Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1918)
- Date
- 1918-02-01
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
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56 unb es im Dezemberheft der von ihm selbst mit herausgegebenen alldeutschen Monatsschrift „Deutschlands Erneuerung" veröffentlicht. Er zieht darin alle Register seines bekanntermaßen recht umfangreichen Schimpflexikons, um den „ungezogenen Liebling der Grazien" bis in den Pfuhl der Hölle zu verdammen. Aus diesem groben Schmähartikel, aus dem, um ein Wort Heines zu gebrauchen, eine Lust weht, „wie der Dust aus 36 Kloaken", sei hier — nicht zur Charakteristik des Dichters, sondern seines „Richters" — mir eine ganz kleine Blütenlese zusammengestellt. Ehamberlain nennt den Dichter „einen ehrlosen Schuft", es stecke in ihm „ein solcher Abgrund von Gemeinheit, daß man sich schon durch den bloßen Anblick beschmutzt fühlt", er habe „Gaunereien und Erpressungen" ausgeübt, und sei „Revolverjournalist schlimmster Art"; seine Schriften seien uneingeschränkt „frivol und niederträchtig". Er besitze nicht einmal die „Kühnheit einer echten Verbrechernatur: selbst in seinen Ausschweifungen und in seinen Ehrabschneidungen und Schurkereien erscheint er unsagbar klein und nichtig". Das Denkmal, das man ihm setzen wolle, würde in Wahrheit „ein Denkmal der Ehrlosigkeit" sein. Glaubt Herr H. St. Ehamberlain im Ernst, einen Heine, der trotz seiner unleugbaren moralischen Schwächen so kerndeutschen Männern wie Treitschke und Bismarck, der einer Kaiserin Elisabeth, die mit seinem Andenken einen förmlichen Kult trieb, lieb und wert war, dem deutschen Volke mit einem solchen blöden Geschimpfe verekeln zu können? Muß er sich nicht im Gegenteil sagen, daß der Ekel des deutschen Volkes, daS, wie selbst Herr Adolf Bartels einmal bekümmerten Herzens eingestehen mußte, trotz aller gehässigen Anfeindungen dem Dichter in unverminderter Liebe und Treue anhängt, sich weniger gegen den Angegriffenen, der sich nicht mehr verteidigen kann, als gegen den skrupellosen Angreifer wenden könnte? S t ö ck e r, der mit seinen Gegnern wahrlich ebenfalls nicht sänstiglich umgesprungen ist, sondern sie vielmehr in der rüdesten Weise behandelt hat, so daß die nächsten Freunde, wie sein Biograph Dietrich v. Oertzen schreibt, oft verzweifelt die Hände rangen, hat das Wori geprägt von der „Unzucht der Sprache". Herr Ehamberlain, der sich im gewissen Sinne ja als Testamentsvollstrecker Stöckers betrachtet, scheint den brennenden Ehrgeiz zu besitzen, dieses Wort des geistlichen Demagogen auch für seine Person zu bewahrheiten. Der blinde Haß hat ihm so sehr das Urteilsvermögen getrübt, daß er offenbar gar nicht ahnt, wie sehr er mit einem großen Teil dieser Anklagen auch ein chm sehr nahe stehendes teures Haupt trifft. Oder sollte der Erkorene des Hauses Wahnfried wirklich vergessen haben, wie der erlauchte Begründer der Bayreuth er Dynastie — Nietzsche sprach freilich etwas despektierlich von einem Bayreuther „Sumpf" — an nicht wenigen Personen, die in seinem ereignisreichen Leben zu ihm in nähere Beziehungen getreten waren, Brandschatzungen vorgenommen hat, die ans Erpresserische streifen? Es sei nur erinnert an die Fälle Baron v. Hornstein, Ferdinand Hiller, ganz abgesehen von seiner steten Inanspruchnahme der finanziellen Hilfsquellen, die ihm Napoleon, Fürstin Metternich, der Herzog von Morny und andere mehr oder minder unfreiwillig erösfneten. Indessen der Dichter Emtn sich mit Bismarck trösten, bem Herr Ehamberlain, wenn auch nicht direkt Erpressungen, so doch nach dem glorreichen Vorbilde Ahlwardts, zum mindesten Bestechlichkeit oder so etwas