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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-01-18 · Heft 3 (18.1.1918) · p. Seite 30

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 3 (18.1.1918)
Date
1918-01-18
Page
Seite 30 (sequence 6)
Language
German
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30 kommen, ba wir in absehbarer Zeit nur einen Teil des verfügbaren Landes bebauen werden.; Bei der Suche nach einem geeigneten Terrain für die geplante Gartenstadt mußte von vornherein darauf Rücksicht genommen werden, daß die Teilnehmer in ihrer Mehrzahl von ihrem Beruf täglich nach dem Stadtinnern geführt werden. Die Siedelung darf daher nur in der Nähe der Bahn gelegen sein und, um zu verhüten, daß die tägliche Fahrt zu große Ansprüche an Geld und Zeit stellt, muß sie innerhalb des Vorortverkehrs liegen. Aus dieser Forderung erwächst eine neue Schwierigkeit, da Gelände, das dieser Bedingung genügt, auch entsprechend hoch im Preise steht. Da beabsichtigt ist, jedem Siedler mindestens 200 bis 300 Quadratmeter Gar te n l-a n d zur Verfügung zu stellen, so fällt natürlich ein höherer Bodenpreis entsprechend ins Gewicht. Es gelang uns, all diese Schwierigkeiten durch ein Angebot zu überwinden, das uns die Gartenstadt-Gesellschaft Falkenberg in anerkennenswerter Weise machte. Diese kurz vor dem Kriege gegründete Gesellschaft verfolgt, von unserem jüdischen Gesichtspunkte abgesehen, genau die gleichen Ziele wie wir. Sie erwarb die Option auf ein etwa 200 Morgen großes Terrain, das, unmittelbar am Bahnhof Grünau beginnend, sich für eine derartige Siedelung auf das trefflichste eignet. Ein von einer ersten Kraft ausgearbeiteter, künstlerisch vollendeter Bebauungsplan zeigt, daß das Terrain bei landhausmäßiger Bebauung für ungefähr 7000 Seelen Raum bietet. Die Gartenstadt-Gesellschaft würde uns von dem Gesamtterrain etwas mehr als die Hälfte überlassen, wobei natürlich die Bebauung unseres Teiles ganz nach unseren Wünschen ausgeführt werden könnte. Der Preis ist trotz aller dieser Vorzüge durch den Erwerb des ganzen Geländes so niedrig, daß die Kosten eines einzelnen Hauses mit Garten, einschließlich der Fahrkosten, sich sicher nicht höher stellen werden als der Betrag, der für eine entsprechende Mietwohnung in der Stadt auszugeben ist. Zur Realisierung unseres Projektes wollen wir eine Genossenschaft mit beschränkter Haftung ins Leben rufen. Der Anteil ist mit 240 Mark in Aussicht genommen. Um allen Massen den Beitritt zu ermöglichen, kann der Beitrag auch in monatlichm Raten bis zu 20 Mark abwärts bezahlt werden. Die ^Haftsumme beträgt ebenfalls 240 Mark. Zur Aufbringung der Anzahlung wird die Ausgabe unverzinslicher, auslösbarer Anteilscheine in Höhe von 100 Mark geplant. Die Verzinsung des Restkaufgeldes während des Krieges erfolgt zu einem außerordentlich niedrigen Zinsfüße. Auch für eine lange Zeit nach dem Kriege bleibt das Restkausgeld unkündbar stehen. Bei. den genossenschaftlichen Anteilen von 240 Mark zählen wir vor allem auf die eigentlichen Interessenten. Wer einen oder mehrere dieser Anteile erwirbt, wird Mitglied der Genossenschaft und nimmt an allen damit verbundenen Rechten teil. Bei den Anteilscheinen von 100 Mark rechnen wir auf die Beihilfe von Gönnern, jüdischen Vereinen, Stiftungen und Gemeinden, die auf diese Weise durch Gewährung eines größeren oder kleineren Darlehens und durch Verzicht aus den Zinsgenuß unser Unternehmen als rein jüdische Leistung unterstützen und fördern wollen. Wir können auf diese Unterstützung um so mehr rechnen, als unser Unternehmen gemeinnützigen Charakter hat und eine Spekulation mit Grund und Boden satzungsgemäß ausgeschlossen wird. Sind wir im Besitze von Grund und Boden, so ist damit der wichtigste und schwierigste Schritt getan. Die Baureifmachung des Geländes sowie die Erstellung der Bauten erfolgt nach Aufhebung des zurzeit bestehenden Bauverbotes auf dem allgemein üblichen Wege und hierbei sind uns die Erfahrungen der Gartenstadt Falkenberg sowohl in technischer wie in wirtschaftlicher Hinsicht von allergrößtem Nutzen. Wir wenden uns mit unserem Vorschlag an alle jüdischen Kreise. Finden wir die von uns erhoffte Beteiligung, so wird hier ein vorbildliches Gemeinwesen entstehen, in dem eine neue Generation, gesund an Leib und Seele, heranwachsen kann. Clara Boschwitz, Dr. Arthur Kahn, Moritz A. Loeb, Professor Dr. Heinrich Loewe, Dipl.