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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-01-25 · Heft 4 (25.1.1918) · p. Seite 42

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 4 (25.1.1918)
Date
1918-01-25
Page
Seite 42 (sequence 6)
Language
German
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42 Er hatte das wichtigste Amt an Schloenleins weltberühmt gewordener Klinik, er hatte ein unvergleichliches Beobachtungsmaterial zur Verfügung. Sein wissenschaftlicher Eifer war ebenso grenzenlos wie seine Lehrtätigkeit. Neben Schoenlein erglänzte der wissenschaftliche Stern Traubes am medizinischen Himmel, und sein Name gehörte bereits zu den gefeiertsten unter seinen Berufsgenossen. Die Charitöverwaltung und die militärärztliche Abteilung im Kriegsministerium wußten die Bedeutung Traubes als Forscher und als unermüdlich eifriger Lehrer nach Gebühr zu schätzen. Er wurde nach wenigen Jahren Leiter einer Abteilung an Der Charite und Lehrer an dem Friedrich-Wilhelm-Jnstitut für Militärärzte. Hier wurde er 1862 zum ordentlichen Professor ernannt. Die Berliner Universität dagegen verhielt sich dem inzwischen zu großem Ruhm emporgestiegenen Traube gegenüber mehr als abwartend. Er wurde allerdings 1857 zum außerordentlichen Professor ernannt, aber ein Ordinariat blieb vorerst dem großen Kliniker versagt. Erst im Jahre 1872 erfolgte seine Wahl als ordentlicher Professor für innere Medizin an der Berliner Universität. Traube hatte sie geradezu erzwungen. Es ist hier nicht die geeignete Stelle, um näher aus die begleitenden Umstände dieser Professorwahl einzugehen. Aber so viel darf ruhig ausgesagt werden, ein rühmliches Blatt in der Geschichte der Berliner Hochschule bildet die Behandlung, die sie einem Manne von der Bedeutung Traubes angedeihen ließ, nicht. Was Traube als Forscher, als wissenschaftlicher Kliniker geleistet, steht mit unvergänglichen Zeugnissen in der Geschichte der Medizin eingegraben. Für seine ungewöhnliche Hingabe an seine Lehrtätigkeit zeugt die große Anzahl hervorragender Aerzte und Forscher, die aus seiner Schule hervorgingen: Leyden in Königsberg, später sein Nachfolger in Berlin, Nothnagel in Wien, Rosenstein in Grooningen und inLeyden, Jaffe in Königsberg, Fischer in Breslau, Leuthold, der Generalstabsarzt der preußischen Armee und Leibarzt Kaiser Wilhelms l., Senator Litten, Albert Fränkel in Berlin, fürwahr eine stattliche Anzahl von Forschern, die sämtlich in Traube ihr Haupt, ihren Meister anerkannten. Mit Birchow, Helmholtz, Langenbeck, Gräfe, Dubois gehört Traube zu den Begründern der ruhmreichen Berliner wissenschaftlichen medizinischen Schule. Kurz nachdem der große Arzt seine Augen geschlossen, 1876, setzten ihm seine dankbaren Schüler ein Denkmal im Charitögarten. Das erste in seiner Art. Lange Jahre hindurch befand sich die Büste Traubes dort in ihrer „glänzenden Alleinsamkeit". Dazumal war man sparsamer in der Bezeigung derartiger öffentlicher Ehrungen als heutigen Tages. Daß aber unserem Glaubensgenossen diese hohe Ehre zuerst zuteil geworden, muß uns mit gerechtem Stolz erfüllen. „Mögen seinesgleichen noch viele in Israel erstehen" — so lautet ein alter Segenswunsch. Lrr Mdrabbinrr. aß man heute von „dem Feldrabbiner" schlechthin sprechen kann, ist eine erfreuliche Tatsache, und es mindert ihre Bedeutung keineswegs, daß man es in weiten Kreisen nicht mehr mit der staunenden Freude tut wie zu Anfang; ist es doch nur ein Beweis dafür, daß der Feldrabbiner zu einer selbstverständlichen Erscheinung geworden ist. Dazu hat es einiger Zeit und nicht geringer Arbeit bedurft. Die sechs oder sieben Rabbiner, die nach langwierigen Verhandlungen zwischen dem „Verband der deutschen Juden", der „Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" und dem preußischen Kriegsministerium um Mitte September 1914 als Freiwillige ins Feld rückten, wurden nicht nur von anderen überall als hominea