Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1918)
- Date
- 1918-01-18
- Page
- Seite 29 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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29 Was Bartels und die Seinen wollen, ist klar gMUg. Unter .„deutschgeboren" versteht er diejenigen, deren Vater bzw. Vorfahren bereits dem Christentum angehörten. Durch die Bewilligung seiner Forderungen, an die ja glücklicherweise nicht zu denken ist, solange noch ein Funken Vernunft in Deutschland existiert, würden mit einem Schlage viele deutsche Theater und Zeitungen ihrer Leiter beraubt, eine große Anzahl Professoren ihres Amtes entsetzt werden. Wenn man bedenst, daß unter -den gegenwärtigen Lehrern der Geschichte H. Breßlau, A. Stern, H. Ullmann nicht „deutschgeboren" sind, daß unter den Literarhistorikern — wenn ich von mir absehe und die verstorbenen A. Bielschowskh und R. M. Meyer nur kurz erwähne — M. Herrmann, Eugen Wolfs, H. Gundols sich auch der von Bartels geforderten deutschen Geburt nicht rühmen können, daß zu den gestrichenen Theaterleitern kein Geringerer als Max Reinhardt zu rechnen ist, so dürfte der Wahnsinn seiner Forderung, die durch das Eingehen auf seinen Vorschlag bewirkte Schädigung der deutschen Kultuk klar genug sein. * Wenn nur nicht die Juden selbst den Antisemiten in die Hände arbeiteten! Wenn sie nur nicht immer wieder Absonderungsgelüste bekundeten und damit die Gefahr heraufbeschwörten, ein neues Getto aufzurichten. Anders kann ich den nachstehenden Aufruf nicht aussassen, den ich der Unparteilichkeit halber trotz seiner Ausführlichkeit wörtlich wiedergebe: Zum Projekt einer jüdische n G a r te n st a d t bei B e r l i n. Eine Aufforderung zur Beteiligung an einer Gartenstadtbewegung bedarf in jüdischen Kreisen heute noch einer besonderen Begründung. Eine unaufhaltsame Entwicklung drängt seit Jahrzehnten einen immer größeren Teil der Bevölkerung Deutschlands in die Großstädte. Groß-Berlin hat 4 Millionen Einwohner, Hamburg 1 Million, Leipzig, Köln, Breslau, Frankfurt am Main befinden sich auf dem besten Wege zur ersten Million, weitere 20 Großstädte nähern sich der halben Million. — Das bedeutet, daß ein immer größer werdender Teil des Volksganzen, abgeschlossen von Luft und Licht, entzogen den elementarsten Bedingungen gedeihlicher, physischer und psychischer Entwicklung in einer Steinwüste seines Daseins Kreise vollenden muß. Das bedeutet vor allem auch, daß Millionen von Kindern unter den gleichen naturwidrigen Bedingungen ihre Jugend zu verbringen haben, daß sie wesentliches entbehren müssen, was den Tagen der Jugend den goldenen Schimmer verleiht: Keine großen, weiten Flächen, auf denen sich die Kinder nach Herzenslust tummeln und austoben können, keine Möglichkeit, durch eigene Beobachtung das Entfalten von Baum und Strauch kennenzulernen, Entfremdung von der Natur-, Tier- und Pflanzenwelt. So wächst ein Geschlecht heran, das an Leib und Seele verarmt und verkümmert, trotz aller Anstrengungen, die von seiten der Eltern, der Schule und der Allgemeinheit gemacht werden. Diese ungünstigen Bedingungen schmälern und beeinträchtigen von vornherein den Erfolg der bestangeilegten Erziehungspläne. Diesen Schäden gegenüber ertönt der Ruf: „Hinaus in die Gartenstadt!" Warum aber eine jüdische Gartenstadt? Zunächst stellen die Juden bei der oben geschilderten, nach der Großstadt gerichteten Bewegung der Bevölkerung Deutschlands ein unverhältnismäßig großes Kontingent. Die kleinen jüdischen Landgemeinden veröden, die Gemeinden der Großstädte, vor allem die Berliner, wachsen zur Riesengröße, und der Zusammenhang der deutschen Juden lockert sich von Tag zu Tag. Die Weihe der jüdischen Feste versinkt in dem Trubel der Großstadt, der Sabbat verschwindet, und auch der Verkehr der Familien untereinander wird durch die Entfernungen der großen Stadt außerordentlich erschwert. So wächst die neue Generation heran, öie das Judentum mit seinen religiösen und ethischen Werten nur noch vorn Hörensagen kennt, für die eine Sabbat¬ oder Festtagsstimmung nur noch eine leere Phrase ist. Selbst für Häuser, in denen jüdisches Leben pulsiert, fehlt außerhalb der vier Wände das verstärkende Echo durch die Gemeinschaft. Wie anders stellt sich das Bild dar, wenn wir uns eine jüdische Gartenstadt i,n der Nähe einer Großstadt vergegenwärtigen. Ohne die Vorzüge der Großstadt mit ihren reichen Bildungsmöglichkeiten zu entbehren, lebt hier eine Jugend, umgeben von Licht und Luft, im eigenen Heim, in jüdischer Umgebung, von frühester Kindheit an in den Händen jüdischer Lehrer und im Kreise jüdischer Spielgefährten und Kameraden, in einer Gemeinde, deren harmonische und ästhetische Wohnanlagen eine Synagoge, eine Schule, .einen geräumigen Sportplatz mit jüdischem Vereinshaus umfassen, die ganz vn selbst ein froher Mittelpunkt jüdischen Lebens werden müssen! Welch ein Bild gegenüber dem heutigen Dahinvegetieren in jüdischer Beziehung! Wir erwarten von mancher Seite das Bedenken, daß durch unsere Gründung antisemitischeTendenzen bestärkt werden könnten. Abgesehen davon, daß dies bei der Besonderheit des Vorschlages, den wir zu machen haben, ohnehin in Wegsall konrmt, soll man dieses Argument nicht allzu tragisch nehmen. Es erscheint immer da, wo wir als Juden an irgendeine neue Sache herantreten. Es erschien bei der Gründung der Logen, der Studentenvereine, der Sportvereine, und immer hat es sich als nichtig erwiesen. Wenn schließlich einzelne Zionisten geäußert haben, es möchten ihre Freunde durch die Beteiligung an einer jüdischen Gartenstadt von ihrer aktiven Anteilnahme an der Arbeit für Palästina abgelenkt werden, so ist auch die Befürchtung hinfällig. Für Leute, denen Palästina ein Lebensbedürfnis ist, kann eine jüdische Gartenvorstadt niemals ein vollwertiger Ersatz sein, aber jede Erstarkung jüdischen Lebens in den Ländern der Zerstreuung muß der Schaffung und dem Ausbau eines jüdischen Kulturzentrums zugute kommen. Weitere Kreise wird interessieren, daß wir bei unserem Plane auch an die Verwirklichung des Gedankens jüdischer Kriegerheim st ä t t e n Herangehen wollen, da wir über genügend billiges Terrain verfügen werden. Auch die Interessenten an Laubenl a u d und billigen Sommerhäusern werden bei uns aus ihre Rechnung Rönigllcher Rat Dr. Franz Mezey. (Vgl. den Artikel von G. Schwarz in Nummer 46, Jahrg. 1917.)