Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1918)
- Date
- 1918-01-18
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229339-3229342--73712-3286191- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
28 Gewalt, die gegen uns geübt werden soll, nicht zu dulden. Das ganze Schreiben richtet sich durch die Phrase, daß „das Unrecht, das Frankreich durch Preußen im Jahre 1871 hinsichtlich Elsaß-Lothringens zugefügt wurde und das den Weltfrieden während nahezu fünfzig Jahren in Frage gestellt hat, wieder gutgemacht werden soll". Als» das wäre ein Unrecht, daß Deutschland, das geeinte Deutschland, nicht Preußen, alte, echtdeutsche Provinzen, deren ganze Kultur und Sprache deutsch und nur deutsch war, sich wiedergenommen hat!. Die angeblichen Verteidiger des Rechts und die Wiederhersteller des Volkstums schwingen sich auf zur Verteidigung französischer Verbrechen, die seit dem Ende des 17, Jahrhunderts ungesühnt geblieben waren; sie, die sich für ein geeintes- Polen erhitzen, erkühnen sich, von Deutschland. Teile abtrennen zu wollen, die deutsch waren, deutsch sind und selbst durch fast 200jährige französische Herrschaft ihr Deutschtum nicht eingebüßt haben. Kein Mensch, weder in England noch in Awerika, hat bei Beginn des Krieges von Elsaß-Lothringen gesprochen; der eigentliche Anlaß war der Mord in Serajewo und Rußland war zunächst unser einziger Feind; die übrigen Mächte schlossen sich an, um die ihnen leichtdünkende Gelegenheit zu erfassen-, Deutschland zu vernichten: nun, da ihre Anstrengungen nicht gelungensind, trotz der furchtbarsten Kämpfe, die die Weltgeschichte kennt, wagen unsere Feinde es so darzustellen — besonders Amerika, das ohne irgendeinen greifbaren Grund an dem Kriege sich beteiligt, das in frivolster, nur durch gewinnsüchtige Absichten erklärlichen Weise sich zu den Kriegsmächten gestellt hat —, als wären sie die berufenen Hüter des Rechts und unterfangen sich, deutsches Gebiet zu verlangen, das nur durch einen ungeheuren Frevel vor Jahrhunderten Deutschland entrissen worden ist. Liest man solche wahnwitzigen, aller Gerechtigkeit und;• der.. Geschichte hohnsprechenden Auslassungen, so empfindet man nicht übel Lust, Alldeutscher oder Mitglied der Vaterlandspartei zu werden. Wie wenig sicher sich unsere Gegner trotz ihrer hochtrabenden Aeußerungen fühlen, beweist der immer milder werdende Ton ihrer Auslassungen. Daß sie jetzt anfangen, Mangel zu leiden, bekundet sich in der Tatsache, daß Amerika für die nächste Zeit daran denkt, statt Truppen und Kriegsmaterial, Lebensmittel zu schicken, und in der anderen, daß in Amerika Kohlen- und Waggonmangel herrscht. Von Kriegshandlungen ist in der letzten Woche kaum , etwas Erwähnenswertes zu berichten: nur unsere U-Boote haben in der abgelaufenen Zeit ganz ungewöhnliche Erfolge erzielt. Sie sind so groß, daß England nachgerade einsehen muß, daß es gegen diese ungeheure Schädigung nicht ankämpfen kann, daß es Verluste erleidet, deren Ersatz selbst seine ungeheuren Hilfskräfte nicht herbeizuschaffen vermögen. Die Friedensverhandlungen mit Rußland und der als selbständiger Staat anerkannten Ukraine gehen langsam weiter. Sie werden in Brest-Litowsk geführt, nachdem die russischen Unterhändler ihr Verlangen nach Verlegung in einen neutralen Ort aufgegeben haben. Sie betreffen Politik und Handel. In letzterer Beziehung, die für uns fast noch von größerer Bedeutung ist als die rein politischen Verabredungen, treten freilich die größten Bedenken hervor dadurch, daß Rußland seine Staatsanleihen für ungültig erllärt, also auch deutsches Kapital, freilich nicht so erheblich wie das der Entente, schädigt und daß es als Gesetz, ausgesprochen hat, Handel, dürfe von nun an nur nach sozialistischen, nicht nach kapitalistischen Grundsätzen betrieben werden — eine Verordnung, die