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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-02-01 · Heft 5 (1.2.1918) · p. Seite 50

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 5 (1.2.1918)
Date
1918-02-01
Page
Seite 50 (sequence 2)
Language
German
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50 empsiehlter für die Vorschule eine „kleine Anzahl biblischer Geschichten und wenige, kurze Gebete." Wohlgemerkt, für volle drei Jahre! An den Festtagen, dem häuslichen und dem öffentlichen Gottesdienst soll man jedoch, entgegen meiner Ansicht, ohne Vermerk vorübergehen Ünd erst, aus einer späteren Stufe deren Besprechung vornehmen! Her -Unterricht in der Vorschule gilt Herrn Friedländer eben nur „BorveiMtung des religiösen Gedankenkreises", und er beruft sich hierbei auf Männer wie Salzmann und Pestalozzi, die den Religionsunterricht überhaupt nicht mit der biblischen Geschichte anfangen wollen, und die Herbart-Zillersche Schule, die den eigentlichen biblischen Geschichtsunterricht erst mit dem dritten Schuljahr beginnen läßt. - Bei aller Hochachtungdie ich vor diesen Männern und ihrer pädagogischen Bedeutung hege, glaube ich doch, daß wir bei der Frage, was für unseren Religionsunterricht frommt und notwendig ist, uns nur von unseren eigenen religiösen Forderungen und Bedürfnissen leiten lassen müssen. Die jüdische Religion ist nun einmal anders Märtet «18 die christliche, und darum sollten wir uns endlich von der schablonenhaften Nachahmung christlicher Lehrweife, die zum Nachteil unseres Religionsunterricht schon allzulange sowohl die Religionsbücher als auch das Unterrichtsverfahren beeinflußt hat, endlich freimächen. — Für mich ist die Vorschule nicht bloße Vorbereitung des religiösen Gedankenkreises, sondern Grundlegung des ganzenspäteren religiösen Lebensbaues. Ist aber die Grundlage hierbei verfehlt, dann sind alle weiteren Erfolge in Frage gestellt. Es ist vor allem Aufgabe des Religionsunterrichts in der Vorschule, das religiöse Gefühl zu wecken, die Empfänglichkeit für die religiösen Eindrücke zu stärken und das Interesse an der religiösen Uebung und Betätigung zu pflegen. Darum darf es meiner Ansicht nach nicht bei dem bloßen biblischen Geschichtsunterricht bewenden, weil durch ihn die Kinder für das religiöse Loben nicht genügsam praktisch angeleitet werden. Ich verlange also mehr. Ich verlange etwa das, was I. Herzberg in einem vor etwa zwei Jahren in den „Blättern für Erziehung und Unterricht" veröffentlichten Aufsatz „Religiöse Heimatkunde" nannte, oder was B. Gottschalk in seinem soeben in Erscheinung begriffenen Schristchen „Methodische Fragen des jüdischen Religionsunterrichts" als Gegenwarts-Frömmigkeit bezeichnet. - Religiösen Anschauungsunterricht habe ich es genannt. Gerade weil in die Vorschulen der höheren Lehranstalten sehr häufig Kinder Eintreten, die im Elternhause wenig oder gar keine religiösen Erlebnisse erfahren haben, so muß ihnen mehr als die biblischen Erzählungen geboten werden, um den bei jedem Kinde vorhandenen Trieb zum Religiösen in die richtigen Bahnen zu lenken. Es gilt vor allem, auch nach der praktisch-religiösen Seite aus sie einzuwirken. Das läßt sich aber nur im Anschluß an das praktisch-religiöse Leben erzielen, indem man mit den Kindern betet und sie zum Beten anleitet — es sollen auch kleine hebräische Gebete, wie das Sch'ma hine lau jonum, u. a. mit ihnen eingeübt werden, was übrigens eine treffliche Vorbereitung für den späteren, eigentlichen hebräischen Unterricht ist—' und indem man sie ihrer kindlichen Verständniskraft entsprechend mit öffentlichem Gottesdienst sowie mit verschiedenen Kultusgegenständen vertraut macht, die Religionsstunde also von Zeit zu Zeit in das Gotteshaus selbst verlegt. Nur durch ein solches Verfahren wird der kindliche Nachahmungstrieb und damit das religiöse Interesse in erhöhtem Maße bei ihnen geweckt. Es sollte bei sechs- bis neunjährigen Kindern nicht mehr Vorkommen dürfen, daß sie, wenn aus irgendeinem -Anlaß, etwa der Barmizwahfeier eines Bruders oder eines Verwandten, sie zufällig einmal dem Gottesdienste beiwohnen, vom