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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-01-25 · Heft 4 (25.1.1918) · p. Seite 44

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 4 (25.1.1918)
Date
1918-01-25
Page
Seite 44 (sequence 8)
Language
German
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44 Predigt, die aus dem laufenden Wochenabschnitt ihre zeitgemäßen Gedanken schöpft, dient nicht zuletzt die seelsorgerische Aussprache, die aus jeden Gottesdienst folgt. In der persönlichen Fühlungnahme von Mann zu Mann gibt es keine Parteien und keine Richtungen. Für jede Frage und für jede Klage, für jeden Wunsch und für jede Anregung hat der Rabbiner ein offenes Ohr. Und damit das geweckte, richtiger: längst schon wache Interesse am jüdischen Leben auch über die Stunde hinaus Befriedigung finde, verteilt er die jüdischen Zeitungen, Zeitschriften und Bücher, die chm von allen Schriftleitungen (mit einer einzigen bedauerlichen Ausnahme), von dem „Verband der Deutschen Juden", dem „Zentralversiu Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", dem „Verband der jüdischen Jugenvereine Deutschlands", von Gemeinden und einzelnen Spendern in hochherzigster Weise zugestellt werden. Die Feldgottesdienste, die den Hauptirchalt der rabbinischen Tätigkeit hier draußen bilden, bedürfen langer und sorgfältiger Vorbereitung. Zunächst technischer; denn selbst, wo ein Zyklus von zwei, drei oder vier Wochen strenge eingehalten werden kann, muß doch bei dem ständigen Wechsel der Divisionen für jeden Gottesdienst von neuem Ort, Raum und Stunde womöglich persönlich mit den betreffenden Adjutanten vereinbart, muß Korps- und Divisions- und Orts- bzw. Etappenbefehl im Wortlaut festgelegt und für seine zeitige Herausgabe und weiteste Verbreitung Sorge getragen werden. Aber auch geistiger Vorbereitung: denn die Predigt will wohl überlegt und ausgearbeitet sein, soll sie den durch den Krieg nüchtern und hart gewordenen Männern patriotisch, religiös und jüdisch zugleich, etwas für Kops und Herz geben. In der Regel entschädigt eine stattliche aufmerksame Gemeinde reichlich für alle Mühe. Doch kann es geschehen, daß der Feldrabbiner nach einer Fahrt von Stunden zu seiner schmerzlichen Ueberraschung nur ein winziges Häuflein von Betern antrisft — der Befehl ist nicht rechtzeitig oder nicht durchgehends bekannt geworden oder der größere Teil der Division ist weit vorn in Stellung oder die ganze Division ist in Ablösung begriffen. Wenn aber Kameraden immer wieder klagen, daß sie seit langem keinen Gottesdienst gehabt hätten, so mögen sie versichert sein, daß die Schuld gewiß nicht am Rabbiner, viel eher an ihnen liegt. Jeder jüdische Soldat weiß heute, daß seine Armee einen Feldrabbiner hat und wie derselbe zu erreichen ist. Eine Postkarte an seine ^Adresse, selbst ohne seinen Namen, nur: „An den Herrn Feldrabbiner der ... ten Armee" genügt, um das Gewünschte zu erfahren. Die Festgottesdienste, in erster Reihe die zum Passah-, Neujahrs- und Versöhnungsfest, werden vierzehn Tage vorher durch Armeebefehl bekanntgegeben und dürften deshalb zur Kenntnis auch des letzten Mannes gelangen. Allen wird damit freilich die tatsächliche Beteiligung noch nicht ermöglicht. Waffendienst geht vor Gottesdienst. Aber wegen eines zu geringen Besuches braucht der Feldrabbiner zu diesen Höhepunkten seines Kriegslebens sich keine Skrupel zu machen. Im Gegenteil, seine Sorge ist, wie er die Hunderte in einem Betvaum vereinigen, sie mit gutem, womöglich rituellem Essen zu mehreren Mahlzeiten verpflegen und für zwei oder drei Nächte unterbringen soll. Und dabei sind die Rabbiner, die ihre Festteilnehmer sämtlich an einem zentral gelegenen Orte, vielleicht gar einem Orte mit Synagoge und eingesessener jüdischer Gemeinde, zusammenziehen können, noch gut daran gegen die anderen, di« notgedrungen an verschiedenen Orten die Feier vorbereiten und abhalten müssen, weil es an Raum fehlt und vielen Kameraden wegen der großen Entfernung bis zu einem Zentralort