Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 5 (1.2.1918)
- Date
- 1918-02-01
- Page
- Seite 53 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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53 „Berliner Tageblatt" gebrachte Nachricht mit großer Befriedigung registrieren: Die Türken und die Juden. Berlin, 23. Januar. (W. T.B.) Der Grohwesir Talaat Pascha enrpfing heute eine Abordrrung, bestehend aus den Herren Professor Dr. James Israel, Bankier A. F. Marcus, Dr. Alfred Nossig, Kommerzienrat G. Simon und Professor Dr. Ludwig Stein, um ihnen von den Absichten der os-manischen Regierung bezüglich mehrerer die Lage der Juden im türkischen Reiche nach Friedensschluß betreffenden Fragen Kenntnis zu geben. Dem Empfange wohnte der aus Konstantinopel kürzlich eingetroffene Kammerdeputierte Emanuel Carasso bei. Die Besprechung ergab eine Uebereinstimmung in den wesentlichsten Punkten, so daß die Abordnung ihre volle Befriedigung über die Darlegungen des Großwestrs zum Ausdruck bringen konnte. * Mit geringerer Freude nimmt man das auf, was man über Deutschland liest. In einer großen Versammlung der „Deutschen Vaterlandspartei" sind Aeußerungen gefallen, die nur teilweise erfreulich sind. Zwar mag man die Erklärung von Tirpitz, so sehr sie von manchem bisher Lautgewordenen abweicht, gern entgegennehmen, aber die Ausführungen eines der berühmtesten deutschen Universitätsprofessoren wenden sich deutlich genug gegen die Juden. Die für uns wichtigste Stelle des Berichtes lautet: Großadmiral v. Tirpitz beschäftigte sich u. a. auch mit dem „Bund der Kriegsbeschädigten und Kriegsteilnehmer". Er habe der letzten Versammlung dieses Bundes selbst nicht beigewohnt, bedauere aber die Vorgänge, die sich dort abgespielt haben. In der Versammlung sollen Aeußerungen gefallen sein, die als antisemitisch aufgefaßt worden sind. Die D. V. P. habe mit den antisemitischen Bestrebungen nicht das allergeringste zu tun. v. Tirpitz schloß mit einer Aufforderung zum Durchhalten bis zum endgültigen Sieg. Nach der Verlesung eines Telegramms, das Feldmarschall v. Hindenburg an v. Tirpitz gesandt hat, und in dem lediglich der Dank für freundliches Gedenken übermittelt wird, ergriff das Wort Professor v. Wilamowitz-Möllendorsf. Aus seinen und der nachfolgenden Redner Worten ging im Gegensatz zu den Worten unseres früheren Großadmirals hervor, daß nur die Mitglieder -der rechtsstehenden politischen Parteien der D. B. P. Sympathien entgegenbringen können, v. Wilamowitz fand scharfe Worte gegen die Mehrheitsparteien im Reichstag und betonte, daß die D. B. P. alle Parteien bekämpfen werde, die nur das Interesse einer Clique wahrnehmen oder durch Beziehungen zur internationalen Finanzwelt ein Geschäftchen machen wollen. Mit solchen Gruppen gäbe es keine Verständigung. Die jetzige Reichstagsmehrheit bezerchnete der Redner als Platzhalter einer vergangenen Zeit, die durchaus mcht die Mehrheit des deutschen Volkes repräsentieren und nicht mehr genügend Sinn für die Realitäten hätten, vielmehr von der Wichtigkeit der eigenen Person allzusehr überzeugt seien. Ein Fräulein Dr. v. Remstädt schimpfte auf die rote und goldene Internationale und behauptete, daß die ganzen innerpolitischen Differenzen schließlich auf den Kampf des goldenen Kalbes gegen den deutschen Adler zurückzrrführen seien. * Noch weniger angenehm, wenn auch freilich nicht überraschend, ist folgende Notiz, die wir einem antisemitischen Blatte entnehmen: Volksgenossen hört! Zu dem Zusammenbruch in Brest- Mowfk hat der Reichstagsabgeordnete Dr. Werner (Gießen) eine Eingabe an den Reichskanzler gerichtet, in der er diesen dringend ersucht, nt den Friedensverhandlungen die Schließung der ReichSgrenzen gegen jüdische Zuwanderung ebenso festznlegen wie den Schutz der deutschen Minderheiten in den mit uns Krieg führenden Staaten; des weiteren nur einem Frieden zuzustimmen, der nicht das Verlangen der Internationale, sondern die des Deutschen Reiches und Volkes wahrt. Diese Eingabe erfolgte im Namen der Deutschvölkischen Partei. Aehnliche Eingaben, die zum Teil auch von den. christlichsozialen Abgeordneten und dem verstorbenen Abgeordneten Gräfe, selbstverständlich auch von den übrigen deutschvölkischen Vertretern im Reichstag unterschrieben waren, find wiederholt schon früher an den Reichskanzler von Bethmann Hollweg geschickt worden. * Endlich ist auf einen Artikel der „Deutschen Tageszeitung": „A l l j u d e" vom 23. Januar hinzuweisen. Die genannte Zeitung hatte Trotzki mit dem von ihr angestaunten Ausdruck: „Alljude" bezeichnet. Sie führt nun aus, daß der „Alljude der wirkliche Ausdruck des Internationalismus" sei. Sie erklärt ferner: Für den Alljuden bedeutet Durchführung des Internationalismus das Ideal des alljüdischen Nationalismus, nämlich die Herrschaft des Alljudentmns durch die Nationen hindurch und damit über sie. Sie macht in gewisser Weise den Fürsten v. Lichnowsky, den ehemaligen deutschen Botschafter in London, wegen seiner Rede zu Kaisers Geburtstag (27. Januar 1914) zum Träger dieses alljüdischen Gedankens und schließt ihre gehässigen Ausführungen mit folgenden Sätzen: Wir beschränken uns heute auf die Nennung zweier extremer Hauptmittel des Alljudentmns. Sie stehen nur scheinbar im Gegensätze zueinander. Die beiden Mittel sind: die Auflösung des nationalen Geistes und die Zersetzung der nationalen Werte durch den internationalen Kapitalismus und die gewaltsame Zerstörung derselben Werte durch Revolution und Einführung, möglichst weitgehender Demokratie. Die erste Methode ist immer in Tätigkeit und arbeitet sozusagen automatisch, die zweite arbeitet in ruhigen Zeiten indirekt, am augnfälligsten, wenn ihre Träger glauben, einen großen Schlag machen zu können. Es ist eine alte Erfahrung^ daß in der Vorbereitung und in der Durchführung von Revolutionen, einerlei m welchen Völkern und Nationen, immer Alljuden entweder allein führen oder mit in der Führung beteiligt sind. So fleht man jetzt in Rußland Trotzki und in den Parteien Oesterreichs und Deutschlands, welche mehr oder minder offen oder versteckt die Ziele Trohkis anstreben, Alljuden an erster Stelle beteiligt. Nach wie vor gilt das auch vom klassischen jüdischen Geschichtsschreiber Dr. Heinrich Graetz in seiner Geschichte des Judentums angeführte Wort: Die Revolution sei immer der Stern Judas gewesen und, fügen wir hinzu, bald die langsame, bald die gewaltsame Revolution. Die Vorstufe ist die Beseitigung jeder wirklichen Monarchie, das Ziel die internationale Republik — beiläufig auch das Ideal des ausländischen Freimaurertums, wiederum gleichbedeutend mit schrankenloser Herrschaft des internationalen Kapitalismus als eigentlichen Trägers und der charakteristischen Dauerform des alljüdischen Gedankens. Die soziale Phrase ändert hieran nichts, sie bezeichnet wieder nur Weg, Mittel und Maske. Gegen diese Bemerkungen, die meist abgedroschene Gedanken in nicht einmal neuen Worten wiederholen, haben wir zunächst zu bemerken, daß wir Graetz, der übrigens keine Geschichte des Judentums, sondern der Juden geschrieben hat, nicht als den klassischen jüdischen Geschichtsschreiber anerkennen, und daß wir in seinen Worten nur sein Bekenntnis, nicht aber das der Juden im allgemeinen sehen können. Wir verwahren uns aber auf das nachdrücklichste dagegen, daß wir, das heißt die Mehrheit der deutschen Juden, irgend etwas mit diesem Alljudentum zu tun hätten. Die „Zersetzung der nationalen Werte durch den internationalen Kapitalismus" ist eine so blöde Phrase, daß es sich nicht lohnt, davon zu reden — der Verfasser jenes Artikels möge sich einmal die Zeichnungslisten der deutschen Kriegsanleihen ansehen, um sich zu belehren, wie eifrig die Juden erst in der jüngsten Zeit an der Stärkung der nationalen Werte gearbeitet haben. Wenn aber als das Wesen des Alljudentums, das heißt nach der Ansicht jenes Artikelschreibers des Judentums überhaupt, die „Auflösung des nationalen Geistes", das heißt des deutschen Geistes, gekennzeichnet wird, so finden wir kaum Worte, die wahre flammende Empörung, wahre heilige Entrüstung genugsam auszudrücken vermögen. Der gegenwärtige Krieg hat allen, die sehen wollen, bewiesen, daß englische, französische.