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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-01-25 · Heft 4 (25.1.1918) · p. Seite 41

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 4 (25.1.1918)
Date
1918-01-25
Page
Seite 41 (sequence 5)
Language
German
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41 mehr jedoch hatte er sein ganzes Leben lang mit den widerlichsten Hindernissen zu kämpfen, bis es ihm endlich gelang, ihrer völlig Herr ja werden. Ludwig Traube war seiner ganzen geistigen Veranlagung nach zum beobachtenden Naturforscher bestimmt. Sein klarer, scharfer Verstand, sein unüberwindlicher Trieb nach Erkenntnis der Erscheinungen und ihres ursächlichen Zusammenhanges, seine unbestechliche Beurteilung der ihn umgebenden Vorgänge: all diese Eigenschaften verwiesen den ungewöhnlich begabten Jüngling auf die Beschäftigung mit Naturwissenschaften hin, und so entschloß er sich denn, als er mit siebzehn Jahren 'das Reifezeugnis erhalten, in Breslau Medizin zu studieren. Hier fesselten ihn besonders die Vorlesungen des Physiologen Purkinjö, der zu den damaligen führenden Geistern seiner Wissenschaft gehörte. Die für seine ganze wissenschaftliche Entwicklung entscheidende Wendung trat jedoch in Berlin ein, wo sich unter dem gewaltigen Iohanne s M üller eine Schar genialer Jünger zusammengefunden, die den Ruhm der neuen deutschen Forschungsmethode auf den Gebieten der Physiologie, der Pathologie und dex klinischen Medizin über alle Lande der Erde tragen sollte. Das war die große, unvergleichliche Zeit, in der der neuerwachende naturwissenschaftliche Geist sich in den Köpfen eines Virchow, Helmholtz, Dubais, Brücke zu regen begann. In diesen Kreis trat Ludwig Traube als ein geistig Ebenbürtiger ein. Den „heiteren Saturnalien" der Naturphilosophie um ein berühm-, tes Wort Alexanders v. Humboldt zu brauchen — machten der obengenannte Berliner Meister und seine genialen Schüler im Bereiche der reinen Naturforschung ein Ende. An die Stelle überkeck geistreichelnder Spekulationen trat die vordringende Methode des wissenschaftlich angeoidneten Versuchs, um aus diese Weise die Vorgänge in der Erscheinungswelt zu erklären. Um so trüber sah es damals in Berlin aus fast allen Gebieten der eigentlichen Heilkunde aus, für feeren Ausübung sich der angehende Mediziner Traube entschlössen hatte. Erst mit der Berufung Schoen 1 e i n s änderte sich mit Bezug auf feie innere Klinik in Berlin die Lage von Grund aus. Zu den begeistertsten Hörern dieses genialen Lehrers, zu dem er auch sehr bald in nähere Beziehungen treten durste, gehörte Ludwig Traube. Im übrigen waren jedoch die damaligen Vorlesungen und die sonstigen Einrichtungen an der Berliner medizinischen Universität nicht danach angetan, um den nach wahrer Erkenntnis von den Krankheitsvorgängen dürstenden Geist TraubeS zu befriedigen, und so vertauschte er seinen bisherigen Studienaufenthalt gegen Wien, wo Skoda und Rokitanski die Bannerträger der neu ausblühenden klinischen und pathologisch-anatomischen Forschung waren. Hier-hatte Traube «Mich gefunden, was er bisher vergeblich gesucht. Mit dem ganzen Rüstzeug seiner Wissenschaft völlig ausgerüstet, bestand Traube seine Universitäts- und Staatsprüfungen glänzend und ließ sich dann nach einem nochmaligen Aufenthalte in Wien als praktischer Arzt in Berlin nieder. Um Gelegenheit zu haben, seinen Beruf auch wirklich auszuüben, bewarb er sich um eine Armenarztstelle, die er denn auch aus Schoenleins Empfehlung erhielt. Im Nordosten Berlins begann Traube seine ärztliche Arbeit und zugleich seine Lehrtätigkeit. Vor einer Anzahl junger aufftrebender Aerzte hielt er seine ersten, später so berühmt gewordenen Unterrichtskurse in den physikalischen Untersuchungsarten der inneren Organe, insbesondere der krankhaft veränderten Lungen und des Herzens. Aber gleich bei diesem seinen ersten Schritt sollte er die Meisten Erfahrungen Machen. Neidische, handwerkernfee Berufsgenossen verklagten den jüdischen Armenarzt bei der städtischen Behörde, er mißbrauche die ihm anvertrauten Kranken zu sinnlosen Untersuchungszwecken, er schädige die unglücklichen Kranken, und sie brachten es denn auch wirklich dahin, daß ihm die Erlaubnis zur Abhaltung seiner Kurse entzogen wurde. Traube war dadurch sozusagen aufs trockene gesetzt. Aber weit gefehlt, den jugendlichen Forscher dadurch zu entmutigen, 'wurde diese erste schmerzliche Enttäuschung für ihn zu dem ersten entscheidenden Schritt auf dem Wege seines künftigen Ruhmes. Er richtete sich eine wissenschaftliche Werkstätte ein, um vermittels fees nach genauesten Voraussetzungen angeovdneten und durchgeführten Tierversuches gewisse Veränderungen in feen Leistungen einzelner Körperorgane zu erklären. Durch diese, man wäre versucht zu sagen, aus der ' Not geborene Tat wurde Traube der Begründer der experimentellen Pathologie, d. h. der auf den Tierversuch sich aufbauenden Lehre von den Krankheitserscheinungen, in Deutschland. Schon die erste Abhandlung „Ueber die Ursachen und die Beschaffenheit derjenigen Veränderungen, welche das Lungenparenchym nach Durchschneidung der nervi vagi erblickt", ließ in feem jungen Forscher den Meister erkennen. Als sie in den von ihm im Verein mit Virchow und dem genialen, leider so früh dahingerafsten Reinhardt begründeten „Beiträgen zur experimentellen Pathologie" erschien, erregte sie in der gesamten medizinischen Gelehrtenwelt das größte Aufsehen. Von da ab — es war ums Jahr 1846 — stand der wissenschaftliche Ruf Ludwig Traubes unerschütterlich fest. Noch bis auf den heutigen Tag gilt diese erste Abhandlung Traubes als ein in ihrer Anlage und Durchführung unübertroffenes Muster experimenteller Forschung aus diesem schwierigen Gebiet. Das Sturmjahr 1848 wurde auch für die weitere Entwicklung Traubes von größter Bedeutung. Durch die Umgestaltung des preußischen Staatswesens wurde es dem plötzlich zu so großem Ansehen gelangten Forscher möglich, sich an der Berliner Universität als Privatdozent zu habilitieren, und als dann im nächsten Jahre Schoettlein für seine innere Klinik in der Charitö einen Assistenten zu wählen hatte, entschied er sich unter den Bewerbern Virchow und Traube für den letzteren. Nun war er am Ziele seine Wünsche angelangt. Ludwig Traube.

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