Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1918)
- Date
- 1918-01-25
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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38 außer in den zahllosen von ihnen selbst herausgegebenen Zeitschriften auch in unseren großen führenden Organen unterzubringen. Zeugnis dafür war ein Aufsatz von Max Brod in Hardens „Zukunft", gegen den ich erfolglos in derselben Zeitschrift Stellung zu nehmen versuchte: Zeugnis dafür ein neuerdings (15. Dezember 1917) erschienener Aufsatz von Hans Fritz Abraham in der konservativen Zeitschrift „Das neue Deutschland", Gotha, F. A. Perthes, endlich ein Aufsatz von Moritz Heimann im Dezemberheft der „Neuen Rundschau" 1917. Beide Aufsätze rühren von Juden her. Aus den Ausführungen Abrahams hebe ich die folgende ausführliche Schlußstelle hervor. „Der Zionismus wird also keineswegs, wie gewisse Vertreter des Antisemitismus mit schlecht verhehlter Freude meinen, zu einem Panier, unter dem die Westjuden ihrer europäischen Heimat den Rücken kehren, sondern im Gegenteil das wiedererstarkte Bewußtsein der Zugehörigkeit zu einer im Aufstieg begriffenen Gemeinschaft wird das Selbstvertrauen der Juden kräftigen und ihre Stellung im europäischen Vaterlande um so fester begründen. Der Zionismus hat für diejenigen Juden, die mit der Kultur ihrer christlichen Heimatvölker durch die Geschichte der Neuzeit verknüpft sind und sich nicht zur aktiven Teilnahme an der zionistischen Bewegung entschließen können, diese wesentliche mittelbare Bedeutung. Ein neues „geistiges Zentrum" wird den Juden die „innere Freiheit" bringen, die ihnen bisher versagt ist (Achad Haam). „Es bedarf gar nicht für jeden einzelnen der ausgeprägten Stellungnahme zu dem Problem, ob die Judenheit als eine nationale, als religiöse oder als Rassengemeinschaft aufzusassen ist. Ein so differenziertes Geistes- und Empfindungsleben wie das eines Juden, der die innerliche Verknüpfung mit dem jüdischen Volkstum und europäisches Heimatsgefühl in gleicher Weise sein eigen nennt, läßt sich nun einmal nicht in eine einfache Formel pressen. „Zu der Frage, ob mau die gegenwärtige Denkrichtung des „Kulturzionismus" noch als „Nationalismus" bezeichnen kann, hat Martin Buber erst jüngsthin in klassischen Worten Stellung genommen.' Er sagt: „Wie fremd wir uns auch dem wissen, was heute gemeinhin mit dem Namen „Nationalismus" genannt wird, wir wischen ihn nicht weg. Denn feurige Zeichen sagen uns, daß sein Sinn sich wandelt, und wir ahnen rings um uns einen noch unkenntlichen Bund von „Nationalisten" aller Völker, denen es wie uns nicht um das Durchsetzen, sondern um das Gestalten ihrer Nationen geht. Dgß uns diese Aufgabe schon heute in ihrer Reinheit gewährt ist, daß wir zu ihr gelangten, ohne vorher den blutigen Irrweg gehen zu müssen, daß wir in Wahrheit Wegbahner sein dürfen, das erhöht wohl, es erschwert aber auch das uns angewiesene Werk. So schmal auch unser Weg ist, unser Herz darf sich niemals zur Enge gewöhnen, ganz wach und weit muß es allen Wandlungen dieser menschheitbereitenden Zeit mit seinem Schlage folgen. Nie darf uns das Nationale sein Ende in sich selbst finden, nie uns die Phrase eine Scheinverbindung zwischen ihm und der Sache der Menschheit vorlügen: ganz real muß die Verbindung sein und solcher Art. daß sie sich nicht in unseren Zielsetzungen allein, daß sie sich auch in der Wahl unserer Mittel und der Ausbildung unserer Methoden unentstellt kundgibt. Die neue, die verwirllichende Humanität wird da zuerst das unerschrockene Haupt erheben, wo man sich ihr nicht mit Manifesten und Verheißungen zu eigen gelobt, sondern mitten im Grauen dieses