Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-01-18 · Heft 3 (18.1.1918) · p. Seite 35

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 3 (18.1.1918)
Date
1918-01-18
Page
Seite 35 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229339-3229342--73719-3286198
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

„Mutter, was ist dir?" ischveien Saloryon und Sarah auf. Sie sind in größte Bestürzung geraten. Doch keine Antwort erfolgt mehr! Die achtundachtzigjährige Hanna hat ihre Seele ausgehaucht. Hat sie die Freude gelotet? Rafch tritt der Tod den Menschen an . . . „Mutter! Mutter!" schluchzt Sarah auf und ringt die Hände. Mann und Frau richten dre Tote aus, legen sie aus ihr Bett nieder. Salotnon kniet nieder und verrichtet ein stilles Gebet, tzr ist gefaßt, wie es dem Soldaten geziemt, aber die Augen stehen ihm voll Wasser, und vor Rührung kann er nicht sprechen. Wieder schlägt es von der alten Wanduhr sieben, aoer niemand achtet daraus. Schon von jeher hatten die drei Menschen wie Kletten aneinander gehangen. Die gute sürsorgende Mutter war nicht mehr, und der Schmerz der Zurückgebliebenen war übergroß. „Lres in unserem Bolle wurzelt der Zauber der Familie", sagt de Silva, der Arzt in «llriel Acosta", Gutzkows bekannter Lragödie. Litrrarikchr Mitteilungen. -- Polnische Nachtstücke von Benno Elkan. Mit Federzeichnungen des Künstlers. 1918. Delphin-Verlag. München. Benno, Elkan ist ein Künstler, dessen Name mir bisher unbekannt war. Ich nenne ihn Künstler, weniger seiner Zeichnungen wegen, die ich infolge meines altväterlichen Geschmacks nicht goutiere, sondern wegen der Art seines künstlerischen Sehens und Ausdrucks. Das flimmert und glitzert bei ihm in einer ganz merkwürdigen Weise, die wohl etwas Fremdartiges an sich hat, aber trotzdem ooer vielleicht deswegen anreizt uno fesselt. Auch besitzt er Humor; die Verherrlichung der Maus und des Flohs wird man nicht ohne behagliches Schmunzeln lesen. Aber meist gibt er vcachtbilder, düsterer grausiger Art, dazu ernste, begeisterte Schilderungen der deutschen Heere und ihrer Führer (z. B. Mackensen), prophetische Ausblicke in die Zukunft. In manchen der in diesem Buche vereinigten Skizzen wiro gelegentlich von Juden berichtet, nicht immer Lobendes; ganz jüdisch ist die Ansangsnovelle „Sühnehochzeit". Dort wird von dem Gebrauch gesprochen, ganz Arme nachts aus dem Kirchhof zu verheiraten, um durch solche Guttat Gott zu bewegen, eine Seuche schwinden zu lassen. (Von diesem Brauch ist schon srüher einmal in diesen Blättern die Reoe gewesen.) Die Skizze ist ungemein virtuos geschrieben und höchst ergreifend dargestellt. Am liebsten würde ich diese Skizze meinen xsejern ganz zum Besten geben, statt sie auf das Buch zu verweisen; für heute mag es genügen, eine höchst eigenartige Ausführung über die galiziscyen Juden an dieser Stelle zu wiederholen. „Aber die wilde Menge schiebt sich hinein, verteilt sich zähflüssig unter ihre steinernen Väter, die Plötzlich schön und klar in ihrer reinen Geistigkeit dastehen, während sie selbst im irdischen Staub befangen bleibt. Aber wer das Wesen dieser Menschen kennt, weiß, daß ihr Sinnen und Streben nach dem Geist gerichtet ist, dem Geist der Schrift, dem Geist des Wortes, dem Geist der Gelehrsamkeit und frommen Strebens nach Vollendung in Gedanken. Ist er gleich zu Rabulistik verzerrt, in Formalismus erstarrt und in Einseitigkeit in kabbalistisches Irren verkrampst, so ist es doch ausschließlich der Geist, der sie bewegt. Seine Triebfeder mag die religiöse sein, immerhin aber ist es ein geistiges Tun, das ausschließlich für ihr Leben bestimmend ist bis zur völligen Negierung des Materiellen, des Körperlichen. Ihr Versinken in Schmutz und vegetatives äußeres Dasein ist eine Folge davon, die absolute Uninteressiertheit an irdischem Gut ein Grund ihrer Armut, ihres wohnlichen Elends. Sie sind kulturell weltfremd, und Geld und sein Erwerb nur notwendigstes Mittel zu kümmerlichem Leben. Ihre Nichteinordnung in die uns altgewohnte Ordnung 'läßt diesen Erwerb krampfhaft werden. Betrug und Schacher verraten ihr Mißverständnis zu geregelter Arbeit, zu geregeltem wirtschaftlichen Aufbau. Nur schnell das Nötigste zu erraffen, wird das wenige meist völlig unpraktisch gearbeitet, nur um sich dem Studium, der Diskussion, dem Gebet, dem „Lernen" hinzugeben. Jahrhunderte, Jahrtausende ist ihr Leben das gleiche. Jtt ihrer Sprache, dem seltsamen Gemisch aller europäischen