eine völlige Umwandlung des kaufmännischen Betriebes nötig macht. Aber man darf wohl hoffen, daß das staatsmännische Geschick unserer Unterhändler und der gute Wille der Russen und der Ukrainer, die zur Neugestaltung ihrer Länder, zur Begründung geregelter Verhältnisse den Frieden notwendig brauchen, dieVerhastdlungen-, wenn auch langsam, zu einem gedeihlichen Ende führen werden. Allerdings lauten die letzten Nachrich^n über diese Verhandlungen bedenklich genug. Me Forderungen, die von den Russen über das Selbstbestimmungsrecht der Bewohner der okkupierten Gebiete vorgetragen werdest, sind so weitgehend, bzw. in einem so schroffen Tone vorgetragen, daß die deutschen Delegierten gegen Ton und Inhalt Einspruch er-- hoben und daß die Verhandlungen wiederum ins StVÄÄ geraten sind. '; . * •*' Der Verband der Deutschen Juden sendet uns folgende Mitteilung:; . „Auf Eingaben der Schuldeputation und des Magistrats der Stadt Berlin hat der Minister der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten genehmigt, daß an den Berliner Gemeindeschulen zwecks . Erteilung des jüdischen Religionsunterrichts den für diesen Zweck vorhandenen planmäßigen Stellen sechs neue hinzugefügt werden. Es werden infolgedessen an den städtischen Gemeindeschulen drei weitere Lehrerinnen und drei Lehrer angestellt werden. Betreffs der Lehrer werden 1 bis 2 Stellen für bestimmte im Felde befindliche jüdischeLehrer reserviert werden. Ferner hat der Herr Minister ein Entgegenkommen zugesagt bezüglich der Erleichterung der schwierigen Lage, in der jüdische Schulamtsbewerber sich hinsichtlich ihrer Vorbereitung zur Prüfung für die endgültige Anstellung befinden. Die Erwägungen sind noch nicht abgeschlossen, da dabei auch die jüdischen Schulamtsbewerber außerhalb Berlins und in gleicher Lage befindliche christliche Bewerber zu berücksichtigen sind. Der Herr Minister hat sich weitere Mitteilung hierüber Vorbehalten. D.er Verband der Deutschen Juden und der Deutsch-Israelitische Gemeindebund hatten ihrerseits in schriftlichen und mündlichen Verhandlungen bei dem Herrn Minister die Notwendigkeit der Ergreifung von Maßnahmen in bezug auf die hier beregten Dinge hervorgehoben." Wir haben diesem Bericht nur beizusügen, daß dadurch der neue Geist bekundet wird, der im preußischen Kultusministerium weht. Möge dieses Verfahren der erste Schritt sein zu einer vollkommenen Gleichstellung und wahrhaft gesetzmäßigen Behandlung der jüdischen Lehrer! * ' Im Gegensatz dazu ist leider zu konstatieren, daß die Antisemiten auch ihrerseits rüstig am Werk sind, um den Juden dasjenige zu nehmen, was ihnenvon Rechts wegen zusteht. Darüber belehrt uns eine Notiz aus der „Welt am Montag": „Was die Antisemiten vom Reichstag wünschen. Ein unter der Firma „Ortsgruppe der deutschvölkischen Partei" in Elberfeld tagender antisemitischer Stammtisch hat nach einem Vortrag des famosen Professors Ad. Bartels folgenden Entschluß gefaßt: „Unser Volk, das in diesem Kriege schier Unglaubliches geleistet hat, verdient, daß es sich selbst keimenlernt und unter deutsche Geistesführung kommt. Zu diesem Zwecke ergeht an alle deutschen Regierungen die dringende Bitte, fortan das geistige deutsche Leben bewußt auf das deutsche Volkstum einzustellen. Um-von Grund auf eine deutschvölkische Erziehung auf allen Gebieten zu gewährleisten, wird ferner-an die politischen Parteien das Ersuchen gerichtet, ein Gesetz anzustreben, durch welches die Forderung erhoben wird: 1. daß alle Professoren für deutsche Geschichte und Literatur, 2. die Leiter aller deutschen Theater und 3. alle Hauptschristleiter der deutschen Zeitungen deutschgeboren sein müssen. Erst durch solche Bestimmung wird wieder deutscher Geist in Deutschland zur Herrschaft gelangen und die Hingebung zum eigenen Volke in allen Kreisen gestärkt werden."