Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1918)
- Date
- 1918-01-18
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229342--73722-3286201- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2 ihm und den Lehrern geherrscht hat. Nur ungern und gezwungen durch seinen körperlichen Zustand scheide er von dem Amte, in das Herr Prediger Dr. Lob -eintrete. — Namens des Lehrerkollegiums svrach Herr Casper innige Worte des Bedauerns über das Scheiden des von Lehrern und Schülern verehrten Leiters. Er dankte ihm für das dem Kollegium allezeit bewiesene Wohlwollen und gab der Bitte und der Hoffnung Ausdruck, daß Herr Dr. Hochfeld, der zur Freude der Lehrer und Schüler als Leiter des Konfirmandinnenunterrichts der Schule erhalten bleibe, dem Kollegium mit seinem reichen vädagogischen Wissen und seinen schultechnischen Erfahrungen auch weiterhin fördernd zur Seite stehen möge. — Herrn Dr. Lob, der die Leitung der Schule bereits übernommen hat, begrüßte Herr Casper namens des Kollegiums. E. M. Berlin. 15. Januar. Ei n jüdischer Bibelabend, den Oberkantor M a a n u s D a v i d s o h n am 9. d: M. im Blüthner- Saal veranstaltete, brachte eine vom Vortragenden mit sicherem Empfinden zusammengestellte Folge von biblischen Dichtungen und Gesängen nach liturgischen Motiven. Davidsohn, der als feinsinniger Interpret alter religiöser Dichtungen bereits bekannt ist. trug Jehuda Halevys Seesturm" und Wielands fall vergessenen „Abraham" vor und brachte religiöse Gesänge aus Psalmen und Oratorien mit großem Können zu Gehör. In der „Vision" von Emil Kuh begleiteten gottesdienstliche Gesänge und melodramatische Musik, die ihre Motive der Liturgie entlehnt hatte, den Gesang der Legende. Unter den vorgetragenen Kompositionen sind besonders einige interessante Vertonungen von Luedtke hervorzuheben, sowie dessen meisterbafte Orgelbegleitung. Das zahlreiche Publikum spendete .Herrn Davidsohn überaus lebhaften, wohlverdienten Beifall. E. M. Berlin. 15. Januar. Wohl zum ersten Malern Deutschland wird in einem wissenschaftlichen Vorlesungsverzeichnis Jiddisch als Vortragsthema an gezeigt. Im Lehrplan der Freien Hochschule (Hir.mboldt-Akademie) in Berlin kündigt der Dozent für Sprachwissenschaften, Dr. Heinrich Thießen, einen Doppelzyklus an: „Jüdisch (deutsch mit hebräischen Buchstaben.') vom Standpunkt des' gebildeten Europäers." Die Vorlesung behandelt folgende Leitsätze: ^Di'e deutsche Grundlage in Deklination und Konjugation, im Allsdruck und Satzbau. — Die üblichen hebräischen Wörter und Ausdrücke nach Art und Zahl. — Die Quadratschrist und ihre Entwicklung aus der aramäisch-syrischen. — Die Bedeutung des Jüdischen für die germanische Sprachwissenschaft. .— Diese Vorlesungsanzeige ist auch eine von jenen Kriegssolgen, die beim Ausbruch des Krieges niemand erwartet hätte. Ben Akiba ist nun doch dementiert worden. jfr K Potsdam, 11. Januar. Vor 150 Jahren, am 29. Dezember 1767, wurde die erste Synagoge zu Potsdam eingeweiht, die unter den Auspizien Friedrichs des Großen -erbaut und, wie die Tradition behauptet, von ihm gestiftet wurde. In einer Nummer der „Hauch- und Spenerschen Zeitung" vom Januar 1768 findet sich ein ausführlicher Bericht über diese Feier, daß der damalige Kronprinz derselben beigewohnt, und welche Staatswürdenträger anwesend waren, ein Beweis, in welcher Achtung die jüdische Gemeinde von Potsdam bei Hof und Regierung stand. Nach manchen belanglosen Umbauten des Innern beging, die Synagoge am 29. Dezember 1867 in erhebender Weise die Säkularfeier. Die hebräischen Lieder von der Einweihung 1767 hatte der derzeitige Rabbiner Dr. Tobias Cohn wieder aufgefunden und ließ sie, durch von ihm verfaßte zeitgemäße hebräische Verse vermehrt, bei der Feier singen. Freilich die in Aussicht gestellte Anwesenheit des geliebten Kronprinzen Friedrich Wilhelm, nachmaligen Kaisers Friedrich, der Potsdam so nahestand und der jüdischen Gememde stets sein Wohlwollen bewiesen hatte, wurde in letzter Stunde aus dienstlichen Gründen abgesagt. Der letzte Gottesdienst in diesem ehrwürdigen Gotteshause wurde am 23. September 1901 abgehalten. Am Tage darauf begann der Abbruch der Synagoge, da auf derselben Stelle das neue Gotteshaus erbaut werden sollte. R. Königsberg, 11. Januar. Der Ehrentod des Religionslehrers und Sekretärs unserer Gemeinde, Herrn Isidor Sandler, hat unter den Beamten der Shnagogengemeinde den Wunsch rege werden lassen, das Andenken an diesen in der Blüte der Jahre dahingegangenen Kollegen und Freund in der Mitte der Gemeinde dauernd zu erhalten. Auf Anregung eines im Felde