der Urlaub verweigert werden würde. Von den Schwierigkeiten, die die wochenlangen Zurichtungen für die Feiertage, namentlich die brennende „Magensrage" bereiten, können sich nur wenig Außenstehende im Felde und kaum einer in der Heimat eine rechte Vorstellung machen. Der Rabbiner ist in diesen Zeiten alles: nicht nur ein Prediger und Seelsorger, sondern auch Paxyes und Schammes, Hausfrau und Restaurateur.. Aber gerade darum weiß er. auch am besten, wie unzulänglich alles bleiben muß, ein notdürftiger Ersatz für die Feiertage bei unseren Lieben. Wenn Gottesdienste,. Lazarettbesuche und Beerdigungen dem Feldrabbiner einmal einen freien Tag lassen, darf er sich deswegen noch nicht aus ein Faulbett legen. Jüdische Kriegsge fa ngen e und Zivilarbeiter aus den besetzten Gebieten verlangen auch nach Seelsorge. Im Osten nimmt der Verkehr mit der starken jüdischen Z i v i l b e v ö l k e r u n g sogar einen großen Teil der sogenannten freien Zeit der Feldrabbiner in Anspruch. Alle aber, im Osten oder Westen, haben eine außerordentlich umfangreiche Korrespondenz mit dem Felde und der Heimat. Da wünschen Kameraden Auskunft, Rat und Hilfe in allen erdenklichen Angelegenheiten, da erwarten die Angehörigen von Gefallenen ausführliche Mitteilungen über die letzten Stunden, den. Tod und das Begräbnis ihres Lieblings, da müssen nicht nur der Frau oder den Eltern eines Patienten regelmäßig Berichte über das Befinden desselben gegeben, sondern auch fernstehenden Verwandten, seinem Lehrer oder Rabbiner auf Wunsch der gleiche Bescheid erteilt, da müssen zeitraubende Nachforschungen nach Vermißten angestellt und Anfragen wegen Ueberführung Verstorbener nach der Heimat beantwortet werden. Und. selbst Gesuche, die die Kompetenz des Geistlichen bedeutend überschätzen, wie um Beurlaubung eines Feldgrauen oder Heimbeförderung eines Kranken (von anderen Beförderungen nicht zu reden), wollen doch wenigstens freundlich abgewiesen werden. Dazu kommt die wahre Einzelseelsorge. Das Haus des Feldrabbiners oder sagen wir bescheidener seine Stube steht jederzeit jedem Kameraden offen, der das Bedürfnis hat, ihn aufzusuchen. Nicht zu vergessen ist der für eine bessere Kenntnis und Würdigung von Juden und Judentum notwendige Verkehr mit christlichen Geistlichen, Offizieren und Mannschaften. Auf diese Weise ist kein Tag der Woche wirklich frei, und selbst der Sabbat ist nicht eigentlich Ruhetag: zum mindesten findet an chm in der besagten Stube ein Gemeindegottesdienst, mit anschließendem gemütlichen Beisammensein, statt. Ueber Langeweile hat nach alledem der Feldrabbiner nicht zu klagen. Ja, er wird um seiner kurzweiligen Tätigkeit, die ihn lbald dahin bald dorthin führt, von manchen beneidet. Diese Kurzweil ist freilich so groß, daß einige Armeerabbiner, um sie zu bewältigen, einen Hilfsgeistlichen ansordern mußten und trotz der Entlastung noch alle Hände voll zu tun haben! Die Militärbehörden, die einen ungefähren Einblick in die ausgedehnte Tätigkeit des Feldrabbiners gewinnen, haben ihm die Anerkennung nicht versagt. Sie kommt nicht so sehr in der Verleihung des Eisernen Kreuzes und anderer Auszeichnungen zum Ausdruck als vielmehr in der Stellung, die ihm als Armee-Rabbiner tatsächlich eingeräumt wird. Daß er bei seinen Kameraden nicht immer den Dank erntet, den er um sie verdient, ist bei dem kritiklustigen jüdischen Publikum nicht Zweiter verwunderlich, schinerzt aber doch. Er schöpft seinen Trost aus den unzähligen Beweisen der Dankbarkeit, die ihm von anderen, aus dem Felde und aus der Heimat, zuteil werden. Und über beides. Dank und Undank, erhebt ihn das Bewußtsein, daß er nicht umsonst freiwillig die Behaglichkeit des Heimes und den Frieden der Heimat verlaßen, durch Jahre seiner Gemeinde und der Jugend sich entfremdet und die körperlichen und seelischen Anstrengungen eines langen gefahrvollen Dienstes auf sich genommen hat. Er hat die Organisation einer jüdischen Militärseelsorge schaffen Helsen, die,

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