Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1918)
- Date
- 1918-01-25
- Page
- Seite 47 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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47 von einem jüdischen Dichter der Sabbatvorabend ergreifender geschildert worden. Scharf Umrissen treten uns aus dem Drama die handelnden Personen entgegen, die wir hier nicht näher Haben schildern können. Aber wenigstens auf die wundervolle echt jüdische Gestalt der Mutter Sabata, auf 'den Fanatiker Moses DaniM sei neben der die anderen überragenden Schilderung des HeNrn Angewiesen. Noch einmal hat Boß denselben Stoff in seinem Roman ,-Samum" behandelt. Aber hier erscheint das Problem des Glaubens- Wechsels neben anderen, während es in Daniel Danieli das einzige des ganzen Dramas ist. So können wir feststellen, daß in der großen Reihe seiner Arbeiten Richard Voß auch jüdische Stoffe mit Verständnis und Geschick behandÄt hat. sgaib Lchicklalslchlsgr. Von Elias Nacht (Berlin), z. Zt. in Galizien. i S2 in galizisches Dorf von wenigen hundert ruthenischen Bauern. Darunter einige erbärmlich arme, mitleiderregende jüdische Seelen, die wer weiß wie und wieso sie hierher verschlagen, worden sind. Die schweigende Erde ist von einem unermeßlichen Leichentuch bedeckt. Der Winter geht an. ... Die wie Kristalle aussehenden. Schneeflocken fallen langsam und unbekümmert ob ihrer Wirkung zur blutdurchtränkten Erde nieder. Die Häuser, die Wege und die Bäume sind fast bis zur Unkenntlichkeit mit dem weißen Wintertuch bedeckt. Ich wandere täglich auf diesen. Landstraßen. Knirschend weicht der Schnee meinen festen Schritten. Der rücksichtslose Wind peitscht mir ins Gesicht, als strafe er mich für mir unbekannte Sünden. Die schneidende galizische Kälte friert mir den Hauch vor dem Munde. Himmlische Ruhe herrscht in diesen Straßen, sie wird nur ab und zu von bellenden Hunden unterbrochen. Sie tun ihre Pflicht auch in der strengsten Kälte. Sogar der Schatten eines Menschen bringt ihr musikalisches Organ in Vibration. Während ich so im Dorfe marschiere, beschäftigt sich mein unermüdliches Gehirn mit lös- und unlösbaren Problemen Sind alle diese in der Oede wohnenden Menschen glücklich? Kann man in einer derartigen Hütte, die nur aus vier schwachen sogenannten Wänden zusammengeleimt ist, mit einem Schindel- oder Strohdach bedeckt, überhaupt glücklich sein? Wissen diese Arbeitstiere äm übrigen wozu sie leben, was in der Welt vor sich geht, usw.? Eins steht aber dennoch fest: sie sind glücklicher und haben ihr Dasein mit weniger Sorgen als irgend der glücklichste Städter zu fristen. Das Weinen eines Kindes zieht meine Aufmerksamkeit dort hin, woher die unartikulierten Laute kommen. Ich erkenne, daß diese Stimme nicht die eines Bauernkindes sein kann, sondern die eines empfindlicheren Stammes fein muß. Ich betrete das „Haus" und freue mich, daß mein Ohr mich nicht getäuscht hat. Es ist ein jüdisches Kind. Die dicke, mit unreinen Bazillen geschwängerte Lust schlägt mir wie heißer Dampf ins Gesicht. Die Fenster sind hermetisch verschlossen, mit Stroh und Lumpen verstopft, damit Licht und. Lust keinen Zutritt haben. „Du auserwähltes Volk Gottes sollst dich wie Sand am Meer vermehren." In solch einer Hütte leben 10 bis 15 Personen. Einige bringen in einem Familienbett, ohne Unterschied des Alters und Geschlechts, andere auf Bänken, wieder andere auf dem Ofen, Fußboden usw. die Nacht zu. Am Tage ist alles draußen auf der Suche nach Evwerbsmöglichkeiten. Ich betrachte diese Menschen, die alle blaßgelb, krankhaft, verkrüppelt und ekelerregend