Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1918)
- Date
- 1918-02-01
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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58 kommt, oder sie wissen es nicht, dann mag es für sie Geheimnis bleiben; die Hauptsache ist, daß wir betont haben: der liebe Gott hat es getan; dann wird es Wohl gut sein." In methodisch vortrefflicher Weise spricht Gottschalk über die Verwendung biblischer Bilder. Mit vollem Recht warnt er vor ihrer Ueberschätzung und weist ihnen nur die Aufgabe zu, das Interesse an einer bestimmten Erzählung zu erhöhen und zu stärken. Ich möchte noch besonders darauf Hinweisen, daß man nur künstlerisch vollendete Darstellungen den Kindern zeigen sollte. Ein großer Künstler wird aber -zumeist durch andere als religionspädagogische Tendenzen beim Schaffen geleitet. Man wird also schon aus diesem Grunde nur selten Gelegenheit haben, geeignete Bilder zeigen zu können. Man beachte auch die autoritative Beeinflussung der kindlichen Phantasietätigkeit durch das Bild, das doch eigentlich die Vorstellungstätigkeil des Kindes anregen, und nicht einseitig beschränken soll. Gerade die Wandelbarkeit der biblischen Persönlichkeiten im Gemütsleben, das bei größerer Reife auch das Bild dieser Gestalten selbst erst recht ausreifen läßt, möchte man nach Möglichkeit gewahrt wissen. Wenn schon Goethe in der Eigenkraft seiner produktiven Phantasie von sich sagt, daß er jahrelang die biblischen. Gestalten nach den französischen Kupfern, die er in seiner Jugend oft besehen, sich vorgestellt habe, so werden wir bei unseren Kindern, deren Phantasie sicherlich nicht so lebhaft und eigenwillig ist, um so größere Vorsicht anwenden, um ihnen nicht wertlose Bilder (man denke an die verbreiteten Süßlichkeiten und an manche Moderne, denen die biblischen Persönlichkeiten Farbenprobleme oder Linienfpiele sind) für die Dauer einzuprägen. In der Behandlung der Wunder auf der Mittel- und Oberstufe scheint mir Gottschalk manchmal etwas zu vorsichtig zu sein. Er empfiehlt, kurze Erklärungen zu geben, die — nach seiner Meinung — befriedigen, ohne zu zerstören und zu verwirren: „Es wird hier nur so ausgedrückt, aber es ist nicht so gemeint . . ." „So haben es sich die Leute nur später erzählt, aber es war nicht ganz richtig . . ." u. a. Nie aber wird man bei einer solchen Erklärung die Bemerkung vergessen: „Aber das ist ja ganz gleichgültig, wie die Geschichte erzählt wird. Die Hauptsache ist, was wir aus ihr lernen sollen." Und dieser Zusatz wirkt, wie ich bemerkt habe, selbst noch bei reiferen Schülern beständig. Man wird chn darum auch dann anwenden, wenn man im zweiten und dritten Jahre der Mittelstufe den Fragen der Kinder schon zuvorkommt, indem man etwa nach der Erzählung von Elias Tod gleich bemerkt: „So also wird Elias Tod berichtet. Ihr seht, daß hier viel Wunderbares und Sagenhaftes berichtet wird, wie das ja bei bedeutenden Männern oft geschieht. Aber das alles ist für uns natürlich Nebensache." (Seite 91.) Das ist nicht NebeUsache, sondern für uns sehr lehrreich. Es ist sehr wertvoll, wenn, wir sehen, aus welcher Gesinnung und Stimmung, aus welch frommem Glauben oft eine Tatsache mit Wunderberichten umkleidet wurde. Die Stellung des Verfassers zur „Kritik" ist nicht ganz klar. Ohne weiteres wird man zugeben, daß das Lebendigmachen des religiösen Gehalts immer wichtiger ist als die literargeschichtliche Charakteristik des Textes. Aber das schließt nicht aus, daß doch Klarheit über einige wichtige Fragen geschaffen werden muß. Der Verfasser meint einmal: „Wenn wir sagen, daß manche Mose nicht für den Verfasser des fünften Buches halten, so sehe ich darin kein Unglück, halte es aber nicht für unbedingt notwendig." (Seite 135.) Daß Gottschälk kein Unglück darin sieht, wird man von vornherein annehmen. Darauf kommt es auch gar nicht an. Aber die Frage: Wie ist die Bibel überhaupt