Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-01-18 · Heft 3 (18.1.1918) · p. Seite 31

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 3 (18.1.1918)
Date
1918-01-18
Page
Seite 31 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229339-3229342--73715-3286194
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Planes träumt, wir beharren auf unserem Platz, wir halten fest an der Forderung, daß die Juden jetzt und in aller Zukunft nur eine Glaubensgemeinschaft fein sollen, deren Mitglieder als gleichberechtigte Bürger dem Lande angehören, dem sie entstammen. Entscheidet die Zukunft wider uns, so können wir uns nur mit dem alten Spruche trösten: Victrix causa Diis placuit, sed victa Catoni. * Dr. med. Rainer schreibt uns: Mendele Mücher-Seforim (S. I. Abramowitsch, geboren 1836 in Litauen, gestorben dieser Tage zu Stockholm). Nun brachte der elektrische Draht die Kunde vom-erfolgten Ableben des Nestors („Seide" nannten - sie ihn im Getto) der neuhebräischen und jiddischen Literaten, des jüdischen Cervantes. Unter seiner zahlreichen literarischen Produktion glänzt ganz besonders sein satirisches Werk „Die Klatsche" (Die Stute), das er unter dem Pseudonym „Mendele Mach er-. Seforim" veröffentlichte, welcher Name ihm auch für alle Zeiten verblieb. Er, der alle Wandlungen der neuhebräischen Literatur von Abraham Mappu -bis auf die allerjüngsten Schriftsteller mitgemacht, galt durch seine klassisch-einfache Schreibweise, seine Plastische Erzählungskunst als Muster, das vielfach nachgeahmt, aber nie erreicht wurde. Köstliche, heitere Stunden hat er den Leidensgenossen im russischpolnischen Getto bereitet. Und noch jetzt sind seine Werke nicht veraltet, lesen sich vielmehr mit demselben spannenden Interesse. Viele hat er ergötzt, in ihrem Jammer erfreut, in der Verzweiflung aufgerichtet. Seine „Klatsche" ward von Wiener ins Englische, später ins Polnische übertragen. Sie gehört zu den Meisterwerken der Weltliteratur, ebenso wie ihr Meister sich unsterbliche Lorbeeren verdient hat. Auch jetzt in dem Weltwirrwarr sind die Werke Mendeles als Ablenkung vorzüglich zur Lektüre geeignet. Freudentränen vermögen sie 'uns zu entlocken, uns über den grausigen Ernst der Stunde hinwegzusetzen. Eine wahre „Lachkur" (das „Allermodernste") kann man bei ihm zum Heile des eingerosteten Zwerchfells durchmachen. I* Das „Gemeindeblatt der jüdischen Gemeinde zu Berlin" veröffentlicht in Nr. 1 des 8. Jahrgangs einen neuen Bericht des Feldrabbiners Dr. Baeck. Er ist sinnig und stimmungsvoll, anregend und ergreifend wie alle seine Vorgänger. Leider können wir, da dieser Wochenbericht schon die Grenzen der gewöhnlichen Uebersicht weit überschritten hat, keinen Auszug daraus geben, wir behalten uns vor, darauf zurückzukommen und können nur der Hoffnung Ausdruck gehen, daß Dr. Baeck, der auch in der Ferne nicht ausgehört hat, der Unsere zu sein, recht bald seinem eigentlichen Wirkungskreise wiedergegeben und ganz und voll wieder „unser Baeck" sein möge. Lin Lebensalter im Mentte bes?ubrntums. m 21. d. M. vollendet lder Nestor der jüdischen Lehrerschaft Westfalens, Herr IakobO st w a l d in Schöneberg, Martin-Luther-Straße 31, fein achtzigstes Lebensjahr. 