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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-01-25 · Heft 4 (25.1.1918) · p. Seite 40

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 4 (25.1.1918)
Date
1918-01-25
Page
Seite 40 (sequence 4)
Language
German
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40 europäisch-amerikanischen Kulturmenschheit: und es bedeutet die Erklärung der Reichsreyrerung darum den Sieg dieses Prinzips. Wir sind weit davon entfernt, die augenblickliche praktische Bedeutung der Regierungserklärung zu überschätzen. Aber wir freuen uns ihrer als gute Europäer, weil sie einen Gedanken weiterträgt, ohne den die Staatengemeinschaft unseres Erdteils zugrunde gehen muß; als Deutsche, weil unser Vaterland nicht gedeihen kann, wenn die Staatengemeinschaft leidet, in die es unlöslich verflochten ist, und weil daS Bekenntnis zu dem Prinzip Deutschlands wieder einmal, trotz aller Phrasen unserer Feinde, an der Spitze des starken Heeres zeigt, das tue Zukunft erobern will; — und schließlich als Juden, weil damit unseren Glaubensgenossen im Osten die Aussicht auf wirkliche. Freiheit und Gerechtigkeit erschlossen wird. Und darum ist unsere Befriedigung darüber, daß unsere-Reichsregierung den Gedanken anerkannt hat, der uns vor allem geleitet hat, ebenso aufrichtig wie unser Dank an die Männer, die die Zeichen unserer stürmischen Zeit zu deuten wissen. DaS Prinzip hat seinen ersten Sieg erfochten — und der Endsieg ist sicher." ■ * In verschiedenen jüdischen Blättern und im Anschluß daran in antisemitischen Zeitungen wird die Frage erörtert, ob es nicht bei der Reform des Herrenhauses angängig sei, für eine Vertretung des Judentums zu sorgen. Die konservativen Blätter machen den Vorschlag, je einen Vertreter der beiden Richtungen zu berufen. Die Antisemiten machen sich lustig darüber, daß man versuchen wolle, das Herrenhaus zum Schauplatz innerkonfessioneller Streitigkeiten zu machen. Uns erscheint die Frage, die übrigens einstweilen so wenig geklärt ist, daß man gut täte, sie vorerst unerörtert zu lassen, viel zu ernst, um sie spöttisch zu behandeln. Kommt es aber wirklich zu einer Vertretung des Judentums im Herrerchause, so meinen wir, bei aller Hochachtung für den Rabbinerstand und seine Vertreter, daß nach der preußischen Gesetzgebung nur ein Mitglied der Gemeindeverwaltung in Frage kommen kann. In erster Linie wäre dann der Gemeindevorstand in Berlin zu berücksichtigen. * In der neuesten Nummer der „K. C. Mätter" finden wir einen Aussatz von Max Seefeld: „Eine neue Ausgabe der Juden", aus dem wir nachstehende beherzigenswerte Anregung hier wiedergeben: In vielen, vielleicht in allen Juden, die das Land überhaupt von Jugend aus kennen, schlummert die Sehnsucht nach der eigenen Scholle, die Sehnsucht nach der Arbeit auf dieser. Diese Sehnsucht schlummert im jüdischen Kinde genau wie im christlichen. Während sie'beim Christen durch frühzeitiges Uebertragen von pflichtmäßiger körperlicher Arbeit gehegt und gestärkt wird, wird sie beim jüdischen Kinde noch künstlich unterdrückt, zum mindesten aber nicht entwickelt. So manchem Juden, der in der Großstadt ein kümmerliches, freudloses Dasein fristet, ist der Beruf des Landmaunes, für den er geboren war, nur wegen eines Vorurteils der Eltern — man hat daran überhaupt nicht gedacht, daß der Junge Bauer werden könnte — und wegen eigener Scheu vor nicht bewiesenen Fähigkeiten entgangen. Sollte nicht vielleicht gerade in dieser ungestillten Sehnsucht ein wesentlicher Grund für die Begeisterung liegen, die der Zionismus gerade in jugendlichen Gemütern erweckt? Eine Sehnsucht erfüllt den jungen deutschen Juden nach körperlicher Arbeit aus eigener deutscher Scholle, und er muß sich damit begnügen, sich die Erfüllung seiner Sehnsucht für sich oder seine Kinder in einem irgendwie gearteten Gemeinwesen außerhalb seiner deutschen Heimat zu — erträumen! Wenn dieser Krieg einst zu Ende geht und Tausende deutscher Juden