Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1918)
- Date
- 1918-01-18
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
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27 erfüllt, ist das Benehmen der st r e i t b a r e n O r t h o d o x i e und ein gewisses Verfahren seitens der Rabbiner. Ueber beides ist es noch nicht an der Zeit, ausführlich zu reden; ich beschränke mich daher aus zwei kurze Bemerkungen: 1. Bekanntlich hat die konservative Minderheit der Berliner Repräsentantenversammlung Anlaß genommen, nach der durch Vorstand und Repräsentanten erfolgten Wahl eines liberalen oder radikalen Predigers in Berlin ihr Mandat niederzulegen. Auf die Sache selbst, von der in einer der letzten Wochenübersichten des vergangenen Jahrgangs die Rede war, soll hier nicht noch einmal eingegangen werden, nur die Kampfweise verdient eine kurze Beleuchtung. Sie erscheint mir unrätlich, weil dadurch die konservative Meinung für einige Zeit, solange die Wahlperiode dauert,, überhaupt nicht vertreten ist; sie erscheint mir unangemessen, weil dadurch die Mißachtung ausgedrückt wird gegen die Mandatgeber, die ein Recht darauf haben, daß die von ihnen Gewählten ihr Amt so lange beibehalben, als ihre Amtszeit währt; sie erscheint mir gefährlich, weil damit ein Beispiel, eine Art von Fahnenflucht gegeben wird, die für die Zukunft die unangenehmsten Folgen nach sich ziehen kann. Denn ein solches Beispiel steckt an. Ich kann es wohl begreifen, daß ein einzelner, wenn er meint, persönlich beleidigt zu sein, oder wenn er zur Erkenntnis kommt, daß er zu seiner Anschauung keinen Genossen findet, aus einer Kommission oder einer Versammlung ausscheidet in der Ueberzeugung, doch nichts wirken zu können, aber ich kann es weder verstehen noch billigen, daß eine ganze Partei sich freiwillig zurückzieht. Ganz besonders betrüblich bei diesem Vorkommnis ist aber, daß, wie man berichtet, zwar nicht die Ausgetretenen, wohl aber Vereinigungen, die ihnen nahestehen, die Hilfe der Staatsregierung angerufen und gegen die vollkonzmen gesetzlich gefaßten Beschlüffe, nicht etwa der Mehrheit, 'sondern der Gesarntverwaltung der Gemeinde, Protest bei der Aufsichtsbehörde eingelegt haben. Würde sich diese Nachricht bewahrheiten, so würden wir wieder in fene traurigen Zustände des 18. Jahrhunderts versetzt, da jedes Gemeindemitgliöd oder die unterlegene Partei ihre Klagen bei den Ministern vorbrachten und ein unliebsames Einschreiten in die innerjüdischen Verhältnisse seitens der Regierung erwirkten. 2. Auch das Bemühen mancher Rabbiner, ja, man darf wohl sagen, des gesamten Rabbinerstandes, erfüllt uns mit Sorge. Es ist wohl zu begreifen, daß die Rabbiner mit ihrer Lage nicht ganz zufrieden sind. Nicht ihre materielle und nicht ihre gesellschaftliche Stellung. Die materielle Lage unserer Rabbiner ist in den Großgemeinden im ganzen eine gute, oft eine glänzende, in mittleren und kleinen Gemeinden läßt sie allerdings manches zu wünschen übrig. Die gesellschaftliche Stellung wird sich zumeist nach der Persönlichkeit des Rabbiners und seiner Gattin, nach der Bildung oder sozialen Erziehung der Gemeindemitglieder richten. Ich spreche vielmehr von der Stellung des Rabbiners zu der Verwaltung. In Preußen ist der Rabbiner der Angestellte der Gemeinde. Er gehört weder dem Vorstände noch den Verwaltungskommissionen an (in Berlin freilich hat man mehreren Rabbinern einen Sitz in der Schulverwaltung, der Bibliothekskommistion und wenn ich nicht irre, -auch in einzelnen anderen Kommissionen eingeräumt)/ Er wird bei Kultusveränderungen um sein Gutachten angegangen; die Gemeindeverwaltung ist aber nicht verpflichtet, seinem Rate zu folgen. Das ist freilich kein beneidenswerter Zustand. Um so weniger, als die Verhältnisse in Süddeutschland ganz anders liegen. Aber es nun einmal ein, durch die Gesetzgebungfestgelegter Zustand, ein Ankämpsen dagegen ist gewiß ein unbestreitbares Recht der Rabbiner. Freilich, die Gemeinden werden sich dagegen wehren, und die Kämpfe, die sich aus dieser starken Differenz der Meinungen resultieren, bilden einen dunklen Punkt für die Zukunft. Auf welcher Seite hier das Recht ist. ist unendlich schwierig zu entscheiden: ich wage es nicht, mich jetzt darüber auszusprechen. Lik Mache. Berlin, 15. Januar 1918. onnten unsere früher so .hochgesteigerten Friedenshoffnungen noch mehr niedergedrückt werden, als dies durch die Rede des englischen Premierministers geschehen ist, so wurde dies bewirkt durch das neuerliche Friedensprogramm des Präsidenten' der Vereinigten Staaten. Da dies Programm die begeisterte Zustimmung des amerikanischen Volkes und die unbedingte Anerkennung seitens Englands, Frankreichs und Italiens gefunden -hat, so stellt es nicht die Willensmeinung eines einzelnen Mannes, sondern den festen Entschluß aller wider uns verbündeten Feinde dar und bedeutet nichts mehr und nichts weniger als eine unabsehbare Fortsetzung des unseligen Krieges. