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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-02-01 · Heft 5 (1.2.1918) · p. Seite 52

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 5 (1.2.1918)
Date
1918-02-01
Page
Seite 52 (sequence 4)
Language
German
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- 52 des Chief-Ra Mi -an d-en König, scheint mir nach einem sehr kurzen Kommentar zu rufen. Dr. Hertz führte im Eingang aus, daß 'seine Mitteilung gesandt würde >^um Besten der jüdischen Gemeinden des Imperiums!, deren geistliches Haupt zu sein ich die Ehre habe". Es i<st gut-, genau zu sein in wichtigen Angelegenheiten, die für eine weite Vertreibung bestimmt sind, und der Anspruch „der geistlichen Führerschaft über die jüdischen Gemeinden des Imperiums" verlangt einigen BerechtigungsnachweiK in betreff Dr. Gafters geistigen Reichs und in betreff gewisser Zusammenschlüsse britischer Inden, welche außerhalb der Autorität der Rabbinate stehen. Dazu erhebt sich noch eine andere Frage: Me weit ist ein geistliches Haupt autorisiert, die Mitglieder seines kirchlichen Reiches! durch lein Amt in politische oder militärische Meinungen einzubeziehen? Dr. Hertz erklärt mit Salbung: „Die Besetzung Jerusalems . . . löeß die Herzen von Millionen meiner Brüder in der ganzen Welt höher schlagen" usw. Nun die Welt ist größer als das britische Imperium «und, wenn ich die Bemerkung wagen darf, es ist eine unverantwortliche U-eberschreitung der Sphäre des Chief-Rabbi, „v0ln seinen Brüdern in der ganzen Welt" zu sprechen. Es wäre besser gewesen, sich mit dem Herzschlage der Juden im britischen Reiche zu. begnügen. Diese große Leichtfertigkeit im Ausdruck verleitet Dr. Hertz in seinem Schlußsätze zu folgender Behauptung: „Das Haus Israels, das seit 2560 Jahren Jerusalem über den Gipfel seiner Freude stellte, -betet glühend, daß allenthalben die heroischen Anstrengungen von Euerer Majestät Kräften schnellstens mit vollständigem und dauerhaftem Erfolg gekrönt sein mögen." Bei allem Respekt vor' dem höheren Wissen des Chief-Rabbi, das Haus Israel scheint nichts derartiges zu tun. Es ist ein Haus, das in sich selbst geteilt ist. Was das Haus Israel in Rußland tut> weiß niemand genau. Mer das Haus Israel in Deutschland und Oesterreich, zu schweigen von Bulgarien und der Türkei, betet mit aller Inbrunst für die Niederlage der britischen Waslsen und für den Erfolg der Feinde des Königs, und Dr. Hertz' Versicherungen gegenüber dem König Georg mit einer Art geometrischer Progression von: „Den jüdischen Gemeinden des Imperiums, meinen Brüdern in der ganzen Welt" und endlich „dem Haus Israel" scheinen mir sehr unglücklich gewählt. Das ist viel mehr als ein Wortstreit. Es reißt die nationalen Grenzen des gegenwärtigen Krieges mitten durch und gibt vor, daß das Haus Israel ebne Art internationale Loyalität hat zu jedem. Lande, dem es zufällig gelingt, Palästina zu erobern. Wenn Marschall Hindenburg mit seinen Kräften eine Diversion macht, um morgen General Men'by aus Palästina herauszuibringen, wäre dann der Großrabbincr von Deutschland berechtigt, seinem Kriegsherrn zuversichern., daß das Haus Israel einstimmig für den Sieg der deutschen Waffen 'bete? Ist etwa die „Morning Post" 'korrekt, -wenn sie sagt, daß der „internationale Nationalismus" eines Juden ihn verhindert, ein guter Engländer zu sein? Es 'bereitet mir wirklich Kummer, diese Fragen zu stellen, aber die unbedachte Sprache des Chief-Rabbi zeigt, wie gesähr'lich es ist, religiöse Gefühle mit nrilitärischen Dingen zu vermengen und Judentum mit Politik zu vermischen. Britische Juden 'freuen sich unzweListlhaft, wenn am Ende des Krieges England den Platz der Türkei in Palästina einnehmen wird, und der „Board oft Deputies" hat, glaube ich, seine Glückwünsche der englischen Regierung übermittelt. Mt den Funktionen dieses Ausschusses zusammenzustoßen, wie es Sir Stuart Samuel eines Tages sagte, durch geistliche Aussprüche, wie sie sich an die Beter einer - religiösen Gemeinschaft richten, ist eine Handlungs'- weise, die in den gegenwärtigen Umständen so unangebracht ist für den Chief-Rabbi wie für den- Kar dinal-Erzbischof. 