Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1918)
- Date
- 1918-02-01
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229344--73751-3286232- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
57 RÄigionsunterrichts beeinfluß. Oft sogar hat man gedankenlos-übertragen, tvas man mit selbständigem Pädagogischen Erfassen bester gemacht hätte, und selbst Entartungen des Modegeschmacks gegenüber -hat man sich nicht abweisend verhalten. Oer Verfasser irrt, wenn er meint, die katechismusartigen Religionsleitfäden unseligen Andenkens seien entstanden, weil'„man auf die bekanntesten und ältesten Lehrbücher, wie Mschne Thora und Schulchan aruch, zurückgegriffen" habe (S. 120). Nein, man hatte leider die Art der christlichen Katechismen sich zum Vorbilde genommen.. Die reicheren Erfahrungen der christlichen Methodiker wird man sich zunutze machen. Die Beachtung der Formgesetze braucht ja nicht den Gehalt zu schädigen. Selbst ein orthodoxer Methodiker kommt ohne Ehukaß. -hagoi -Herbart (Fovmalstufen!) nicht auS. Aber man muß es Gottschalk zum Lobe nachsagen, daß er sich nicht in Dingen beeinflussen , läßt, die eine charakteristische und wertvolle Eigenart bilden; er ist sich stets bewußt, daß er es mit dem jüdischen Religionsunterricht zu tun hat. In der Einleitung spricht der Verfasser über die Wichtigkeit des Religionsunterrichts, über den Wert der Methode und die Bedeutung der -Lehrerpersönlichkeit. Mt Recht verwirft er einen bloß „objektiven" Unterricht. Doch hält er es selbstverständlich für die Pflicht des Lehrers, Eltern und Kinder nicht einander religiös zu entfremden. Es find freilich viele Schwierigkeiten zu überwinden. Besonders wenn die Schüler Eltern der entgegengesetzten religiösen Richtungen angehören, bedarf es der Klugheit und des Feingefühls einer feiner Sache sicheren, innerlich religiösen Persönlichkeit, um den Weg nicht zu verfehlen. Dr, Josephs Rat, -dem der Verfasser (S. 178) beistimmt, daß nämlich jede Partei ihr Religionsbuch schaffe, würde in diesem Falle nichts nützen. Was Gottschalk über die Lehrbarkeit des Religiösen sagt, geht nicht.sehr in die Tiefe des Problems. Er hätte nicht Kabisch eines unangebrachten Optimismus zeihen sollen, -da gerade dieser ausgezeichnete Methodiker nach gründlicher psychologischer Erforsckuna die Möglichkeit religiöser Einwirkung, aber -auch ihre Begrenztheiten in musterhafter Klarheit dargestellt hat. Auch die kurze Polemik gegen Thrändors lS. 12) scheint nicht stichhaltig. Denn mit Recht bezeichnet Thrändors „Weckung des Interesses" als das Höchste, was der Religionsunterricht erreichen kann. Das Höchste ist es sicher nicht, nur sicherlich das läufigste, meintGottschalk. Aber Thrändors gebraucht das Wort im Herbartischen Sinne: Intereffe ist -das-Leben und Weben in der Sache. Wenn wir das nur erreichen! In dem größeren Abschnitt feines Buckes sS. 18 bis 157) spricht der Verfasser von Volks- und Religionsschulen — was er S. 157 ff. über Mttelschulen sagt, ist belanglos — S. 158 bis 184 von den höheren Schulen. Die wichtigsten grundlegenden Ausführungen finden sich natürlich im ersten Teile. In -den drei größeren Abschnitten: Unterstufe, Mittelstufe, Oberstufe (der Gottschalk die beiden letzten Schuljahre zuweist) bespricht er die einzelnen Unterrichtsgegenstände. Kurze Ueberschriften statt der inhaltlosen Ueberleitungen (die Schablone: „was — betrifft, so" habe ich zwanzigmal gefunden, ohne sie zu suchen) hätten den Stoff übersichtlicher gegliedert. Schon aus dem Umrande, daß Volks- und Religionsschul-en zusammen behandelt werden, ergibt sich, daß hier mehr die allgemeinen Richtlinien gezeichnet werden. Ueber den biblischen -Geschichtsunterricht der Unterstufe weiß er Vortreffliches zu sagen. In der Auswahl -des Stoffes und in -der Art der Behandlung wird man ihm -im großen und ganzen zustrmmen können. Mit Wärme -empfiehlt er besonders für das erste Schuljahr die Agada. Bescheidentlich