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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-01-25 · Heft 4 (25.1.1918) · p. Seite 46

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 4 (25.1.1918)
Date
1918-01-25
Page
Seite 46 (sequence 10)
Language
German
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46 auch nur um Haaresbreite von seiner Religion abweichen zu müssen", hatte einen gelehrten Sohn, der zum Christentum übertrat. Zu schweigen von weiteren Taufen und Mischehen in gesetzestreuen Familien. — Die volle Schale des Hasses ergießt sich auf AbrahamGeiger(S. 434 ff.) ■•*), der als „der geistige Vater der Reform im Judentum" bezeichnet wird und der es verstand, „seine diesbezüglichen (Lieblingsausdruck!) umstürzlerischen Gedanken in ein wissenschaftliches Gewand zu kleiden". Zweifel „entwickelten bei ihm eine Geringschätzung, ja eine Verachtung der talmüdischen Disziplinen", es brach sich „das wirkliche (!) Judentum geradezu hassender Geist Bahn" nsw. Wer sich ohne Voreingenommenheit in Geigers Schriften vertieft, der muß zu der Ueberzeugung gelangen, daß diesem großen Gelehrten, der auch von christlichen Autoritäten anerkannt wurde, eine begeisterte und begeisternde Liebe für das Judentum innewohnte. S. 437 wird Ludwig Philippson das Zeugnis ausgestellt, daß er ,-ein ehrlicher, gerader Charakter war", als ob das Moralische sich nicht von selbst verstünde. Interessant ist S. 441 die Bemerkung: „Gar viele unter den Frommen lesen arglos (euphemistisch für dumm) Philippsons „Ällg. Zeitung des Judentums". Der Verfasser übersieht die Beobachtung, daß es zu allen Zeiten auch t oler a n t e Fromme gab. — Bei Zacharias Frankel (S. 438) und Heinrich Graetz (S. 440) wird betont, daß Halevi in seinem Doroth Harischonim die Forschungsergebnisse dieser beiden Gelehrten des „Gewandes ernster Wissenschaftlichkeit" entkleidet habe. Man vergleiche hiermit die Abhandlung Bernselds „Geschichte und Pamphlet" in Ost und West, Heft 5 bis 6 17. Jahrgang, worin nachgewiesen wird, daß Halevis Forschungen „vor dem Forum der Kritik" als haltlos charakterisiert werden. Ganz schüchtern wird S. 448 bei Rabbi Israel Hildesheimer bemerkt, daß dieser in Eisenstadt „vielfach mit Mißtrauen empfangen worden war". Die Rabbiner, die gegen ihn eiferten, waren von demselben Schlage wie die, welche gegen Mendelssohns Bibelübersetzung den Bannstrahl schleuderten und für die der Verfasser Partei nimmt. Diese Blütenlese mag zur Feststellung genügen, daß das Buch zum Gebrauch für Lehranstalten völlig ungeeignet erscheint. IiiMlche Btnfk in den Dichtungen mn Mchsrd Nutz. Von Dr. Willy C o h n (im Felde). iner der wenigen unter den lebenden Dichtern, die unbeirrt von den Strömungen der Literatur ihren eigenen Weg gehen, ist Richard Voß. Mancher mag nicht immer mit all dem einverstanden sein, was er in unermüdlicher Schaffenskraft hervorbringt; jeder aber wird anerkennen müssen, daß seinen Werken stets eine persönliche Note anhaftet und er es versteht, den Leser in Spannung und Erregung zu halten. Unter den vielen Themen, die er in seinen Werken behandelt hat, kommt er einige Male auch auf das Judentum zu sprechen und schneidet hierbei eine Reihe interessanter Probleme an, die er mit großer Geschicklichkeit durchfuhrt. Lange schon ist es her, daß er seinen Roman „Michael Cibnla" in die Welt sandte. Vieles ist uns in diesem Buche fremd geworden; der Grundgedanke ist jedoch packend. In einem einsamen Walddorf der Tatra lebt die Familie der Cibula; wie keine andere steht diese in dem Rufe, antisemitisch zu sein, und das aus dem Grunde, weil eine Schwester Michael Cibulas einen Juden geheiratet hat und deshalb selbst Jüdin geworden ist. Durch Schicksalsschläge vertrieben, wird eine benachbarte Judengemeinde gezwungen, sich in jenem Wald- -) Aus die Stelle war schon früher in diesem Blatte hmgewiesen. Die