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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-01-25 · Heft 4 (25.1.1918) · p. Seite 43

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 4 (25.1.1918)
Date
1918-01-25
Page
Seite 43 (sequence 7)
Language
German
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43 ad und zu die Beerdigung eines Gefallenen, wobei gar noch Trauungen und Religionsstunden, Vereins- und andere Obliegenheiten gänzlich sortfallen. Wenn solch naives Gemüt nur selbst einmal einen einzigen Tag Feldrabbiner würde, in einem Tage wäre es zu einer ganz anderen Vorstellung gelangt. Beim Oberkommando der Armee, dem der Feldrabbiner zugeteilt ist und an besten Standort er in «der Regel sein Quartier hat, sind seit einigen Monaten ein evangelischer und ein katholischer Armee-Oberpfarrer tätig — bis dahin war bei dieser höchsten Behörde der jüdische merkwürdigerweise der einzige Geistliche. Die Oberpfarrer organisieren die Seelsorge der Armee im großen. Ihnen unterstellt sind die christlichen Geistlichen sämtlicher zur Armee gehörigen Divisionen und Etappen. Nun zählt jede Division heute nicht nur je einen Divisionspfarrer der beiden «Konfessionen, sondern neben diesen noch einen bis zwei Feldgeistliche, im ganzen also bis sechs Herren, die nur die Seelsorge innerhalb ihrer Division auszuüben haben. Dazu kommen noch DivisionsPfarrer, Lazarett- und Hilfsgeistliche im Etappenbereich der Armee. Sie alle muß der Armee-Rabbiner für seine jüdischen Kameraden in einer Person vereinigen: er hat das Operations¬ und das Etappengebiet zu verschon, und zwar im großen organisierend wie lbis ins kleinste ausübend zugleich. Es ist richtig, daß die Zahl der jüdischen Heeresangchörigen im Vergleich zu den christlichen gering ist. Aber es ist ein Trugschluß, daraus zu folgern, daß also auch die Arbeit des jüdischen Geistlichen kleiner sein müste. Im Gegenteil, die Verteilung der jüdischen Soldaten über den ganzen Bereich einer Armee macht seine Aufgabe nur umfangreicher und schwieriger. Der Pfarrer läßt seine Regimenter oder Bataillone des Sonntags zum Gottesdienst antreten und teilt sich die Woche über mit seinen Kollegen in die Beerdigungen und den Besuch der wenigen Lazarette. Der Rabbiner muß an den verschiedensten Tagen aus den verschiedensten Regimentern seine «Gemeinde sich gusammenrusen, muß fortgesetzt alle Lazarette der Armee besuchen und zu jeder Zeit und an jedem Orte jede Beerdigung, die nur zu seiner Kenntnis gelangt, vornehmen. Was das bedeutet, wird man ermessen, wenn man weiß, daß eine Armee einen Flächenraum einnimmt wie das Großherzogtum Luxemburg, wenn sie klein ist, wenn groß, wie Mecklenburg oder selbst die Hälfte von Oesterreichisch-Galizien. Zur Bereisung dieser Provinz steht dem Feldrabbiner nicht etwa ein Auto zur Verfügung; das «war vielleicht einmal, als die Gumminot noch nicht zur äußersten Sparsamkeit zwang; jetzt muß er die Eisenbahn in allen chren Gestalten als Voll- und-Klein- und Feldbahn, muß Reitpferd, Pferdefuhrwerk und was sich zufällig als Fahrgelegenheit bietet, nicht selten auch auf weite Strecken Schusters Rappen benutzen. Der Mangel an einer immer bereitstehenden und raschen Beförderungsmöglichkeit wird besonders empfindlich, wo es sich um plötzlich eintretende Dienstobliegenheiten «wie Beerdigungen handelt. Es ist wahr, der Rabbiner wird in der Regel nur zu solchen Beerdigungen gerufen «werden, die nicht in vorderster Linie und in der Elle «eines Bor- oder Rückmarsches vor sich gehen müssen, sondern in Ordnung Es Friedhöfen hinter der Front vollzogen «werden, obwohl er seinerseits die Gefahren der Feuerzone, die er oft genug durchkostet, wahrlich nicht scheut. Immerhin sind auch solche Beerdigungen räumlich nicht so entfernt und bei lebhafter Kampftätigkeit so zahlreich, daß die «Mitwirkung des Rabbiners bei der einen infolge einer anderen sich biswellen nicht ermöglichen läßt. Und gerade bei Erfüllung dieser vernehmsten vaterländischen und religiösen Pflicht möchte der jüdische Seelsorger «doch am wenigsten fehlen. Ob er nun