Aehnliches nachsagte, indem er zur Erklärung der späteren Gegnerschaft des Altreichskanzlers gegen den Antisemitismus bemerkt, daß derselbe Bismarck 1847, „als er noch offen reden d u r s t e", sich g e g e n die Juden geäußert habe, Und warum „durste" Bismarck, dem es doch wahrlich nicht au „Zivilcourage" gefehlt hat, der auch in der verzweifelten politischen Situation — man denke an die Konfliktszeit und den Krieg von 1866 — gegen eine Welt von äußeren Feinden und inneren Gegnern ankämpfen mutzte, später, als er auf der Höhe des Ruhmes stand, der lorbeerumkränzte erste Staatsmann Europas war, gegen die Juden nichts sagen? Weil er sich, nach antisemittscher Behauptung, an die Juden „verkauft" hatte! Das meint doch wohl auch Herr Ehamberlain mit seiner tückischen Wendung, „als er noch offen reden durfte". Daß eine solche skruPÄlose Verleumdung an Bismarck nicht heranreichte, daß er mit Verachtung auf diese niedrigen Verleumder herabblickte, ja, sie nicht einmal der Ehre einer strafrechtlichen Verfolgung, wie so viele seiner ernsthaften politischen Gegner würdigte, ist ja zur Genüge bekannt, und es sei in dem Zusammenhänge nur noch an eine Bemerkung des Altreichskanzlers erinnert: „Bei meinen Beziehungen als Minister zur jüdischen Hautefinance ist immer diese, niemals bin ich der verpflichtete Teil gewesen." (Hermann Hofmann, Bismarck 1890/98 I @.141.)' Im übrigen auf diese Charakteristik Heines näher einzugehen wird niemand erwarten, weil auch dem blödesten Auge llar wird, daß hier nicht die objektive Wahrheit, sondern fanattfcher H aß die Feder geführt hat. Einer der bedeutendsten völkischen Publizisten hat einmal eine solche tendenziöse Schreibweise, die „die Grundlage aller echten Wahrheit" vermissen läßt, ausgezeichnet charakterisiert, indem er sagte: „DiegänzlichuninteressierteGerechtigkeitsliebe fehlt fast überall; daraus kann man erkennen-, daß wir noch Barbaren sind". — So — Herr H. St. Ehamberlain am Schluffe seiner „Grundlagen des neunzehnte Jahrhunderts"! Schade, daß Heine, dem es, als er noch im rosigen Lichte wandelte, an Gegnern ähnlichen Kalibers nicht gefehlt hat, diesen kritischen. Nachfahren seiner damaligen skrupellosen Verleumder nicht mehr erlebt hat. Seine Auseinandersetzung mit diesem Prachtexemplar einer neudeutschen völkischen kritischen Lästerzunft wäre, gemessen an der moralischen Stäupung, die ein Wolfgang Menzel und Platen über sich ergehen lassen mußten und die zweifellos Über das berechtigte Maß hinausgehen, sicherlich ein Schauspiel für Götter und Menschen gewesen sein. „Methodische Fragen". Von Dr. M. Spanier (Berlin). mit vollem Recht nennt der Verfasser das vorliegende Werk*) nicht eine Methodik des jüdischen Religionsunterrichts. Es ist kein Wegweiser, der in alle verschlungenen Pfade des weitschichtigen Gebiets Suchende führen könnte. Aber über die wichtigsten Grundfragen hat der Verfasser sich sehr eingehend orientiert; er hat die Probleme selbständig durchdacht und in einer lebendigen und anregenden Art die Ergebnisse dargestellt. Man ist schon dankbar, wenn man statt der abgegriffenen pädagogischen Phrasen, die einem aus Artikeln und Broschüren immer wieder entgegentönen, eine eigene frische Sprache hört, die aus dem Vertiefen in die Sach« selbst quillt. . Es braucht kaum gesagt zü werden, daß der Autor christliche Autoren ju Rate zieht. Denn die Methodik des jüdischen Religionsunterrichts ist von jener Zeit ab, wo man überhaupt von einer Methodik reden kann, durch die Methode des christlichen Methodische Fragen des jüdischen Religionsunterrichts. Von B. Gottschalk. Preisschrift des D. I. G. B. Verlag von M. Poppelauer, Berlin 1917. 186, Seiten.