Tallis als von einem Schal roden, den die Männer umgelegt haben, oder daß ihnen der Lulav als ein Stock oder eine Mute erscheint, die „der Mann da oben in der Hand hält^asw. Hier ist der religiöse Anschauungsunterricht am-Platze. ' Pflegt man ihn aber nicht, dann ersetzt die ganze spätere Schulzeit nicht, iwas die Vorschule versäumt hat. — Auch bei dem biblischen Geschichtsunterricht verlängeich möglichst stete Anknüpfung an die kirchlichen Erlebnisse. In erster Linie bilden die Festzeiten solche Erlebnisse, aw die man anzuknüpfen vermag. Aus die geschichtliche Reihenfolge kommt es dabei nicht an. Ja, nicht einmal auf das Lernen und' Behalten der betreffenden Erzählungen lege ich bei dieser Stufe ein besonderes- Gewicht, sondern nur auf die religiöse. Jnteressierung.' — Auch sonstige wichtige Ereignisse im religiösen Gemeindeleben wie im Leben des Kindes können solche Anknüpfungspunkte für den Unterricht abgeben. Soll dies aber -geschehen, dann muß dem Lehrer das ganze weite Gebiet der biblischen und jüdischenGeschichte zu freier Auswahl zur Verfügung stehen. Wie ich mir diese.Anknüpfung denke? . Ist einem der Kinder ein Brüderchen oder Schwesterchen geboren worden, so erzähle der Lehrer von der Geburt Isaaks oder der Geburt Moses. Ist von den Angehörigen der Kinder jemand schwer erkrankt, dann wird die Erzählung von der Krankheit Hiskias und von seinem Gebet einen tiefen religiösen Eindruck auf die Kinder.machen. Hat eines der Kinder eine Verlobung oder eine Hochzeit mitgemacht, von der es seinen Mitschülern viel erzählt, so ist die Geschichte von der Brautwerbung Eliesers und der Verheiratung Isaaks am Platze. Auch andere an und für sich ganz zufällige und mit dem Leben der Kinder nur in losem Zusammenhang stehende Begebenheiten können hier in Betracht gezogen werden. Haben z. B. die Kinder eine große Feuersbrunst mit angesehen, so mag es angebracht erscheinen, von dem Untergang Sodoms und Gomorras zu erzählen oder auf ihn zu verweisen. War eine Menagerie am Orte, in der die Kinder wilde Tiere und Löwen sahen, dann wird die Erzählung von Daniel in der Löwengrube ein besonders empfängliches Gemüt bei ihnen finden. Es genügt, diese wenigen Beispiele anzuführen. Man wird aus ihnen erkennen, wie ich den Unterricht entwickelt sehen möchte. Die bunte Gestaltung des Lebens wird dem seelenkundigen Lehrer immer wieder Gelegenheit geben, an ihn anzuknüpfen und dadurch die kindlichen, religiösen Vorstellungen zu vertiefen und wirksam für die Lebensführung zu gestalten. Die Durchnahme der Erzählungen in den ersten Büchern Moses braucht durch dieses Lehrverfahren nicht ganz verdrängt zu werden. Schließen sich doch diese Erzählungen oft auch gar eng an die kindlichen Erlebnisse, an sein Verhältnis zu Vater und Mutter und den Geschwistern, wie überhaupt an das tägliche Leben an. Auch bauen sie sich auf den denkbar einfachsten Kulturverhältniffen auf und richten immer wieder den Blick zu Gott empor. Man darf sich also nicht auf eine „kleine Anzahl biblischer Geschichten" in der Vorschule beschränken. Geh« man nicht allzu zimperlich vor, und statt des mehrfach desstillierten und verwässerten Extraktes biete man den Kindern ein« gute, religiöse Hausmannskost, die ihren religiösen Organismus kräftigt und von vornherein zur religiösen Betätigung anhält! Auch in den profanen Fächern werden in der Vorschule nicht so minimale Anforderungen gestellt; unsere Vorfahren haben im Alter von sechs bis neun Jahren noch ganz anders gelernt. Um das religiöse Leben war es aber damals ganz gut bestellt. Auch die Aufdeckung eines in meinen verschiedenen Ausführungen verhandenen angeblichen Widerspruches sucht Herr Friedländer gegen den Lehrplan auszunutzen. Hieraus nur wenige Worte. Es soll der Lehrplan die auf die einzelnen Stufen zu verteilenden großen Stoffgruppen abgrenzen und insofern den Unterrichtsstoff im großen auswählen. Innerhalb dieses Rahmens bleibt aber dem pädagogischen Ermessen freier Spielraum. Mehr kann und twxrf man angesichts der heutigen, religiösen Parteiung nicht von einem Normallehrplan

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