novi angestaunt, sie sahen sich auch selbst vor eine völlig neue Aufgabe gestellt. Von dem romantischen Zauber, den die Erinnerung um jene drei Vorgänger wob, die als Zivilgeistliche 1876 die hohen Feiertage mit jüdischen Soldaten vor Metz und anderswo begangen hatten, führte keine Brücke zur harten Wirklichkeit der Gegenwart. Hier mußte rechte Pionierarbeit geleistet werden. Keine Organisation nahm die jüdischen Feldgeistlichen in Empfang wie seinen christlichen Amtsbruder. Er wußte nichts als was aus seinem kriegsministeriellen Ausweis zu lesen stand: daß er zur Ausübung der Seelsorge an den jüdischen Heeresangehörigen zugelassen sei, daß er über gewisse, näher bezeichnte Etappen sich zu dem und dem Armee-Oberkommando zu begeben, daß er Anspruch aus einen Fahrer, einen Wagen und zwei Pferde, daß er freie Ausreise ins Feld und freies Geleit, freies Quartier und freie Verpflegung und ein Recht auf das Tragen der Rote-Kreuz-Binde habe. Nur allzu viel Freiheiten! Ein wenig Gebundenheit wäre besier gewesen. Osten gelassen war die Frage nach Titel und Stellung und gänzlich unklar die Art und der Umfang, in denen der Auftrag — aber es war ja nicht einmal ein Austrag — ausgesührt werden sollte. Erst allmählich gewann der Feldrabbiner auch — wenn man in einer militärischen Welt so sagen darf — Bürgerrecht. Er ist zwav auch heute noch nicht den Divisionspfarrern rechtlich gleichgestellt. Aber die Notwendigkeit seiner Existenz ist doch mittlerweile von höchster Stelle tatsächlich anerkannt worden. Die ursprüngliche Zahl der zugelassenen Rabbiner hat sich verdreifacht, und es gibt zurzeit keine deutsche Armee, die nicht einen Feldrabbiner oder wie er folgerichtig mancherorts genannt wird: Armee-Rabbiner hätte. Eine einmalige Ausrüstungsbeihilse und später eine bescheidene monalliche Aufwandsentschädigung ist ihnen gleich den überetatmäßigen uiriplrchen Feldgeistlichen zugebilligt worden. Während demnach ihre rechtliche Stellung bislang schwankend ist, ist die faktische fest und Aar: sie sind die überall anerkannten geistlichen Vertreter ihrer Glaubensgemeinde innerhalb der Armeen. Es läßt sich darum trotz der Verschiedenheit der militärischen und politischen Verhältnisse an der West- und an der Ostfront und trotz Abweichungen in der Lage und Verfassung der einzelnen Armeen doch ein einheitliches Bild von der Tätigkeit des Feldrabbiners geben. Voraussetzung dafür ist der Stellungskrieg, der im gleichen, allmählich vertrauten Gelände eine Plan- und regelmäßige Ausübung der Seelsorge erst ermöglicht. Das Bild, das man sich daheim aus Feldpostbriefen, Zeitungsberichten und selbst mündlichen Erzählungen vom Feldrabbiner macht, ist vielfach unrichtig. Naive Gemüter stellen sich ja schon unter dem Rabbiner des Friedensstandes jenen beneidenswerten Mann vor, der alle vier Wochen sich einmal aus die Kanzel stellt, um eine Predigt aus dem Aermel zu schütteln, der die Woche über einige Religionsstunden erteilt, hin und wieder ein Paar fürs Leben zusammentut oder einem aus dem Leben Geschiedenen einen kurzen Nachruf widmet, im übrigen aber die schönste Zeit für sich und seine Familie frei hat. Daß eine Predigt sich nicht aus dem Aermel schütteln läßt — nur Staub schüttelt man aus dem Aermel, hat der geistvolle Joel gesagt —, sondern von der ersten Idee bis zur letzten Feilung einen langen Werdegang durchmacht, daß der Unterricht der Jugend in Religion immer wieder gründlichster Vorbereitung 'bedarf, daß der Rabbiner unserer Tage vor lauter Amts- und Nebenamtspflichten nur mit äußerster Mühe sich Zeit abgewinnt, um wenigstens in seiner Fachbildung aus der Höhe zu bleiben — das geht dem Laien nicht leicht ein. Da ist's nicht zu verwundern, wenn er seine falsche Vorstellung auch aus den im Felde amtierenden Rabbiner überträgt: Gottesdienste zu den Feiertagen, gelegentliche Besuche bei den Schwerverwundeten,

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