aussehen. Der Schmutz klebt ihnen vom Scheitel bis zur Sohle. Sie gehen im strengsten Winter barfuß herum. Sitten und Umgang fehlen ihnen gänzlich. Jüdische Bauern! .. Mitten in diesem Kot, Jammer und Elend strahlt ein Diamant von wahrer Sonnengröße. Die gleichmäßig edlen Züge, die zwei pechschwarzen Sterne in einem proportional geschafsenen Kopse, das weiße, in der Mitte gescheitelte Haar zieht meine Aufmerksamkeit derart auf sich, daß ich auf diese Person, aus deren Gesicht ich eine gute, zufriedene und glückliche Vergangenheit ablesen kann, zutrete und sie nach dem Grunde ihres Aufenthalts in einer so hohnsprechenden Hütte, wo der Schmutz über den Kops steigt, befrage. „Ich sehe," erhebt sie ihre klare Stimme in hochdeutschem Idiom, „daß Sie für meine Person irgendwelches Interesse hegen. Wenn ich Auskunft zu erteilen in der Lage sein sollte, will ich es ohne Zögern tun." „Gnädige Frau," spreche ich sie an, „mich interessiert Ihre Vergangenheit, nehmen Sie es mir, bitte, nicht übel, daß ich so neugierig bin, doch habe ich aus Ihren edlen Zügen so manches entnommen, worüber ich gern Aufschluß gehabt hätte." „Setzt euch, Herr, hier, mir gegenüber, und ich will Ihnen dasjenige erzählen, was meinem pechschwarzen Haarwuchs diese schneeweiße Farbe über Nacht verliehen hat. Es ist zwar ein langer Weg, den Sie mit mir zurückzulegen haben, doch haben Sie sich ja selber dazu angetragen. Meine Jugend, wohl eine der beneidenswertesten Zeiten der zur Welt Gekommenen, war reich an Fleiß, an Wohltaten und an Studien, da ich sämtliche Lehrstusen durchschritten bin. Ich habe mit Fleiß und Ausdauer jedes Naturereignis verfolgt. Habe die Menschheit verstehen gelernt, sie zu schätzen und zu achten verstanden. Habe die Welt bereist und . stehe jetzt nach 47 Jahren fast mit beiden Füßen im Grabe, wohin wir alle nach zurückgelegtem Wege gehen. Mein Ziel aber habe ich nicht erreicht, denn ich wollte der Menschheit nützlich sein, und das ist mir nicht gelungen. Meine Eltern, seligen Angedenkens, geachtete Bürger einer Provinzstadt Oesterreichs, hatten für mich einen Menschen aus ihrer Branche gewählt, mit dem ich gute und böse Tage teilen sollte. Diese Wahl, da sie nicht meine war, konnte nicht die richtige sein. Herr! ich litt unsäglich schwer, weinte und jammerte ganze Nächte hindurch, ohne mich meinen Eltern anzuvertrauen, da sie ihren einmal gefaßten Entschluß mit Rücksicht auf das Geschäft nicht rückgängig gemacht hätten. Ich mußte mich daher mit Widerwillen ihrer getroffenen Wahl fügen. Mein Mann war stets gut und liebevoll zu mir, aber es war nicht dasjenige, was die Ehe glücklich gestalten konnte. Aus der Ehe entsprossen drei Söhne, mit deren Erziehung ich vollauf beschäftigt war, und ich vergaß dadurch meinen Mann und meine Leiden. Erst mit der Erziehung meiner Söhne erhielt mein Leben einen Inhalt, da sie meine Ideale verwirklichen sollten. An ihrer Seite fing ich erst an, wieder aus der Lethargie, in die ich verfallen war, zu erwachen, meine erstarrten Glieder und Gefühle lebten von neuem aus, die Jugend wiederholte sich und mit ihr die Freude zum Schaffen für die Menschheit. Meine Eltern zeigten mir den Weg, wie man Kinder nicht erziehen sollte. So vergingen die Jahre . . . Meine Kinder standen nun in der Blüte ihres Lebens, als die Weltenflammen-, die jede noch so kleine Hütte in Mitleidenschaft zogen, entbrannten. Mein Mann wurde als erster in die brennenden Flammen gerissen. Meine Söhne — ach — wollten dem Unglück, das über ihr Vaterland hereingebrochen war, nicht mit zusammengeschränkten Armen untätig zusehen.