Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1918)
- Date
- 1918-01-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Dirse - ZeltunA erscheint wöchentlich. Abonnements,Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und vororten durch unsere' vertriebsfiellen) bezogen vierteljährlich 3ßl- Postscheckkonto 32*. Vegrün-et von Rabbiner vr. Ludwig Philippfon Unter Leitung des - Geheimen Regiernngsratr profefior vr. Ludwig Geiger Verlag r kuclvlk Mosse, verUn» Jerusalemer Strasse 46-44 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße *6-^9, Zu richten. Verlag von Rudolf rnosse, Berlin. Tfttftfrft* Jüdische Sorgen. VR Ludwig Geiger. — Die Woche. jlmjUU« — Ludwig Traube. Zur Erinnerung an seinen hundertsten Geburtstag. Don Dr. I. Kaftan. — Der Feldrabbiner. Von 8—r. — Randbemerkungen zu Kotteks Geschichte der Juden. Von M. Spanier (Magdeburg). — Jüdische .Stoffe, in den Dichtungen von Voß. Von Dr. Willy Cohn (im Felde). — Feuilleton: Schicksalsschlüge. Von Elias Nacht (Berlin), z. Zt. in Galizien. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. — Berichtigung. Der Gemeindevote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Königshütte (O.-Schl.)., Schneidemühl, Hamburg, Verden, Den Haag, Warschau. Von Nah und Fern. Mdilchr Sorgen. Von LudwigGeiger. ....... ' - - V.. . Der Zionismus. schwerste Sorge aber ist der Zionismus. Ich habe in ' zahllosen selbständigen Artikeln, in Bücherbesprechungen und Wochenübersichten meinen Standpunkt dem Zionismus gegenüber offen davgelegt, so daß mir kaum ein Wort zu sagen übrigbleibt. Dennochmuß ich. auch hier -nochmals auf diesen Gegenstand zurückkommen. Unser Kampf gegen den Zionismus gilt seinem Anspruch, ein jüdisches Volk zu statuieren, während wir nur von einer jüdischen Glaubensgemeinschaft wissen wollen; er richtet sich gegen das Streben, einen jüdischen Staat in Palästina zu gründen, während wir wohl für die Entrechteten Ansiedlungsmöglichkeiten in fernen Ländern wünschen, aber die Errichtung eines jüdischen Staates als ein Unglück für das Judentum betrachten. Wie steht es aber nun mit den Entrechteten? Wenn auch im Eingang zu-, diesen Betrachtungen darauf hingewiesen wurde, daß sich in England und Frankreich der Antisemitismus regtdaß er in Deutschland nicht geschwunden ist, ja daß sein stärkeres Wiederaufleben nach dem Kriege zu erwarten ist oder wenigstens im Bereich der Möglichkeit liegt, so kann weder, jetzt noch wie wir sicher glauben in der Zukunft von einer Rechtlosigkeit der Juden, von irgendwelcher Einbuße in ihrer staatsbürgerlichen Stellung die Rede sein. Die Masse derer, welche die jüdischen Kolonien in Palästina und Argentinien aufsuchen, waren Juden aus Galizien, hauptsächlich aus Rußland. Ich glaube , die Behauptung wagen zu dürfen, daß, wenn« die gegenwärtigen Zustände in Rußland andauern, wozu ja die größte Aussicht besteht, diese Masse aus ein kleines Häuslein zusammenschrumpsen wird. Zu dieser Behauptung werde ich unter anderem geführt durch folgende Stelle aus einem mir zur Verfügung gestellten Privatbriefe aus Argentiniern Diese Stelle lautet: „Die-russischen Juden sind außer sich vor Freude über die neue Aera in Rußland; überall, wo sie in größeren Mengen Klsammenwohnen, finden Meetings und öffentliche Umzüge statt. Fast alle erklären, nach dem Kriege zurückwandern zu wollen. Wenn auch bei einigen später die hier ausgewachsenen Kinder sie zurückhalten werden, so wird doch aus Stadt und Land eine große Rückwanderung stattfinden. Die neueren Kolonien, in denen noch dazu die wirtschaftliche Lage miserabel ist, werden sich sicher auflösen; in den älteren wird auch eine größere Zahl Kolonisten zurückgehen und vor allem die noch nicht ganz Hodenfeste Bevölkerung: Arbeiter, Pächter, Kleinhändler, Handwerker werden völlig verschwinden." „Hier (den Namen des betreffenden Ortes muß ich natürlich verschweigen) ist geradezu eine Nostalgie nach Rußland ausgebrochen. Man hört auf einmal überall russisch sprechen. Neulich sagte ein Kolonist, der mit nichts aus Rußland kam .und hier zum wohlhabenden Manne geworden ist: „Wir (d. h. er und seine Frau) träumen alle Nacht von Rußland, und wenn der Krieg zu Ende ist, verkaufe ich mein Vieh und Inventar, schenke der JCA. alles, was ich auf mein Land eingezahlt und meine Baulichkeiten und fahre nach Hause. Es gibt kein besseres Land in der Welt wie Rußland, wenn alle Menschen gleiche Rechte haben." Das ist nicht eine Ausnahme, sondern ein typischer Fall für i>ie Leute, welche bei der Rückwanderung nichts zu verlieren haben. Die hier nichts zuzusetzen haben, kehren natürlich noch viel leichter zurück, sobald sie nur das Reisegeld erschwingen." Sollten ähnliche Gesinnungen und Empfindungen nicht auch bei den in Palästina eingewanderten russischen Juden herrschen? Ich kann es nicht beweisen, wage es aber zu hoffen. ~ Wenn dann wirklich kein neuer oder kein nennenswerter Zuzug aus Europa erfolgt, wenn im Gegenteil ein Rückfluten der jüdischen Auswanderer nach Europa beginnt, mit welcher Bevölkerung will man denn eigentlich einen jüdischen Staat begründen? Ein solcher Staat wäre diskutierbar, wenn er auf einem freien keinem Herren gehörenden Boden errichtet werden könnte. Er scheint mir indiskutabel, da die Türkei trotz allen Wohlwollens für die Inden, trotz aller Zugeständnisse, die sie einer gewissen städtischen Administration zu gewähren bereit ist (vgl. unsere Wochenübersicht in Nr. 2), sich niemals dazu verstehen würde, den - Juden einen Teil von Palästina oder ganz Palästina als einen unabhängigen oder selbständigen Staat abzutreten. Die Bildung eines jüdischen Reiches von Englands Gnaden müßte von deutschem und von jüdischem Standpunkt aus geradezu als Unglück aufgefaßt werden. Ein kleiner selbständiger jüdischer Staat wäre nur ein Spielball in der Hand der Nationen, ein von England begründetes oder beschütztes Reich wäre nichts anderes als ein Vasallenstaat des mächtigen Reiches. ' ' In den mannigfachen Veränderungen, die in dem Zionismus Vorgehen, scheint nun die neueste die zu fei nt, die das Nationale als solches ausgibt oder äuf eine höhere Warte erheben will. Die Zionisten verstehen es meisterlich, ihre Ansichten