tanzte er den ganzen Abend unausgesetzt mit ihr, trotz „das eosur". Und eines Tages war sie auf und davon mit ihm. nachdem es daheim mit den Eltern Zank und Streit aeg-eben batte. Denn der „Graf" war ein Goj — ein Christ — dies war sicher. Weniger sicher das mit seiner Grafschaft. Damit iah es windig aus. Nämlich er hieß bloß so „Herr Gras", wie andere Leute . H-err Müller" oder „Herr Schmidt" beißen. Sonst war -er von deutschen Eltern in Daris geboren und war dort Advokat, und ein auter. seiner, eleganter iunger Mann. Aber da war trotzdem nie an eine Heirat nt -denken zwischen dem christlichen jungen Menschen und der Jüdin. Und so gingen die beiden verliebten iunaen Leute bei Nackt und Nebel miteinander durch, ließen sich, sobald es sein konnte, trauen und lebten schlecht und recht, wie es ging, in einer bescheidenen Wohnung in Daris im fünften Stock eines einfachen Hauses. Kinder kamen keine. Die Eltern 'daheim in Deutschland hielten für die Tochter sieben Trauertage, wie man sonst in einem südischen Hause für ein Verstorbenes tut: setzten sie auf das Pflichtteil und ließen all ihre Briefe unbeantwortet znrückgehen. Denn ihr Vater war ein fanatischer Jude und ein unbeugsamer alter Mann. Nur Frau Hanna wechselte hin und wieder einen Brief mit ihr, obgleich Herr Kahn es nicht eben gern sah. Denn — meinte er — wenn Hermann später einmal diese Sache begriffe — es sei kein rechtes Borbild, 'daß gerade seine Mutter — sie ganz allein — ausgerechnet. Frau Kahn aber meintet im Gegenteil, sie könne nicht einsehen, was diese Frau so Schreckliches verbrochen habe. Denn es sei ia doch nicht ibre — Tante Elises — Schuld, sondern ihr Schicksal, daß sie sich habe in einen Christen verlieben müssen. Im übrigen wollten sie sich doch nicht täuschen — was sei ihnen allen 'denn heute noch groß das Judentum? Ihnen Men, die sie nicht streng orthodoxen Kreisen angehörten? — Tradition, nicht viel mehr: lind sie müsse gestehen, 'daß sie jene eiaentlich um diesen Mut beneide, den Frau Hanna wohl nie im Leben ausgebracht haben würde. Unsinn, der helle Unsinn wäre das, erwiderte erregt ihr Gatte, Herr Julius Kahn — und übrigens abgesehen davon, daß er ein Goj gewesen wäre — was sie denn glaube, wenn zwei mir nichts, dir nichts miteinander auf und davon gingen, ob sie sich vielleicht einbilde, daß sie dann hübsch warteten 'bis nach -der Hochzeit ...'.? (Fortsetzung folgt.)