1 Großer Wissensdrang und außergewöhnliche Begabung bestimmten ihn frühzeitig zum Lehrerberuf. Sein starker Wille überwand leicht die Schwierigkeiten, 'ine der schwächliche Gesundheitszustand seiner ohnehin kleinen und zarten Körperkonstitution bereitete. Kaum zwanzigjährig, fand er nach bestandener Prüfung Anstellung in Neheim. Dort gab's damals noch „Lamdoniin", bei ihnen „lernte" der junge Lehrer, dessen methodisch geschulter Geist bald in dem Labyrinth des Talmud und Midrasch so heimisch wurde, daß er den Lehrer übertras. Bei Geistlichen und Gymnasialprofessoren, zu denen er in enge, freundschaftliche Beziehungen trat, studierte er Sprachen, Mathematik und Naturwissenschaften und eignete sich auf allen Gebieten gediegene Kenntnisse an. Die Ablegung des Examens pro Schola machte keine Schwierigkeiten. Mit Lust unterrichtete er. Dom Geiste der Jugend das Wissen erschließen, das Gemüt dem Kunstverständnis öffnen, den Sinn aus die Pfade der Tugend lenken, erschien ihm wie eine befreiende Tat, zur Linderung körperlicher und seelischer Leiden beitragen zu können, gewährte ihm, der die Hilflosigkeit der Leidenden kannte, höchste Befriedigung. In Witten, wo er von 1863 bis 1903 amtierte, konnte er sich so recht, ausleben. Aus dem Kahal, das er dort antraf, machte er eine Synagogengemeinde, die sich eines guten Rufes Unter den westfälischen Gemeinden erfreut. Sein Name aber ist mit den Annalen der Gemeinde und der Stadt Witten eng verknüpft. Der jüdischen Schule wurden die Rechte einer öffentlichen zuerkannt. Bildungsinstitute rief er ins Leben, so den jüdischen Literaturverein und den allgemeinen. Bildungsverein. Das Armenwesen und die Krankenpflege ordnete er; dieses durch Gründung des jüdischen Frauenvereins und jenes durch Vereinbarungen mit dem Diakonissenhause in Kaiserswert und der Diakonissenanstalt in Duisburg. Das öffentliche Leben Wittens hat er stark beeinflußt, sein charaktervolles Auftreten und die Wucht seiner Rede machten ihn einst zum gefeiertsten Manne in der Stadt. In einer politischen Rede hatte er seine Zuhörer einmal so entzückt, daß man ihn durch die Versammlung trug. Mit einem humorvollen Worte, indem er auf seinen zierlichen Körperbau anspielte, suchte er sich der Ovation zu erwehren, indem er sagte: „Machen Sie doch wegen einer Kleinigkeit nicht so viel Aufhebens", da wollte dann die Begeisterung erst recht kein Ende nehmen. Manches treffende von ihm geprägte Wort in Versammlungen, die er früher besuchte, lebt hierzulande fort. In den Kreisen seiner Berufsgenossen schätzte man seine Meinung besonders. Es sei unter anderem nur an seine Ausführungen über „Autorität und Kollegialität", an seinen grundlegenden Aufsatz über die Lesebuchsrage erinnert. Sein pädagogisches Talent erfuhr manche Würdigung. Schon in Neheim wurden seine Abendkurse aus allen Schichten der Bevölkerung eifrig besucht, selbst die französische Gesellschafterin der in der Nähe wohnenden Gräfin v. Fürstenberg wurde seine Schülerin. Dadurch wurde das Ansehen der kleinen Gemeinde gehoben und gar manches Vorurteil gegen die Juden zerstreut. In Witten hatte Ostwald viele christliche Schüler, machte ihn doch der Großindustrielle Louis Berger zum Erzieher seiner Kinder. Kein Wunder, daß „die Schmach des Jahrhunderts", die um 1880 auch in der Ruhrstadt einen eistigen Förderer fand, vor dem mannhaften Auf- Dr. Blau Direktor des Ungarischen Rabbinerseminars (Vgl. den Artikel von G. Schwarz in Nummer 46, Iahrg. 1917.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.