Alltags ihr zu dienen beginnt." „Vertiefen wir uns in diese Gedanken des wahren Führers der Judenheit, so erkennen wir, daß die Lösung der Judensrage eine ganz andere Art der Assimilation erheischt, als sie von den liberalen jüdischen Gruppen der einzelnen europäischen Nationalitäten gefordert wird. Nicht nur die Juden, sondern ebenso sehr die christlichen europäischen Völker bedürfen einer „Assimilation", einer Annäherung an einen höheren nationalen Typ, der, ohne Selbsttäuschung und chauvinistische Ueberhebung das Beste und Wertvollste der Gemeinschaft pflegend, Gerechtigkeit gegen Wesen und Eigenart der anderen zu üben weiß. „Eine ernste Gefahr würde dem Zionismus dann drohen, wenn es in diesem Weltkrieg skrupellosen Machthabern gelänge, den 'Zionismus zu einem politischen, einseitigen Interessen einzelner Großmächte dienenden Instrumente zu erniedrigen. Mögen die deutschen Zionisten darüber wachen, daß der kulturelle Wesensinhalt der jungen jüdischen Bewegung auch um den Lohn äußerer Erfolge nicht preisgegeben wird." Die Bezeichnung deS HerrWBuber als wahren Führers der Judenheit kann ich nicht' billigen, auch seine Worte nicht llassisch finden; verstehe ich die mir ziemlich unllar erscheinenden Sätze richtig, so wird in ihnen und in den Begleitworten seines Interpreten eine Loslösung von den ehemaligen nationalistischen Träumen angestrebt und eine geistige Einheit mit den Wirtsvölkern gepredigt, womit wir uns allenfalls einverstanden erklären könnten. Moritz Heimann, der sich einen Zionisten in partibus nennt und auf seine Eigenart stolz verweist, beschränkt sich in seiner Darlegung des zionistischen Problems, wenn diese auch die allgemeinen Ideen des Zionismus berühren, im wesentlichen mit dem polnischen Problem. Dabei kommt er zu folgendem Vorschläge: „Wagt man die relative Abschließung der polnischen Juden — ein Wagnis auch im kältesten politischen Sinn — so kann nur eine mit ungeheurem Ernst geeinte Sorge und Hut den Eingriff in das Staatsbürgerliche ausgleichen. Eine über die Kultusgemeinde hinausgehende Selbstverwaltung wäre zu fordern, mit einem Minister für die jüdischen Angelegenheiten (das hat es schon einmal gegeben); Schulen wären zu gründen: Hausindustrien zu schaffen: Versuche innerer Kolonisation mit Hilfe deutsch-jüdischer Ackerbauer zu machen: und mit allen sonstigen Mitteln ein Leben zu fördern, das auch sich selbst spielte und seine Talente für sich selber zu Wachstum und Fruchtbarkeit gewinne, statt, wie jetzt, sie zum größeren Teil zu verlieren." Da er selbst diese Vorschläge nur als Träume bezeichnet, so möchte ich darüber im einzelnen wicht diskutieren. Nach den neuesten Plänen der um den Frieden verhandelnden Mächte soll Polen ein selbständiger Staat werden. Als Deutsche und als Juden tun wir daher gut daran, diesem Staate zu überlassen, was er' für Einrichtungen trifft, und enthalten uns billig der Vorschläge über seine innere Neugestaltung. Unsere Sorge ist vielmehr der Zionismus im allgemeinen. Ich sehe in ihm heute wie ehedem eine ungeheuere Gefahr für das Judentum. Ich fürchte, daß durch ihn die Absonderung vom Deutschtum immer größer wird und daß das Anwachsen des zionistischen Gedankens oder gar die Begründung eines jüdischen Staates die allgemeine Kulturentwicklung schädigt und speziell die deutschen Juden ihren Volksgenossen entfremdet. VI. Schlußbetrachtung. Fassen wir das Gesagte zusammen, so gibt es für uns viele Sorgen, die uns beim Eintritt in ein neues bürgerliches Jahr bedrücken. 1. Die Länder, die bisher den Juden im allgemeinen günstig gesinnt waren, wenigstens in ihrer Behandlung der Juden keinen bemerkenswerten Unterschied gegenüber der