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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-01-25 · Heft 4 (25.1.1918) · p. Seite 48

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 4 (25.1.1918)
Date
1918-01-25
Page
Seite 48 (sequence 12)
Language
German
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Da trat eines Tages mein ältester Sohn an mich mit den Worten heran: „Liebe Mutter, in meinem Namen und dem meiner Brüder teile ich dir mit, daß wir uns entschlossen haben, freiwillig in den Dienst des Vaterlandes zu treten. Wir Juden können.und dürfen unter keinen Umständen den anderen Nationen nachstehen. Das Vaterland ist in Gefahr und bedarf jeder unterstützenden Kraft. Ein jeder von uns wird seine Pflicht bis zum letzten Blutstropfen tun. Wir verlangen nun deine Zustimmung, die du uns zu erteilen nicht verweigern kannst und darfst. Ehre und Sieg dem Vaterlande, Ehre und Sieg dem Judentum." Ich gab ihnen mit gebrochenem Herzen und mit salzigen Tränen in den kranken Augen meinen Segen. Ach, Herr! und ich? Ich blieb verlassen. Verlassen und verdammt zum Hoffen und Harren. Ist es denn möglich. Ihnen dasjenige wiederzugeben, was dieses Mutterherz gelitten hat? Keine Seele auf dieser trügerischen Erde nahm an meinen Qualen Anteil. Ich litt für fünf Menschen. Meine Eltern bettete ich binnen kurzer Zeit zur ewigen Ruhe. Gott sei ihnen gnädig. Mein Mann lag schwer verwundet im Spital und kämpfte mit dem Tode, bis er ihn von den Qualen und Leiden erlöste. Meine Hoffnung nahm von Tag zu Tag ab. Ich betete und flehte zu dem Allmächtigen, er möge mir doch meine Söhne lassen und mein schwergeprüftes Herz nicht noch weiter martern. Doch half mein Flehen und Ringen nichts... Nach einer unruhig verbrachten Nacht überreichte mir der Postbote die Todesnachricht meiner zwei Engel. Sie haben für das Vaterland bis zum letzten Blutstropfen gekämpft und sind Seite an Seite den Heldentod gestorben. Sie haben eine schwergeprüfte Mutter, die dem Irrsinn nahestand, zurückgelassen, eine Mutter, die in ihre Kinder ihr eigenes Blut überströmen ließ und die voller Aufopferung unter Hintansetzung des eigenen Jchs die Söhne erzog. Nun waren auch sie dem Vater ins Grab gefolgt. Die Todesnachricht meiner zwei Engel nahm mir die schlummernden Kräfte. Das Haus verlor für mich die anziehende Kraft. Ich lief wie eine Wahnsinnige hinaus aus der Stadt zu meinen Söhnen . . . Ich schrie und jammerte wie eine in die Irrenanstalt Untergebrachte. Ich lief, was meine Kräfte noch konnten, hinaus, dorthin . . . wohin? Man hielt mich an und brachte mich ins Krankenhaus. Ich fieberte und sprach fortwährend von meinen Söhnen. Zwei tot, der dritte vielleicht auch nicht mehr mein. Zwei lange Monate hielt man mich von jedem lebenden Wesen gesondert und abgesperrt, bis ich wieder meine Freiheit erhielt, dann kehrte ich wieder zu den vier kahlen Wänden zurück, wo die Liebe und der Trost wie meine Engel fehlten. Ich sprach zu mir wie der spazierengehende Philosoph und lief hin und her wie eine aus der Zwangsjacke Befreite. Wo ist mein Jakob, wo ist mein Jakob? fragte ich mich. Keine Nachricht. Oh! Allmächtiger, hast du mir auch diesen genommen, so nimm auch mich. Ich lief zur Auskunftsstelle und erfuhr, daß mein Jakob im Spital verwundet liegt. . . . Jakob, mein lieber Sohn, deine Mutter ist bei dir, siehst du das nicht? Kein Wort kam von seinen Lippen, er lag blaß mit erstarrten Gliedern auf dem Totenbett. Sprich, mein Sohn, was ist dir? Da öffnete er seine noch voll Leben strahlenden Augen, erhob sein Haupt, sah mich fragend an. Mutter, wo sind meine Brüder? Deine Brüder . ... tot. — Er hörte diese Worte nicht mehr, denn der Todesengel drückte chm sanft die Augen zu und verschonte ihn mit der tötenden Nachricht. Er starb in meinen Händen ... Nun lebe ich hier, wie Sie mich sehen, und warte auf den Todesengel, der auch mir die Augen zudrücken soll. Ich brauche wenig für mein Dasein. Mein Besitz besteht aus zwei silbernen Sabbatleuchtern