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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-01-25 · Heft 4 (25.1.1918) · p. Seite 45

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 4 (25.1.1918)
Date
1918-01-25
Page
Seite 45 (sequence 9)
Language
German
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45 wie sie im Krieg« zu einer beträchtlichen Höhe gediehen ist — des sind die regelmäßigen Feldrabbinerkonferenzen Zeuge — nach Recht und Billigkeit auch für den Friedenszustand erhalten bleiben dürfte. Er hat als berufener Vertreter seiner Gemeinschaft zu feinem Teil Verständnis und Achtung für das Judentum in weiten Kreisen Andersgläubiger fördern helfen. Und vor allem: er «hat vielen draußen das Gefühl für ihre Pflicht als Deutsche und als Juden gestärkt, vielen auch daheim ihren Trost und ihre Hoffnung als Menschen aufgerichtet und so nach besten Kräften die Wege gebahnt zu einer Zeit des Friedens, wo' wenigstens unsere Gemeinschaft, wie schwere - Stürme sie auch umtoben, dasteht als „ein Bund, Gottes Willen von ganzem Herzen zu tun." 8 —r. Kandbrmrrkungen -u kottrds Geschichte der Juden''. Von M. Spanier (Magdeburg). mit einem gewissen Widerstreben schreiben wir diese Zeilen, die gegen ein Buch gerichtet sind, dessen Verfasser vor der Veröffentlichung das Zeitliche gesegnet hat. Wir ehren den alten Spruch Oe mortms ml msi den«, doch ethisch hochragender als „bene" ist uns „vere". Wir haben noch immer erlebt, daß die Geschichtsforschung durch eine einseitige Auffassung die Tatsachen entstellt, so daß die Geschichte nicht eine Lehrmeisterin der Menschheit wird, sondern sich zur Dienerin irgendeiner Sonderbündelei herabwürdigt. Einseitig nennen wir die Geschichtsdarstellung, wenn sie lediglich' philosophischen oder nationalökonomischen oder sozialen oder religiösen Theorien folgt, während die vorurteilsfreie Forschung sämtlichen maßgebenden Faktoren ihre Rechte nicht schmälert. Man spricht viel von einer objektiven Geschichtschreibung. Was heißt das? Vor allem soll das Streben nach Wahrheit das A und O auf jedem Forschungsgebiete sein. Aber was ist Wahrheit? Wenn der Altmeister der deutschen Geschichtschreibung, Ranke, seine Ansicht dahin äußert: ich will nur zeigen, wie es gewesen ist, so kann er sein Vorhaben unmöglich trennen von den sittlichen und politischen Ideen, die ihm und den Geschehnissen innewohnen, also seine individuelle Auffassung gibt den Tatsachen erst den inneren Halt, denn die Geschichte ist nicht lose Anreihung bloßer Tatsachen, denn dann gliche sie dem naiven Realismus, der die Dinge als für sich bestehend betrachtet. Steinthal bemerkt in seinem Abriß der Sprachwissenschaft (Berlin 1881): „Tatsachen sind nie gegeben, sondern werden aus Gegebenem und Apriorischem zusammengenommen gestaltet." Das ist sicherlich richtig. Unbedingt^ Erfordernis ist strenger Gerechtigkeitssinn, die rechte Würdigung der vielgestaltigen Menfcheninatur mit ihrem verzweigten Denk- und Gesühlsinhalt. Man kann aus religionsgeschichtlichem Gebiete an der traditionellen Auffassung festhalten, man kann auch der geschichtlichen Ent Wicklung sbetracht u n g sich Hinneigen. Unbedingt aber muß man wohlwollendes Verständnis für die überzeugungstveuen und religiös-sittlichen Anschauungen anderer hegen. Schmähungen entsprechen nicht der Menschenwürde, sie verkehren die Geschichte in ein Pamphlet. Kotteks Buch ist einseitig orthodox gefärbt und von Haß gegen Andersdenkende erfüllt. Eine versolgungssüchtige Orthodoxie kann nie und nimmer das wahre Judentum repräsentieren. .Gehen wir näher auf das Buch ein. Wir berücksichtigen die neuere Zeit- Seite 360 wird gegen Moses Mendelssohn der Vorwurf erhoben, daß ihm „der Blick für geschichtliche Entwicklung" gefehlt habe, da er sich der Folgen ‘) Geschichte der Juden. Von Dr. Kottek (Frankfurt a. M. 1915). feiner Bibelübersetzung