nach jahrelanger treuester Pflichterfüllung in die Heinmt zurückkehren, so wird viele von ihnen diese Sehnsucht besonders mächtig ergreifen. Sollen sie dann in mißverstandener Deutung dieser Sehnsucht sich dem Zionismus zuwenden, sollen sie statt der Erfüllung ihrer Sehnsucht sich mit einem Traum begnügen? Dies darf nicht sein! Große Ziele schweben uns vor! Es gilt, die jüdische Jugend Deutschlands aufzurufen zu dem Werk, sich und ihren Nachkoinmen gesunde Berufsverhättnifse und damit die Grundlage für ein härnwnifches Leben zu erkämpfen. Es gilt, sich dafür einzusehen, daß in unserer künftigen Generation ein Geschlecht heranwächst, das fest auf der Heimaterde steht, das gar nicht mehr begreifen darf, man habe je an dieser ihrer Liebe zur Heimat, zur Scholle, zur Arbeit auf ihr gezweifelt. Am 10. Januar ist Dr. Marcus Landau in Wien gestorben. Zu seinem 80. Geburtstag haben wir (in Nr. 47 des vorigen Jahrgangs) einen stimmungsvollen Nachruf auf ihn gebracht, in derselben Nummer seinen letzten, allerdings seit einigen Monaten liegenden Aufsatz veröffentlicht.. Daher erübrigt sich eine nochmalige ausführliche Würdigung des Verstorbenen. Trotzdem soll der Tod dieses wackeren, unentwegten Kämpfers, dieses unermüdlichen Arbeiters nicht mit Schweigen übergangen werden. Er hat seinen Namen tief in die Literatur eingegraben. Sein Spezialgebiet war die italienische und die allgemeine vergleichende Literaturgeschichte. Auf beiden Feldern hat er ganz ausgezeichnete, allgemein anerkannte Arbeiten geschrieben. Dieser Zeitung war er ein treuer Mitarbeiter. Seine gelehrten Studien über literarische Dinge, die mit jüdischen Angelegenheiten zusammenhingen/ find gern von mir ausgenommen und mit Freude von den Lesern genoffen worden. Er gehörte zu den stillen Männern, die im öffentlichen Leben eine Rolle zu spielen vermeiden, die vielmehr nur in ihrer Arbeit und für ihre Arbeit leben. Wäre er Christ gewesen, so hätte er gewiß eine bedeutende Stellung an einer Universität oder den gebührenden Platz in einer Akademie gefunden, obgleich ihn seine Taubheit zum öffentlichen Lehramt und zur Beteiligung an gelehrten Diskussionen nicht sehr geeignet machte; da er Jude war und blieb, so mußte er sich mit stiller Gelehrtenarbeit begnügen. Er starb ohne Titel und phne Orden, ohne in den Besitz von Ehrenstellen gelangt zu sein. Bei dem Verlust solcher Männer beschleicht uns ein Gefühl der Trauer und zugleich eine Empfindung von Stolz: der Trauer, daß ein solcher Mann scheiden mußte, des Stolzes, daß er der unsrige war. Ein mutiger Kämpfer, der sich nicht beugte, keiner Zeitströmung Zugeständniffe machte, treu an seinem Glauben und seiner Ueberzeugung sesthielt, der in wahrhaft spartanischer Weise in seiner unnahbaren Unabhängigkeit verharrte und ausschließlich in seinem gelehrten Schaffen Befriedigung fand. Solche Männer sind selten und werden immer seltener, aber daß sie da sind, mag uns in unserem Lebenskämpfe aufiichten. Sie mögen als hellstrahlende Beispiele namentlich der ungeduldigen Jugend voranleuchten, die bei langsamem Vordringen, bei jeder Zurücksetzung klagt, sich unmutig gebärdet und schließlich bereit ist, den Grund einer solchen Nichtachtung aus dem Wege zu räumen. Unseren Gegnern gegenüber aber weisen wir auf solche eherne Charaktere hin, die in vornehmer Bescheidenheit und stiller Ruhe, gleichgültig gegen alles Aeußere, nur aus die Vermehrung des Ruhmes deutscher Wissenschaft bedacht, in wahrhaft vorbildlicher Weise ihren Weg wandeln. Ludwig Traube. Zur Erinnerung an seinen hundertsten Geburtstag. Von Dr. I. Käst an. m 12. Januar 1818 wurde in Ratibor (Oberschlesien) Ludwig Traube, der später einer der größten inneren Kliniker werden sollte, geboren. Sein Lebensweg war der für einen jüdischen Gelehrten oder Forscher in Deutschland herkömmlich dornenvolle. Zwar blieb chm der Kampf ums Dasein in rein wirtschaftlichem Sinne wohl erspart, um st'

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