Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1918)
- Date
- 1918-01-18
- Page
- Seite 34 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Citg«n Gasse der Altstadt kauerte eine alte Frau. Ihr Haar war schlohweiß, und ihr Antlitz hatte etwas Mumienhaftes: eS war die alte Hanna, wie sie von den Bewohnern der Gasse genannt ward. . Sie hatte lange vor sich hingestarrt. Da rauchte eine junge, schmucke Briefträgerin auf — ihre Mütze sah noch ganz neu aus — und überreichte freundlich knixend der Alten einen Brief mit den Worten: „Guten Tag, Mutter Hanna, wie geht's Ihnen?" „Gott, wie soll mer's gehn, liebes Kind?" lautete die Antivort. „Kummer und Elend in der Welt, der Krieg und kä End! kä End. Mer wird's gar net so spüren, wenn man net selber einen dabej hätt'!" „Mein Mann ist auch im Felde," unterbrach die Botin, „und cs geht ihm gut, er hat nichts zu leiden. Und Sie haben einen Sohn draußen, ist's nicht so?" "Ja," sprach die Greisin weiter, „mein Schlome ist an der Westfront. Awer seit acht Wochen weiß ich nix von ihm. Js e Kreuz! Js er tot am End?" „Wollen wir nicht hoffen, Mutter Hanna: ich muß wieder weiter. No, adsche!" Und die junge Frau trippelte wieder weiter. Die Greisin, mit ihren zitternden Händen das Schreiben haltend, besah es von allen Seiten. Gutes oder Böses? So fragte sie sich. In diesem Moment erschien auf der Schwelle des kleinen Hauses eine bildschöne junge Frau, ihre Haarwellen waren nachtschwarz, ihr Antlitz bleich, verträumt und die fast übergroßen dunklen Augen waren vom vielen Weinen stark gerötet. „Da is e Brief gekommen, Sarahche," sagte Hanna, denselben der jungen Frau in die Hand drückend, „lest mir ihn doch vor, sei so gut, mein Augen wern. zu schwach." „Komm, wir gehen hinauf, Mutter," entgegnete die junge Frau mit müder Stimme; ein leichtes Zittern hatte sie überfallen, sie ahnte nichts Gutes. Beide Frauen begaben sich in das erste Stockwerk des Hauses, wo ihre kleine, recht Primitiv eingerichtete, aber blitzsaubere Wohnung gelegen war. Inzwischen war es ganz dunkel geworden. Sarah stellte sich an das Fenster, öffnete das Schreiben und las es aufmerksam durch. Die Neugierde der Greisin wuchs. „Kannst noch ebbes sehe?" fragte diese voller Spannung. „Ja, Mutter, ich habe gesunde Augen. Gottlob." „No, was wird da gefchriewe?" „Die Kompagnie teilt uns mit," erwiderte Sarah, „daß der Landsturmmann Salomon Lilienfeld vermißt wird, seit dem Vierzehnten dieses Monats nicht wieder zu seinem Truppenteil zurückgekehrt ist." Und die Leserin bricht in Tränen aus. „Vermißt ist net tot, Sarahche", tröstet die Greisin-, „ein Mann voll Lieb und Güte wie Schlome geht net unter, und eines scheenen Morjen oder Abend kümmt er wieder zu uns, wirst sehen. Und nun flenn net, davon wird's net besser." Auf der alten Wanduhr, die ein teures Erbstück war, schlug es sieben. Sarah zündete ein Petroleumlämpchen an, verfügte sich mit diesem in die Küche, machte Feuer und bereitete das einfache, aber stets kräftige und wohlschmeckende Abendbrot. Als sie mit diesem in der Stube wieder erschien, saß die Schwiegermutter hinter dem Ofen auf ihrem Lieblingsplätzchen; sie war eingeduselt. Heute mußte Sarah einmal allein essen. Wer nie sein Brot mit Tränen aß . . . * Kronus kennt kein Rasten- Schon stand der Herbst auf der Schwelle, aber es herrschte noch große Schwüle. Eines Abends sahen Hanna und Sarah nach getaner Arbeit zum Fenster ihres