Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1918)
- Date
- 1918-01-18
- Page
- Seite 32 (sequence 8)
- Language
- German
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32 treten eines Ostwald in Witten beschämt ihr Haupt verhüllen müßte. Wie er allezeit! Kidusch haschem machte, so übt er auch fortgesetzt Gemilus chesed. Erstand doch das Israelitische Altenheim in Unna aus seine Anregung hin. Nachdem er die Notwendigkeit eines solchen Hauses auf einer Tagung des Gemeindevevbandes, den er auch mit ins Leben gerufen, nachgewiesen hatte, reiste er wie ein Apostel durch die westfälischen Gemeinden, Begeisterung für die Idee zu wecken und Gelder dafür flüssig zu machen. Am 31. Mai 1904 konnte er die Festrede zur feierlichen Grundsteinlegung des Hauses halten, das inzwischen viel Segen verbreitet hat. Fast alle die genannten Institutionen, die Ostwald mitbegründete, haben ihn zu ihrem Ehrenmktgliede ernannt. Zu seinem siebzigsten Geburtstage, den er noch in Witten beging, wetteiferten sie, ihm ihre Verehrung zu bekunden. Die Beschreibung jenes Tages hätte einen Voß reizen können. Der älteste Sohn hatte die jugendliche, einer angesehenen Berliner Gelehrtenfamilie entstammende Bvaut erstmalig ins Elternhaus geführt. Diesmal beglückwünschen neben der Gattin und den Kindern herzige Enkel den jugendfrischen Greis, und zahlreiche Freunde und Verehrer in der Nähe und Ferne lgrüßen ihn mit hoffnungsfrohen Wünschen für die Zukunft, sprechend: „Diesen Tag hat der Herr gemacht, wir wollen uns freuen und fröhlich an ihm sein." Gelt. D. «Lhanukkakeirr im Krirgslpitai. mag ein Raum durch sein nüchternes, kahles Aussehen, durch seine primitive Einrichtung, durch den Zweck, denrer sonst dient, noch so wenig geeignet fein, ein passendes Relief für eine gottesdienstliche Feier abzugeben und weihevoll zu wirken, so gibt es^ doch durch die Not der Zeit herbeigesührte Umstünde und seelische Momente, die all dies überragen und Stimmungen schaffen voll Weihe und Heiligkeit, die keiner Äußerlichkeiten bedürfen. So war es im Barackenkino des Kriegsspitals zu St., wo am Spätnachmittag die Chanukkafeier mit anschließender Bescherung für die jüdischen Soldaten, veranstaltet von dem k. und k. Feldrabbiner Professor Dr. Arthur- Rosenzweig, stattfand. Dicht zusammengedrängt saßen die Soldaten aus den schmalen, rohgezimmerten Holzbänken, dort ein Häuflein russischer Kriegsgefangener und auf einer Reihe von Sesseln die Offiziere. Als meine Augen den kahlen, weißgetünchten Saal durchschweiften, dessen -einziger Wandschmuck grellbunte Reklameplakate dev Filmindustrie waren, darstellend tolle, übermütige Maskenzüge, brennende Luftballons, darunter im Korbe Menschen in höchster Lebensgefahr, Trümmer entgleister Eisenbahnzüge, darunter begraben die Toten, die Halbtoten und die noch Lebenden, da wandte ich mich ab von dieser Talmifreude, von dieser Talminot, von diesem Talmitod, und meine Augen ruhten auf der ernsten Schar grauer Männer, die alle vielleicht des Lebens wirkliche Freude kennenge'lernt-, die aber ganz gewiß der echten Not, dem grausig wahren Tod ms Auge geschaut hatten. Und ein Gefühl warmer, geschwisterlicher Nächstenliebe durchzog mein Herz. Mr war es, als müßte ich jedem einzelnen von ihnen die Hand drücken, als müßte ich ihnen sagen: „Wenn ihr heute das Chanukkalied anstimmen werdet, so sind es keine leeren, inhaltslosen Worte, die ihr singt. Die Worte sind echt, sie leiben und beben, -denn in euern Adern pulst das Blut der Makkabäer." Doch da stand schon der Feldrabbiner im schwarzen, faltigen Tatar neben dem weißgedeckten Tische, auf dem der 'holzgeschnitzte, im Schmucke seiner Kerzen festlich Prangende Chanukkaleuchter chronte. Da klangen die ersten Worte des Minchagebetes von den Lippen'des Vorbeters, der sich nach dem Singsang seiner Melodie hin und her wiegte. In auf- und niederbrandendem Gemurmel beteten die Soldaten nach. Und als der Raum ganz erfüllt war von den uns allen so vertrauten Lauten und als nach dem Maariwgebete sechs Kerzen, von den Händen des Vorbeters entzündet, aufflammten, da war es nicht mehr der kahle, nüchterne Kinosaal, in dem ich mich befand, da war es ein Gotteshaus, voll Weihe und Heiligkeit, da war es ein Gotteshaus der Ruhe, des Friedens, in das die müden Krieger heimgefunden hatten zu kurzer Rast, zu kurzem Verweilen im jüdischen Glauben. Jenes Glaubens, für den sie Kämpfer sind, solange sie leben, solange sie atmen, jenes Glaubens, für den ihre Seelen geblutet, für.den sie manche schwere Wunde erlitten haben auf dem