Sprachen, finden wir Sanskrit und Mittelhochdeutsch wie ein Insekt in Bernstein aufbewahrt. Der Arme ist nie gering geachtet worden, und wenn er ein „gelehrter Mann" ist, wird er auf gemeinsame Kosten erhalten. In diesem körperlich so degenerierten, galizischen Judenvotk lebt eine reine, wenn auch verzerrte Geiirigkeit, die alles übrige vergißt, was uns andern notwendig erscheint. In dem unsagbaren Schmutz haben sie einen sanften Gelehrtenblick, melancholisch lächelnd, duldend, resigniert gegen das rauhe Außenschicksal. Und so sind sie, höher betrachtet, ein merkwürdiges Stück Menschheit voller Widersprüche und. Rätsel und nicht leicht zu lösen, ein dunkel rinnendes Reservoir des Geistes, aus dem manche europäische Große stammt. Man würde überrascht sein, zu wissen, wie viele klangvolle Namen in Galiziens Judenheit ihre Wurzeln versenkt haben." L. G. Ruth Webers Erlebniss e. Roman von Josefa Metz. Kronen-Verlag G. m. b. H., Berlin SW 68. Josefa Metz verdient schon um ihres für das Judentum tätig gewesenen Vaters willen, sowie wegen ihrer reichen Wirksamkeit tu indischen Literaturvereinen und wegen ihrer mannigfachen Behandlung indischer Stoffe, daß man ihre literarische Laufbahn verfolgt. Aus diesem Grunde lente ich die Aufmertsamleit meiner Leser auf ihren ersten größeren Roman, wenn dieser auch in nichtjüdischen Kreisen spielt. Es ist die Geschichte (in Briefen und Tagebuchbtättern wiedergegeben) einer Künstlerin, die für ihre Kunst ringt, mit dem Leben tämpst, und da sie in ihren schönsten Hoffnungen getäuscht wird, den Tod sucht und findet. Die Geschichte spielt in einer Kleinstadt, ferner in Berlin, Wien, München; Gegenden und Menschen treten plastisch hervor, Man gewinnt die Heldin und manche sympathische Person lieb, wird von ihrem tragischen Geschick erschüttert und erfreut sich an manchen humoristischen Einzelheiten. Kommt auch unter den handelnden Personen kein Jude vor, so sei doch auf die Lebendige Schilderung des Judenquartiers eines Vorortes von Wien (S. 115 ff.) hingewiesen. L. G. — S) t e Methodik des jüdischen Re l i g i o n s u n t e r - richts. Von Seminaroberlehrer Ja tob Stoll tu Würzburg. 1. Heft. Verlag A. I. Hosmann, Frankfurt a. M. 1916. 87 S. 1 Marc. Die Pädagogik ist ein Gebiet, das sehr selten durch einen jüdischen Fachmann Bearbeitung findet. Schon von diesem Gesichtspunkte aus ist die vorliegende Methodik des jüdischen Religionsunterrichts von Stock ein Unternehmen, das die Beachtung und Würdigung des jüdischen Religionslehrers verdient. Vorläufig ist das erste Heft erschienen, dessen Inhalt a) pädagogifch-Psychotogische Grundfragen und b) die Methodik der biblischen Geschichte behandelt. Als Fundamentalsatz für die Pädagogik des jüdischen Religionsunterrichts formuliert der Verfasser den Gedanken: Das Heil der religiösen Jugendbildung liegt nicht in erster Linie in der M e t h o d e, sondern in der P e r f ö n l i ch k e i t d e s E r z i e h e r s; die erste Ausgabe des 9teligionsuntereichts ist religiös orientierte Gemütsbildung; die Verstandesbildung ist, wenngleich auch vou wesentlicher, doch der Gewöhnung gegenüber erst von sekundärer Bedeutung. Bemerkt fei, daß sich der Verfasser aus religiösen Gründen gegenüber bildlichen Darstellungen von biblischen Personen und biblischgeschichtlichen Vorgängen durchaus ablehnend verhält. Wertvoller als der erste, theoretische Teil erscheint der zweite Teil: Die Methodik der biblischen Geschichte, in welchem dem Lehrer für die Praxis manch beherzigenswerter Wink gegeben wird. Um den Fragenkomplex anzudeuten, mit dem der Verfasser sich hier aus ei nandersetzt, indem er aus der Erfahrung einer langjährigen an Erfolgen reichen Praxis schöpft, nenne ich einige der wichtigsten Kapitel: Prinzipien der Stoffauswahl für den Unterricht in der biblifcheu Geschichte; Stoffanordnung und Stoffverteilung; wie sind die biblischen Geschichten den Kindern darzubieten? Was hat die Darbietung sachlich zu leisten? Anwendung und Einübung der biblischen Geschichten (Bibellesen). Daß die vorliegende pädagogische Abhandlung, die von ernster Durchdringung des Stoffes zeugt, die Würdigung und Anerkennung der jüdischen Religionslehrer verdient, ist bereits gesagt worden. Und wenn auch einzelne der vorgebrachten Thesen, die eine Folge des „gesetzestreuen" Standpunktes sind, auf dem der Verfasser steht und neben dem er keinen anderen gelten läßt, anfechtbar

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.