dem gefallenen Glaubensbruder allein den «wohlverdienten ehrenden Nachruf HM, ob er bei Bestattung vieler einem christlichen Kollegen das Wort läßt und sich mit den traditionellen Gebeten begnügt, immer ist es für «die Hinterbliebenen ein Trost zu wissen, daß am Grabe chres Toten auch der Vertreter seiner religiösen Gemeinschaft gestanden und «daß er für die Errichtung einer jüdischen Gedenktafel mit Mögen David und hebräischer «Aufschrift Sorge getragen hat. Dies ist neben der Ehrung des Heimgegangenen selbst auch der Grund, der den Rabbiner bewegt, bei paffender Gelegenheit jüdische Soldatengräber wieder aufzusuchen, ja womöglich am Jahrestage die Kameraden dort zur Gedächtnisfeier zu versammeln. An gemeinsamen Gedächtnisfeiern für Gefallene und Verstorbene, an Einweihungen von Ehrenfriedhöfen und Friedhofsdenkmälern teilzunehmen, «wird «er ebensosehr für sein Recht als für seine Pflicht erachten. In Raum und Zeit günstiger liegen die Verhältnisse für den Besuch der «Lazarette. Die Kriegs- und Etappenlazarette befinden sich fast durchweg nur in Orten an Hauptstrecken der Bahn, und auch die Feldlazarette haben größtenteils Anschluß an «das «Bahnnetz. Jene besucht der Feldvabbiner wegen ihrer hohen «Belegzahl häufig und in regelmäßigen Abständen, diese, «wann und «wo irgend es sich einrichten läßt. In «Bedrängnis kommt er nur, -wenn ein Schwerverwundeter oder gar ein «Sterbender seinen Beistand braucht; da darf kein noch «so weiter Weg, keine noch so frühe oder späte Stunde gescheut «werden; die «einzige «Sorge ist: erreiche ich ihn noch zur Zeit? Und so erschütternd der Anblick eines mit dem Tode Ringenden ist, so erhebend ist «doch auch, sich zu sagen: ich «habe mit ihm noch einmal gebetet, ich «habe ihm «ein tröstliches «Wort mitgegeben oder auch nur seine Hand gehalten und in die brechenden Augen -einen Blick «verstehender Liebe wie «von Vater und Mutter, von Weib und Kind gesenkt. Daß dringende Fälle dem Rabbiner nicht entgehen, «dafür ist gesorgt. Alle Schwerverwundeten «und Schwerkranken müssen ihm laut Armeebefehl alsbald telephonisch oder telegraphisch gemeldet werden — was nicht ausschließt, daß es doch« versehentlich einmal unterbleibt. Im allgemeinen erfährt er im Geschäfts¬ oder im «Aufnahmezimmer durchdas Hauptkrankenbuch, ob und welche «jüdische Patienten zurzeit im Lazarett liegen. Zu ihnen geht er vor allen, fragt nach ihren «Wünschen, bringt ihnen «Erfrischungen, religiöse oder allgemein jüdische Blätter, Zeitungen, Bücher, plaudert mit ihnen und notiert ihre Heimatadresse für einen Bericht an« ihre Angehörigen. Aber auch an den anderen Lazarettinsassen geht er nicht achtlos vorüber. Die Nachbarn, vielleicht die ganze Baracke oder den ganzen Saal zieht er ins Gespräch, verteilt, «soweit sein Vorrat nur reicht, Tageszeitungen,-Bonbons, Pfefferminze, wohl auch Zigarren und Zigaretten. Und «wenn alle die «Beladenen und Bedrückten durch zuversichtliche und fröhliche «Worte erheitert, für eine Weile ihre besonderen Schmerzen und die «auf allen gleichmäßig lastende Oede ihrer unfreiwilligen Muße vergessen haben, dann scheidet der Rabbiner mit dem Bewußtsein, daß es doch eine allgemein menschliche Leib- und Seelsorge gibt, für die Jude und Christ gleich empfänglich ist. «Die Zeit freilich, «wo alle Konfessionen hier draußen sich zu gemeinsamen Gottesdiensten versammelten, ist längst vorüber. Das ist an sich nur natürlich und keineswegs zu beklagen. Mag «der Friedhof uns das Ende, das Lazarett uns das Leiden als das überall Gleiche zeigen, der Gottesdienst soll dom jüdischen Soldaten mit der Sprache, dem Gebet und «der Sitte seiner Väter auch den einzigartigen Geist jüdischsittlicher und jüdisch-religiöser Kultur vermitteln und erneuern, daß «jeder mit «dem Stolz, aber auch mit «der Verantwortung sich durchdringe, die darin heute liegt, Jude und jüdischer Soldat «zu sein. Diesem Zwecke dient außer dem -gemeinsamen Beten die Thoraverlesung, die in einigen Armeen für jeden Tagesgottesdienst Brauch geworden ist, dient die

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