entstanden, sollte man doch nicht umgehen. Das Buch soll seinen bleibenden Wert für die Heranwachsenden behalten. Es gilt, späteren Versuchen einer leichtfertigen Herabsetzung von vornherein den Boden zu entziehen. Man mag über die sogenannten gesicherten Ergebnisse der Bibelwifsenschast manchmal lächeln, aber die Ergebnisse der Nichtwissenschaft braucht man deshalb nicht schweigend zu verehren. In den Oberklassen der höheren Schulen müssen die jungen Leute sicherlich über wichtige Grundfragen der Kritik orientiert werden, wenn sie sich auch später erst ein selbständiges Urteil über diese Fragen bilden sollen. Sehr beachtenswert sind Coblenz' Ausführungen über das Thema (Brülls Monatshefte 1906, Seite 241 ff.), wenn man auch im einzelnen ihnen nicht zu folgen braucht. Die Aeußerungen des Verfassers über den Unterricht im Hebräischen sind nicht sehr förderlich. Abraham sagt mit vollem Recht, daß der hebräische Unterricht vor allem im Dienste der Gemeinschaftsreligion stehe und. so schnell Wie möglich zu ihr hin führen müsse, und es ist doch wirklich ein Vörbeireden, wenn Gottschalk dazu bemerkt: „Und er (Abraham) muß doch die Einprägung des Artikels, der Pluralendungen, des Statuskonstruktus, der Personalsuffixe, der Prä- und Asformative, der Hauptmerkmale der Konjugationen verlangen. Als ob durch diese Dinge die Gemeinschaftsreligion auch nur das geringste gewönne." Der Unterricht im Hebräischen ist auch im Religionsunterricht selbstverständlich zu einem Teile Sprachunterricht — und diesen Teil wünschen wir nach der besten Methode des Sprachunterrichts behandelt — das steht nicht im Widerspruch zu der Forderung, daß das Erarbeitete dann so schnell wie möglich religiös verwertet werde. Natürlich ist das Grammatische nicht Selbstzweck, sondern es dient. Aber die Scheu vor der Grammatik und rein sprachlichen Uebungen, die doch schließlich nur bezwecken, das Hebräische den Kindern vertraut zu machen und jedes Mechanisieren beim Uebersetzen und das Isolieren des Wortmaterials zu verhindern, wirkt bei Gyttschalk fast komisch. „Man verlange von den Kindern nie Uebertragungen deutscher Formen ins Hebräische." (Seite 94.) Und selbst vom Unterricht in den oberen Klassen des Gymnasiums (Seite 167) sagt er: „Die größere Sprachenkenntnis der Kinder wird uns auch hier keineswegs dazu verleiten, mehr Zeit als früher auf Grammatik zu verwenden. Den Unterschied der regelmäßigen und unregelmäßigen Verben oder gar die einzelnen Gruppen dieser schwachen Zeitwörter werden wir den Kindern dieser Schulen ebensowenig wie den Kindern der anderen klarmachen." Die Kinder zwischen richtiger und falscher Betonung hin Und her schwanken zu lassen, ist sicherlich verfehlt. Und wie unangebracht ist die Bemerkung (Seite 60): „Gott erhört ja wohl auch weniger richtig betonte Worte." Könnte man dann nicht weiter fragen, ob es der hebräischen Worte und schließlich der Worte überhaupt bedürfe? Ein überflüssiges Experiment nennt der Verfasser das „Anmalen der Buchstaben" im Fibelunterricht. Wenn er darunter das entwickelnde Zeichnen der Grundformen der Buchstaben zur deutlicheren Anschauung und zum leichten Erfassen und Behalten versteht, so ist sein Urteil falsch. Es ist gewiß gut, sich keinen Illusionen hinzugeben. Es wird im Hebräischen heute wenig erreicht, besonders in nichtjüdischen Schulen, im fakultativen Religionsunterricht, der nur gelegentlich besucht wird, in manchen großstädtischen Religionsschulen, deren Lehrer naturgemäß keinen persönlichen Einfluß auf die Eltern üben, und bei Schülern, die nie die Synagoge besuchen, — aber man soll doch in der Resignation nicht zu weit gehen und alles Heil von übersetzten Gebetbüchern erwarten. Bei Behandlung der jüdischen Geschichte verlangt der Verfaffer mit großem Recht wiederholt die Rücksichtnahme auf die Faffungskraft und das Interesse der Kinder. Den großen Wert, den er anscheinend seiner Scheidung in einheitliche