befindlichen Kollegen wurde eine Sandlersche Schulprämien- Gedächtnisstiftung ins Leben gerufen mit der Bestimmung, daß die Zinsen der Stiftung alljährlich am Sterbetage deS Verewigten zu Prämienzwecken für diejenigen Schüler der Religionsunterrichtsanstalten der Shnagogengemeinde verwendet werden, welche die tüchtigsten Leistungen im Hebräischen aufweisen, da der Heimgegangene gerade diesem Zweige des Religionsunterrichts das wärmste Interesse entgegengebracht hat. Die unter den Beamten für diesen Zweck veranstaltete Sammlung hat den Betrag von 1000 Mark ergeben. Die Gemeindekörperschaften haben diese Beamtenstistung mit dem Ausdrucke der Anerkennung und des Dankes angenommen. W. Posen, 11. Januar. Das Jüdische Krankenhaus (Abraham und Henriette Rohrsche Stiftung) zu Posen hat im Jahre 1916/17 598 (556) Patienten ausgenommen. Die Gesamtverpflegungtage verteilen sich auf 9886 (11 254) Kranke -aus der Stadt Posen, -auf 6092 (6001) -aus der Provinz Posen und dem übrigen Deutschland und auf Kranke aus Rußland mit 1248 (549). Darunter waren 334 (333) Juden und 264 (223) Christen. Die ausgewendeten Kosten für Kranke und Sieche haben sich zufolge der durch den Krieg verursachten andauernden Teuerung^ aller Lebensmittel und sonstigen Gegenstände, sowie durch Gehalts- und Lohnerhöhungen ungemein gesteigert. Die Gesamtkosten für Unterhalt und Verwaltung betrugen 9,38 Mark gegen 7,29 Mark für Kopf und Tag im Vorjahre. Insgesamt betrugen die Ausgaben 175 077,88 Mark. (140 338,83 Mark), die Einnahmen 155 224,91 Mark (136 385,29 Mark), so daß aus Gemeindemitteln ein Zuschuß von 19 852,97 Mark (4 003,54 Mark) geleistet worden ist. J. Gleiwitz, 11. Januar. Am 9. d. M. fand hier eine würdige Feier statt zum -Gedächtnis an unseren vor einem Jahre Hingeschiedenen Gemeinderabbiner Dr. Wilhelm Münz s. A. Um 7 Uhr abends versammelte sich die Geineinde in der hell erleuchteten Synagoge. Zur Feier waren herbeigeeilt der einzige Sohn, der Soldat und Gerichtsreseren-dar in Kreuzburg ist, und die älteste Tochter des Verewigten, sowie die Rabbiner aus Hindenburg und Beuthen O.-S. Die Gedächtnisfeier begann mit dem seelenvollen Vortrag des Psalms 16. Hierauf bestieg Herr Rabbiner Dr. Ochs die Kanzel und feierte seinen Amtsvorgänger als hervorragenden- Kanzelredner und Religionslehrer. In geistvoller Weise unterschied der Redner zwischen der Wirksamkeit des Propheten und des Priesters. - Dr. Münz hat hier ein Menschenalter hindurch als - Seelsorger, als Lehrer seiner Gemeinde und als Verfasser eindrucksvoller, weitverbreiteter Schriften (Offene Briefe andie regierenden Fürsten — An den Reichstaasabgeordneten Liebermann v. Sonnenberg — Einsames Land) mit der Kraft eines Propheten gewirkt. Sein Name wird unvergeßlich sein. Der Vortrag des El-molerachamim--Gebetes beendete die eindrucksvolle Feier. M. Hamburg. 11. Januar. Das Repräsentantenkollegi-um der deutsch-israelitischen Gemeinde hielt im Gemeindehaus eine Sitzung unter Vorsitz des Herrn Jos. Lippmann ab. Der Antrag des Gemeindevorstandes, zur Deckung des Fehlbetrages der Gemeindeabrechnung von 1916 einen Betrag von 42 000 Mark. dem Ueberschuß des Reservefonds der Deposttenkasse milder Stiftungen der Gemeinde zu entnehmen, wurde einstimmig genehmigt; ebenso wurden dem Siechenheim der Gemeinde für das Jahr 1917 25 000 Mark nachbewilligt. Den Hauptgegenstand der Tagesordnung bildete die Beratung des Haushaltsplans für 1918. Dazu waren als * Kommissare des Gemeindevorstandes die Herren Heinrich Levy und Jakob Alexander erschienen. Nach einigen einleitenden Worten der Kommissare über die allgemeine finanzielle Lage der Gememde wurde in die Beratung der einzelnen Positionen eingetreten. Unter den Einnahmen figurierten an erster Stelle die Steuern mit einem Betrage von 200 000 Mark. Unter den Ausgaben erfordert das Armen- und Wohlfahrtswesen in der Gemeinde allein den Betrag von 105 070 Mark, von denen allein auf das Armenwesen 85 000 Mark entfallen. Das Schulwesen ist im Voranschlagmit einer Ausgabe von 97 400 Mark vertreten, und zwar erfordert die der Gemeinde gehörige Töchterschule einen Zuschuß von 69 800 Mark. Beim Begräbniswesen wird für den Ehrenfriedhof für die im Kriege gefallenen- Vaterlandsverteidiger auf dem Friedhof in Ohlsdorf als dritte Rate 2500 Mark gefordert. Zurzeit haben auf dem Ehrenfriedhof bereits 47 Beerdigungen stattgefunden. Für die neu angelegte Kriegsstatistik der Hamburger Juden werden wieder 1000 Mark gefordert. Unter den durch den Krieg hervorgerufenen allgemeinen Ausgaben befinden sich auch Patenschaften für mehrere ostpreußische