nicht bewußt war und es wird der „Scharfblick jener rabbinischen Großen" bewundert, die sie „mit dem Banne belegten". Diese Auffassung zeugt von geringem Geschichtsfinn, denn was Philo und Maimonides für die früheren Geschichtsperioden bedeuteten, bedeutet Mendelssohn für die neuere Zeit. Ein Kardinalirrtum des Buches liegt darin, als ob reformatorische Bestrebungen im Judentum sich erst mit dem 18. oder 19. Jahrhundert geltend machten, während doch zu allen. Z eiten die Stellung zu den religiösen Fragen gegensätzlicher Art waren; nur die Formen, unter denen die Kämpfe oder der Widerstreit religiöser Meinungen geführt wurden, nahmen andere Gestalt an. Die Achtung vor dem Hergebrachten und Altgewohnten muß mit dem Grundsatz der Gerechtigkeit vereint sein, wie wir bereits hervorgehoben haben, aber das vermissen wir in dem Buche; die „Wortführer der Reform" werden allesamt verdammt. Obenan „der Vater des Abfalls" Israel Jacobsohn (S. 423). „Er wollte durchaus etwas in der Welt gelten und wählte sich als Opfer seines Ehrgeizes seine Glaubensgenossen, denen er seine Kulturansichten aufzwingen wollte und auch aufzwang. In Seesen errichtete er eine Schule, die noch heute besteht, eine Anstalt, der das profane Wissen alles, jüdisches Wissen nichts galt. Und weiter: „Er wußte es einzurichten, daß er in ihm (dem Konsistorium) fast Alleinherrscher wurde. Seine Reformpläne wurden den Gemeinden aufgezwungen", usw. Man vergleiche dagegen das auf Grund eingehender Quellenstudien gefällte Urteil das Dr. Felix Lazarus, Seminardirektors in Kassel, in seiner Schrift „Das Königlich^westfälische Konsistorium der Israeliten" (Frankfurt a. M. 1914) Seite 69, wo der Nachweis geführt wird, „wie unrichtig und irrig die landläufige Beurteilung Jacobsohns und seiner Kollegen als extremen Eiferer der Reformidee, wie irrig es auch ist, diese Kollegen als allezeit gefügige, willenlose Werkzeuge des Präsidenten (Jacobsohn) hinzustellen. Uebrigens bemerkt Lazarus, daß auch Jost und Graetz Jacobsohn „offenbar durchaus ungerecht" beurteilen. Auch die Behauptung, daß in der Schule zu Seesen „jüdi--, sches Wissen nichts galt", dürste in gleicher Linie sich bewegend „Selbstredend (S. 424) sind dem Verfasser Synagogen'mit Orgel „Pflanzstätten des Abfalls". (S. 425.): „Jetzt war die Lage geklärt; alle Gottesfürchtigen wußten, daß ein Gottesdienst mit Orgelklang, deutschen Gebeten, Damenchor usw. dem jüdischen Gesetze und Empfinden widerspreche." „Der letzte große und bedeutendste Pfadfinder der jüdischen Wissenschaft" (S. 433) Leopold Zunz, der in seinem klassischen Werk „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden" (Berlin 1832) auf S. 464 von dem „um die religiöse Erweckung in Israel so hoch verdienten Jacobsohn" spricht, wird in unserem Buche dahin gekennzeichnet, daß er „ein warmer Verteidiger der im alten Judentum vertretenen Prinzipien" wurde. Hierzu im Gegensatz bemerkt Z. in dem genannten Werke (S. 476): „Die Scheidung dieser drei Elemente (Einführung des Neuen, Abänderung des Bestehenden, Wiederherstellung deS rechten Gebrauchs) der gottesdienstlichen Reform gcht. . . ohne Mühe vonstatten. Neu ist nur die Begleitung der Musik, — aber nicht unjüdisch " Und weiterhin: „Eine Prager Synagoge besitzt seit Jahrhunderten eine Orgel, auf welcher jeden Freitagabend der Sabbat intoniert wird." Es ist widerwärtig, immerfort der Bemerkung zu begegnen, daß die Reform den Abfall gezeitigt, als ob diese Erscheinung nicht auch im Lager der „Gesetzestreuen" hervortritt. Ch acham Bernah s (S. 426), der es ablehnte „den Titel Rabbiner zu führen, weil ihn unwürdige Elemente entweiht hatten" und „zeigte, wie man zur höchsten Stufe der Kultur emporsteigen und mehr Bildung in sich vereinen könne als alle jene lauten, polternden Wortführer der Reform, ohne

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