16. Dezember. Wie die Tage hingehen und 'praktische -politische Vorschläge das erste Fieber der Zionisten ersetzen, ist es ganz Aar geworden, daß, wenn auch der Wechsel der Regierung in Palästina einen neuen Antrieb für die jüdischen Kolonien in diesem Lande sein wird, er doch das nicht befördern wird, was Dr. Gastier einen „autonomen jüdischen Staat" im weitesten Sinne des Wortes nennt. Eine jüdische Regierung wird immer eine religiöse Regierung sein, und das ist es gerade, was in einem Lande, das an die heiligsten Erinnerungen der Juden, Christen und Mohammedaner rührt, zu vermeiden ist. Mit allen Mitteln gebt den Juden gleiche Rechte, aber laßt nicht die wilden Männer . des „Neo--ZioniLjmus" die vorsichtige Politik der alliierten Mächte verwirren mit Visionen, die über das Ziel von Herzl sMjst hinauisjgehen. Dieses Geschwätz von einem „nationalen Heim" ist, glaube ich, nach-HerMsch! Der „unsterbliche Gründer des Zionismus", wie ihn Herr Zangwill einst nannte, war zufrieden mit einem rechtlich gesicherten Heim, und ich bin zu denken geneigt, daß dies das Höchste ist, was seine Nachfolger erreichen werden, und daß es sich auch als das Allerhöchste erweisen wird, was sie verwalten können. Von derselben Korrespondenz wird auch folgendes berichtet: Der jüdische Denker und Schriftsteller D r. Nathan Birnbaum (M a t i a s A ch e r) z u r P a l ä st in a fr a g e. Unser Wiener V. - K o r re s p o nden t schreibt uns:. In der „Wiener Jüdischen. Morgenzeitung" erschien aus! der Feder des bekannten Dr. Nathan Birnbaum (Matias Acher) ein die Palästina frage behandelnder Artikel, der in allen jüdischen Volksmassen starken Widerhall fand. Dr. Birnbaum führte unter anderem 'folgendes aus: „Einstimmig mit den bedeutendsten und hingehendsten Zionisten glaube ich nicht, daß beim Weltfrieden ein selbständiger jüdischer Staat entstehen wird; einstimmig mit ihnenglaube ich, daß das plötzliche Entstehen eines solchen Staates -eine Last wäre, der die gegenwärtigen ökonomischen und politischen Fähigkeiten der Juden nicht gewachsen sind; einstimmig mit ihnen würde es zu meiner vollsten Zufriedenheit geschehen, wenn sich nur Palästina zur freien und garantierten Einwanderung öffnen würde und wenn die Eingewanderten eine ähnliche Autonomie, wie wir sie jetzt in allen Ländern verlangen, -bekommen würden. Aber wie auch all die Hoffnungen, die man jetzt in der jüdischen Welt betreffs Palästinas hegt, in Erfüllung gehen werden, allenfalls scheint mir die folgende Frage die wichtigste und brennendste unter allen Palästinafragen zu sein. Besitzen wir die Sicherheit, daß die ins „heilige" Land unserer Väter zurückkehrenden Volksmassen dort auf dem Boden des durch jahrtausendealte glühende Sehnsucht „geheiligten" alten Heimatlandes auch seinem Geiste und seiner orginell-thpischen Eigenart entsprechend „heilig" leben werden, -oder besteht die Gefahr, daß das Land seinem Urgeistie und Charakter durch sie entfremdet, Profaniert, „entheiligt" werden wird? Ich weiß, daß wir dort ein- oder besser: zweimal kein ganz lobenswertes jüdisches Volksleben führten, und sehe, daß wir uns nicht vorbereiten, zum dritten Male ein besseres zu führen. Ich sehe mit der Einführung des von jedem inneren religiösen Gehalt leeren europäischen Kulturgeistes, des erbittertsten Feindes des wahren jüdischen Denkens und Lebens, das heilige Land bedroht! Ein Schauer erfaßt mein Innerstes bei dem Gedanken, daß die heilige Stadt Jerusalem eine Vorstadt von London. New Dort oder Berlin werden könnte, fremd dem ureigenen jüdischen Volksleben und Denken, daß Jerusalem noch trauriger undbeklagenswerter werden könnte, als es die Propheten gesehen, und . . . kein Prophet ist da! Dr einzige Ausweg aus dem düsteren, bitteren Golus kann und soll dem jüdischen Volke nur das Denken, Fühlen und Leben im Geiste der alten jüdischen Thora und Ueberlieferung sein. Dafür müßten geeignete Wege gesucht, Anschauungen neu geprägt werden. Nur die große, schassende Begeisterung, die Durchdringung mit innigem, wahrem, unerschütterlichem Glauben an Gott und Thora Wunen die Grundsteine unseres nationalen Dolksbaues in Palästina sein!" Dr. Birnbaum schließt mit folgenden Worten: „Möge Gott dem jüdischen Volke seinen Beistand schenken, daß die neu belebende, langersehnte Palästinarückkehr nicht im Fremdgeiste anderer Kulturen erfolge, das Land entweihe, „entheilige" . . .!" * In der Palästinafrage ist trotz des augenblicklichen Besitzstandes die Türkei der wichtigste, wenn nicht geradezu ausschlaggebende Faktor. Darum muß man folgende von dem

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