Wohnstüüchens hinaus. Die Gasse war um diese Zeit recht belebt, man bemerkte viele Passanten, eine alte Droschke raffelte vorüber, und eine Anzahl Kinder spielten und lärmten. Jetzt nahte ein feldgrauer, schwerbepackter Jnfanteriesoldat dem Hause- Er war ein mittelgroßer, proportioniert gebauter Mann von etwa vierzig Jahren, leicht ergraut, seine dicken Wangen glänzten wie Pfirsiche. Wie seine kleinen Augen blitzten, wie ihm das-Herz klopfte; es Mußten die fieberhaften Momente eines freudigen Erwartens sein. „Scholem alechum, Mutter und Frau," schrie der Krieger wie besessen. „Schlome! Wahrhaftig, er ist's!" Mutter und Gattin hatten ihren Augen nicht getraut. Und einen Moment später lagen sich die drei in den Armen und küßten sich stürmisch. Und Sarah lachte und weinte. Wer war glücklicher wie sie alle? Der Ankömmling warf ein in gelbes Papier gehülltes mächtiges Paket auf den Fußboden, ließ sich ganz erschöpft auf einen Stuhl nieder, der in allen Fugen krachte, und wischte sich mit einem roten Taschentuche den Schweiß von dem stark gebräunten Gesicht. „Denkt mal," erzählte nun der so ganz unverhofft Heimgekehrte, „was ich euch da alles mitgebracht habe. Die Naches! Butter, Eier, Wurst, Speck, Schinken und weih der Kuckuck noch alles! Mein Herz, was begehrst du noch mehr? Ein reicher Kaufmann, ein Glaubensgenosse von uns, hat mir dies alles zugesteckt: war ein Prachtmensch, der alte Epicier! Er besuchte mich im Lazarett, ich gefiel ihm, und ich durste ihn auch besuchen. Was sagt ihr dazu?" Doch die Frauen waren ganz sprachlos geworden. „Ja, ich war vermißt, meine Lieben. Welche Aufregung, welche Angst müßt ihr meinethalben ausgestanden haben! Die Beessteakesser hatten mich gefangen genommen; sie hatten mich soweit ganz anständig behandelt, ich lernte ein paar Brocken Englisch; wie häßlich ist doch diese Sprache! Und eines Nachts, es regnete gerade in Strömen, bin ich ihnen entwischt, irrte Tage und Nächte in Wäldern, die gar kein Ende nehmen wollten, umher, es war schon mehr Urwald, hungerte wie ein Wolf und fror wie ein Schneider, bis ich eines Tages wieder aus mein Regiment stieß. War das 'ne Freude gewesen. Bin dann noch ein paar Wochen in einem Lazarett an der flandrischen Grenze gelegen, da ich mir das Reißen, Rheuma sagen die Aerzte, geholt hatte, am ganzen Körper steif war und nicht gehen konnte, keinen Schritt! Aber die. Sache machte sich wieder und man gab mir einen Erholungsurlaub von vierzehn Tagen. Und da bin ich nun. Unkraut vergeht wicht." Der Sprecher lachte herzlich. „Und nun erzählt ihr! Wir machen jetzt Kiddusch." „O Gott, du lebst, Salome, mein Herzensjüngelche!" ries Hanna aus, ihrem Sohne die Wangen streichelnd. „Und hast - du noch Schmerze?" „Nein, Mutter!" Sarah war hinausgeeilt und brachte jetzt eine kalte Kollation, stellte sie auf den Tisch und sagte: „Iß und trink, Schlome, wirst Hunger haben, und dann packen wir unsere Schätze aus, nicht wahr? Wie reich wir auf einmal geworden sind!" Und Hanna sagte: „Und du bist gesund wie e Fisch im Wasser, mein Sohn! Kä Kugel hat dich treffen können. Wie Hab' ich auch gebetet für dich. Tag und Nacht. Gott meiner Väter, wie glücklich bin ich — ach! kann's gar net fasse!" Da — plötzlich durchfliegt ein konvulsivisches Zucken den langen, hageren Körper der Greisin, sie Preßt die Hand aufs Herz, ihr Kopf fällt schwer auf die Rücklehne des Stuhles und ihre großen, starren Augen schließen sich.