und zwei silbernen Weinbechern, die mich jeden Sabbat meine Jugend durchleben lassen, llnddieses weihe Haar läßt mich die Zeit, beffer gesagt, die Jahre, die ich dahinsiechte, nicht vergessen. Sie sind die Zeichen meiner Leidensgeschichte. Ach!... Und, mein verehrter Herr, habt Dank für die Geduld, die Sie mir bewiesen. Gott schütze Sie vor solchen Schicksalsschlägen ..." Ohne ein Wort des Trostes verließ ich die bald zusammenbrechende Hütte. Ich lief wie ein, Verfolgter von dannen, soweit meine Füße mich trugen. Zentnerschwer war mein Haupt, das ich zur Erde gebückt trug. Meine Seele seufzte und beklagte die schwer betroffene Frau, der das Schicksal so schlecht gesinnt war. Ihre Tage sind gezählt, da die ausgestandenen Qualen an ihrer Seele und ihrem Körper wie Würmer am Holze gezehrt haben. Dem Vaterlande und dem Judentum hat sie ihr Glück, ihr Leben, ihr Hab und Gut dahingegeben. Jetzt harrt sie' des Engels, der auch ihr die ewige Ruhe bringen soll. Der Himmel sei ihr wenigstens beffer gesinnt. Literarische Mitteilungen. — Künstler. Roman von Alfred Friedmann. Glockenbücher. Verlagsanstalt Vogel u. Vogel G. m. b. H. Leipzig. Es ist anzustaunen!, mit welcher Flottheit und Frische der Siebziger in diesem neuen Roman, der keineswegs die einzige Frucht des achten Jahrzehnts ist, zu plaudern versteht. Tiefe Gedanken und originelle Erfindung findet man gerade nicht; auch sind die Vorgänge nicht eben sehr wahrscheinlich. Aber die Geschichte der zwei Künstler, eines Bildhauers der sich in eine Halbfranzöstn verliebt, eines Malers, der die Frau eines jüdischen Bankiers zu malen hat, ist ganz unterhaltsam. Nicht minder die Vorführung 'des Kontors dieses Bankiers und seines meist jüdischen Kundenkreises, eine Vorführung, bei welcher der Verfasser eine Satire walten läßt, die leicht ritzt, ohne zu verwunden. Der Bankier verliert infolge seiner gewagten Spekulationen sein Ver-' mögen. Um seine Aufregung zu betäuben, trinkt er und stirbt entweder an Säuferwahnsinn oder infolge eines furchtbaren Schreckens. Seine Gattin Eva, schon bei Lebzeiten des Mannes die Geliebte des Malers, der ihr Porträt gemalt hat, wird später dessen Gattin. Damit aber schließt der Roman nicht, sondern die eigentliche Geschichte beginnt erst hier. Das Paar lebt in Italien Ziemlich glücklich, wenn auch nicht ohne Mißverständnisse. Diese werden vermehrt durch das Erscheinen eines griechischen Malers, eines Frauenfeindes, den die kokette Eva in sich verliebt machen möchte. Dieser neue Ankömmling verführt den deutschen Künstler zum Spiel, in dem sowohl er als seine Gattin ihr bißchen Geld verlieren-. Wie dann dev Maler mit einem einzigen zufällig gefundenen Goldstück das Glück aus seine Seite zwingt, mit seiner Gattin nach Deutschland zurückkehrt und höchst ehrbar lebt, wie der griechische Maler seine Herzenswirren durch ein lockeres Leben in Paris zu vergessen sucht, und manches andere, das hier nicht erwähnt zu werden braucht, ist zwar ganz amüsant zu lesen, aber unendlich unwahrscheinlich. Das Leben ist nicht so heiter, wie es sich in der Phantasie des Dichters malt, und im wirklichen Dasein gestaltet sich nicht alles so wsig, wie der Poet es schildert. Doch wir wollen, nicht allzu streng sein und von dem Autor keine vertiefte Psychologie verlangen, sondern ihm «die Freude gönnen, ein ganz unterhaltsames Buch geschrieben zu haben. L. G. Mchrreinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurückfendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Theodor Lessing. Europa und Asien, Berlin-Wilmersdorf 1918, Verlag der Wochenschrift „Die Aktion". Charles Peguy. Aufsätze, Berlin-Wilmersdorf 1918, „Aktion". Lerichtigung. In- Nr. 2 dieses Jahrgangs«, S. 20, Zeile 17, muß es heißen: „Gerade weil Lehrer Rothschild sich durch sein ganzes Wirken eine besonders geachtete Stellung geschaffen hat — er ist auch Expräsidenl > der Dalberg^Loge des U. O. B. B. — gerade weil er nun" usw.

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