Schlachtfelde. des Lebens. Da fühlte ich so intensiv wie noch nie meine Zugehörigkeit zu allen, die jenes Glaubens sind, und ein Heimatsgefühl, traulich und wärmend, erfüllte mich. Ich schloß die Augen, und Zeit und Raum versanken um mich, während die Töne des Chanukkaliedes wie aus werter Ferne an mein Ohr drangen. Da sah ich mich auf einmal, als kleines Mädchen in der Großeltern gemütlicher Wohnstube, die bunten Chaniukkakerzen standen schon in festlicher Reihe und harrten des Augenblickes, wo sie unter Gebeten von frommer Hand zur Weihe des Festes entzündet werden sollten. Wir Kinder standen in andachtsvoller Erwartung. Da wurde die Tür geöffnet und Großvaters hohe, vornehme Gestalt stand in ihrem Rahmen. Er kam aus dem Tempel, und frische, kalte Winterlust strömte mit ihm herein. Sein gütiges Antlitz strahlte, als habe er eine frohe Botschaft zu verkünden. Wir Kinder drängten uns wie eine Herde Lämwlein um ihn. Ulrd da lagen auch schon seine kühlen, segnenden Hände auf meinem Haupte. Die Worte des Segensspruches sielen wie kostbare Perlen von seinen-Lippen und ich fing sie mit meinen Kinderhänden auf. Diesen Perlenschatz besitze ich noch heute und habe ihn aufbewahrt im Schreine meiner Erinnerungen. Mr war es damals, als stünde der liibe Gott selbst vor mir, als entströme den segnenden Händen, die auf meinem Haupte ruhten, ein Fluidum, das mich einhüllen und schützen sollte vor allem Bösen. Bon der Weihe der Handlung ergriffen, drängten sich Tränen in meine Augen. Wie gern möchte ich noch heute andachtsvost mein Haupt beugen unter Großvaters kühle, segnende Hände, damit alles Ungemach von mir fern bleiben möge für und für, Wie ein Hoherpriester des Judentums stand er dann, nachdem er auch die anderen Kinder gesegnet hatte, vor dem Chanukkaleuchter, und eine Kerze nach der anderen flammte unter seinen Händen ausi während die Lippen Gebete sprachen. Und wenn ich dann, was ich mit Borliebe tat, mit weit ausgerissenen Augen in die Lichter starrte, erschien mir jedes einzelne derselben wie ein strahlender Stern, und ich fühlte mich wie im Himmel. „Nicht durch die große Macht und nicht durch die rohe Kraft, sondern durch den Geist des Ewigen wird der Sieg errungen," tönte es mit klarer, wohlklingender Stimme durch den Raum. Es war der Feldrabbiner, der, aufbauend auf diesem Satz, in markanter und fesselnder Rede die Bedeutung des Festes erklärte, von den Heldentaten der Makkabäer erzählte und dann überging auf. die Heldentaten der jüdischen Jünglinge und Männer unserer Zeit, die, Makkabäer des zwanzigsten Jahrhunderts, mit ihrem Blute ihr Heiligtum, das ist die Erde, in der die Gebeine ihrer Ahnen ruhen, verteidigen. Wenn es nicht lauter Beifall war, der die Plastisch wirkende Predigt lohnte, so war es nur, weil niemand die feierliche Stimmung, in der alle befangen waren, durch derartige profane Äußerungen zu stören wagte. . „Jisgadäl wijiskadascli schme rabbo“, hörte man dann mit eintönig leiernden, ein wenig hohen und etwas fremd anmutenden Stimmen die kriegsgefangenen Russen das Kaddischgebet sprechen. Ich wandte mich um und blickte in rnanches blasse, verhärmte Antlitz, in das die zehrende Sehnsucht nach der Familie herbe: Leidenslinien gegraben hatte. Ich sah. manche glitzernde Träne unter dunklen, gesenkten Winrpern hervorquellen. Auch sie haben Tote, auch sie haben Gräber. Weit, weit weg von hier, in einer Erde, die uns fremd ist, ruhen die Gebeine ihrer Ahnen. Doch nrag auch die Erde uns fremd fein, der Glaube, in dem sie leben, in dem ihre Ahnen gelebt haben und in dem sie gestorben sind, dieser Glaube, der unsere. Heimat ist, ist auch ihre Heimat. Um sie herum mochten jetzt auch Zeit und Raum versinken, während ihre Lippen mechanisch das Totengebet murmelten; hinter den gesenkten Lidern, dem Vorhang ihrer Seele, mochten jetzt auch Bilder der Vergangenheit aufsteigen, Btlder von glücklichem, sonnigem Familienleben, von jenem Familienleben, das ja im Judentum so besonders ausgeprägt ist; aber auch Bilder der bebenden Angst, der grausamen Not und der bitteren Pein, die sie um dieses Judentum gelitten hatten. Dem Schlußgebete folgten Gedichtvorträge, und zwar: „Chanukkalichter" von Morris Rosenfeld, vorgetragen vom Landsturminsanteristen Goldhaber, der das Gedicht in vortrefflicher Weise aus dem Stegreif in den Jargon übertrug; ferner „Beruria" von Berthold Feiwel, und „Der Sturm" von Morris Rosenseld, ersteres mit innigem, zu Herzen gehendem Verständnis, letzteres mit packender Wirkung von Herrn Professor Dr. Rosenzweig zum Vortrag gebracht.