Red. dorse aitzusiedeln, und Michael Cibula verfolgt mit Hatz das Löben und Treiben der neuen Nachbarn, obwohl er weiß, daß die Frau des Rabbiners seine Nichte war. Wie der Haß gegen die Juden, so wurzelt auch in seiner Seele der Haß gegen den Priester seiner eigenen Gemeinde, der ihn veranlaßt, die neue Kirche anzuzünden. Tödliche Wunden empfängt er hierbei, und auf seinem Sterbebette bereut er den Haß gegen den Priester und begräbt sogleich damit den Haß gegen die Juden und seine Verwandten. War es so das Problem >des Zusammenwohnens von Juden und Christen, das Voß in diesem Buche zur Erörterung gestellt hatte, so wandte er sich in seinem Roman „Dahiel der Konvertit" der Frage zu, inwieweit ein übergetretener Jude als Christ Ruhe und Frieden finden kann. Das Buch, das erst vor kurzer Zeit in neuem Gewände wieder erschienen ist, hat wohl am meisten dazu beigetragen, däs Erzählertalent unseres Dichters in die weitesten Kreise zu tragen, und es würde somit überflüssige sein, die Fabel jenes dreibändigen Werkes noch einmal zu erzählen. Dahiel geht an seinem Uebertrikt zugrunde, weil er in seiner Seele das Judentum nicht vergessen kann, obwohl er aus einem reinen Motiv übergetreten ist. Das Problem des Renegatentums hat Richard Voß noch einmal und in wesentlich modernerer Form in seinem Drama „Daniel Danieli" behandelt, und wir bedauern es, daß dieses so überaus fesselnde und interessante Stück nur selten Gelegenheit hat, über die Bretter zu gehen. Das Drama spielt in Rom, in der Stadt, die Richard Voß am meisten ans Herz gewachsen ist und die er, wie keine andere, in seinen Werken verherrlicht hat. Hier in Rom tritt Christentum und Judentum zu einem für die Juden Roms entscheidenden und wichtigen Kampfe gegenüber. Baron Pins Danieli hieß einst Daniel Danieli und war Jude. Um einer Frau willen trat er zum Christentum über. Eine goldene Zukunft winkte ihm, und er wurde ein großer Antisemit und ein großer Geschäftsmann. Gleich riesig war sein Unternehmungsgeist und sein Haß gegen die Juden. Seine Familie verstieß ihn, sein Vater wurde überfeinen Uebertritt schwachsinnig, seine Mutter Sabata kannte ihn nicht mehr. Wenn es nun regnet, steigt der Tiber, und wenn der Tiber steigt, überschwemmt er das Getto. Dann steht das alte baufällige Haus des Abraham Danieli unter Wasser und die Mutter mutz unter das Dach flüchten. Deshalb kann der Baron Danieli das Geräusch des Regens nicht ertragen. Eine große Spekulation ist im Gange. Roms Aristokraten wollen eine neue Stadt erstehen lasien und das Getto aufkaufen. Ohne Danieli aber können sie es nicht, und so wenden sie sich an ihn. Die zunehmenden Seelenqualen des Barons lassen ihn es nicht mehr in seinem Palaste aushalten, es treibt ihn nach der Stätte seiner Geburt in das alte baufällige Haus seiner Eltern, wenigstens die Mutter will er mit sich nehmen und sie der ungesunden Fieberluft entreißen. Wer man will von ihm als einem Täufling und Antisemiten im Getto nichts wissen. Der Baron verfällt körperlich immer mehr, und seine Gemahlin, die seine Seelenleiden kennt, ohne je mit ihm darüber gesprochen zu haben, gibt ihm den Rat, wenigstens testamentarisch sein Vermögen jüdischen Stiftungen zu hinterlassen. Noch einmal führt uns der Dichter ins Getto zurück, in dem man schon anfängt, die Häuser niederzureißen. Da tritt der Baron in das Haus seiner Eltern und erfährt von seiner einstigen Jugendgeliebten, daß die Frau, die er geheiratet hat, um seinetwillen Jüdin geworden wäre, daß also das Opfer seines Lebens umsonst gewesen ist. Die einstürzenden Balken des Hauses begraben ihn unter ihren Trümmern, aber noch sterbend bekennt er sich zu dem Glauben seiner Väter und erringt so den Segen seiner Mutter. Fesselnde Stimmungsbilder gibt uns Richard Voß neben der spannenden Handlung in diesem Werke. Wohl kaum ist

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