- Ing. Joseph Loewy, Davis Trietsch. Zuschriften erbitten wir an: Dipl.-Ing. Loewy, Charlottenburg, Schillerstr. 60. Dazu habe ich nur zu bemerken: Gewiß es ist in höchstem Grade erwünscht, daß die Juden sich mehr als bisher der Landwirtschaft zuwenden, daß auch sie sich an der Gründung von Gartenstädten, Erwerbung von Laubenkolonien beteiligen; das sollten sie in Gemeinschaft mit ihren christlichen Mitbürgern, in redlichem Wettbewerb mit ihnen tun. Zur Gründung einer jüdischen Gartenstadt sehe ich nicht den geringsten Grund; in der Errichtung einer solchen kann ich nur ein Nebel und eine schwere Gefahr für die Zukunft erblicken. * Die zionistischen Blätter fahren fort, von dem Palästinaplan zu sprechen. Namentlich das Jüdische Korrespondenzbureau im Haag verbreitet eifrig die Zustimmungserklärungen der zionistischen Parteiführer aller Länder, es macht auch den Versuch, die Darlegungen des türkischen Großwestrs und des Vertreters des deutschen Staatssekretärs als Zustimmungen zu der Errichtung eines jüdischen Reiches auszulegen. In diesem Versuch wird es von deutschen zionistischen Blättern unterstützt. Wir halten solche Auseinandersetzungen, für Fechterkunststücke, die der Wahrheit widersprechen. Am Schlüsse einer ausführlichen Betrachtung kommt das Jüdische Korrespondenzbureau im . Haag zu folgender Betrachtung: „Die Juden haben aber ein Recht darauf, endlich zur Ruhe zu kommen. Wir sind des ewigen Wanderus müde. Wir haben ein unbestreitbares historisches Recht aus unsere alte Heimat Palästina. Und ehe dieses Recht mit seinen Konsequenzen allseihige Anerkennung gefunden hat, können wir nicht zur Ruhe kommen. Wir wollen die Sicherheiten für eine geschlossene Ansiedlung auf der Grundlage einer Landwirtschaft treibenden Bevölkerung. Wir wollen nach den ungeheuren Anstrengungen und dem außerordentlichen Aufwand an Geldmitteln, die unser in Palästina harren, nicht wieder riskieren, daß wir — wie bisher so oft, wenn wir Schrittmacher der ökonomischen Entwicklung rückständiger Länder gewesen sind — wieder ausgetrieben werden, wenn wir diese Funktionen erfüllt hatten. Wenn die türkische Regierung, gleich England, die Gerechtigkeit unserer Ansprüche auf Palästina anerkennen wird, dann würde sich über die Form, wie diesen Ansprüchen zu genügen ist, reden lassen. Wir wissen, daß die zionistischen Bestrebungen von dem größeren Teil der gesamten ziviltsterten Welt moralisch unterstützt werden. Das wesentliche, worauf es-ankommt, ist, daß es möglich scheint, schon heute zu einer allgemeinen Verständigung über die Zukunft Palästinas zu gelangen." Gegen diese Darlegung müssen wir den entschiedensten Einspruch erheben. Wir haben nur eine Heimat, nämlich das Land, in dem wir geboren sind. Kein eingeborener Jude Englands, Frankreichs, Italiens, Amerikas, Deutschlands und wahrscheinlich selbst Rußlands, mit Ausnahme ganz weniger begeisterter Zionisten, fühlt einen Wandertrieb in sich. Keiner denkt daran, das Land, in dem er geboren ist, dessen Sprache er spricht, dessen Kultursegnungen er genießt, für das er gekämpft und gelitten hat, zu verlassen. Gewiß wollen wir den jüdischen Ansiedlern in Palästina die möglichste Bewegungsfreiheit sichern, aber wir perhorreszieren aus tiefster Seele die Begründung eines jüdischen Reichs und wir sehen keine Möglichkeit, ein solches aufzurichten. Die Begünstigung eines solchen Planes durch England ist nur ein heuchlerisches Lockmittel; England wird der erste Staat sein, der seine trügerischen Versprechungen zurücknimmt, oder es wird, wenn es wirklich zur Begründung eines jüdischen Staates die Hand bietet, diesen nur für seine Zwecke benutzen und seinem Vorteil, aber nicht der Sache der Juden dienen. Wir sind und wollen bleiben deutsche Juden. Wir lassen uns nicht beirren durch hochklingende Worte und leere Versprechungen. Wir lassen uns nicht blenden durch sogenannte Pietät und Anrufung von Vergangenheitsträumen. Und wenn die ganze Welt von einem jüdischen Reich in Palästina redet und von der nahen Verwirklichung eines solchen

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