verschweigt er, daß er selbst die Lewnersche Sammlung für die Jugend übersetzt und bearbeitet hat. Den Versuch Schalom Aschs, biblische Geschichte mit Agadas zu erzählen, der seinerzeit von der jüdischen Presie, nicht nur der zionistischen, mit so ausschweifendem Lobe begrüßt wurde, muß ich für völlig verfehlt halten, wenigstens für unsere deutschen Schulen. Gottschalk vermeidet klugerweise die Verquickung der Agada mit den Erzählungen der Bibel, deren schlichte Größe er selbst tief empfindet. Auch das Märchenhaft-Phantastische in der Agada Will er anscheinend nicht heranziehey, sondern mehr das Ge-, mütvoll-Ethische. In dieser Begrenzung mag man weiter Versuche machen. Sehr viel Wertvolles für unsere Kinder wird man in diesen kulturhistorisch und dichterisch bedeutsamen Ausstrahlungen jüdischer — aber nicht immer reinjüdischer!— Volksphantasie nicht finden. Gottschalk ist ein großer Freund der entwickelnd-darstellenden Methode. Sie ist aber doch ein Instrument, auf dem nur Meister spielen können, und ihrer Natur nach läßt sie sich nur gelegentlich anwenden. Wichtiger bleibt für den iungen Lehrer immer noch die Ausbildung in der Kunst des Erzählens. Dem strengen Urteil über Max Pauls Behandluna der biblischen Geschichte kann man sich anschließen. Das Geschmacksniveau dieses Autors iit sicherlich sehr niedrig. Aber die Geschwister Zurhellen stehen doch auf einer ganz anderen Stufe. Mag man Einzelheiten verurteilen, aber das Buch im ganzen ist eine bedeutende Leistung, die Gottschalk nicht aenug respektiert. Es handelt sich hier nicht bloß um „die Frage nach der Ausmalung", sondern um das Recht einer kindgemäßen freien Reproduktion, die bei Zurhellen eine achtunggebietende, künstlerische Qualität zeigt. (Nebenbei bemerkt: der etwas überhebliche Ton, in dem Gottschalk weiterhin Bücker wie Eoblenz' und Freudenthals Religionsbücher und Müllers jüdische Geschichte erwähnt, erscheint nickt angemessen. Bücker. die in methodischer k-insscht einen wesentlichen Fortschritt bedeuten und für viele Schulen wertvolle Lehrmittel sind, sollte man in anderer Art kritisieren. Wir haben wirklich keinen Ueberfluß an solchen Büchern.) Wie übrigens Else Zurbellen-Pfleiderer lihr Bruder ist im Krieae aefallenl den Bibeltert schonend zu behandeln weiß, zeiat ihr Buch: Biblische Geschickten und Versönlickkeiten. Auch die besten Agadas verdanken ihr Entstehen dem liebevollen Versenken in den Gehalt einer biblischen Geschickte und der schöpferischen — oft auch nur „ausmalenden" — Reproduktion aus frommem Gemüte. Wie Gottschalk selbst die lAxschickte der Ovferuna Isaaks darstellen will, ist auf jeden??all nickt vorbildlich: „Abrabam, ich habe dir einen Sohn geschenkt, den Isaak. Ich weiß, daß du ibn sebr lieb hast. Aber ick möchte ihn jetzt wiederhaben. Brinae ibn mir auf einen Bern, den ich dir noch reinen werde. Man nennt daS: Abraham sollte den Isaak oviern." Das nennt man nickt opfern. So darf man die Schwierigkeiten nicht umschleichen. Es ist auch eine Vermengung von Tatsachen und Berichtsbeurt-eiluna. wenn er S. 128 lOberstufel saat: ..Hier ist der Ort, um die Erzählung von der Ovferuna Isaaks in ihrer Bedeutung, für Abraham gebührend hervortreten zu lassen. Gier ist sie zu vergleichen mit der Tat Iephtas. der nicht etwa größer, sondern kleiner als Abraham war, indem jener die Tat ausgeführt, dieser sie unterlassen bat. So beweist er nickt nur den unbedingten Gehorsam, sondern legt auch Zeugnis ab von einer gereinigten Gottesauffassung." Ganz unbegründet ist die Aengstlickkeit. mit der der Verfasser über Begriffe, die den Kindern durchaus bekannt sind, hinweggleiten will, und die Umständlichkeit, mit der er ausfükrt: „Sara war nun schon sehr alt, da sagte der liebe Gott, sie soll nicht mehr leben. Und niemand sah sie seitdem: -die Leute sagten: Sara ist gestorben. Weiter fügen wir nichts hinzu: entweder die Kinder wissen schon selbst, was nach dem. Sterben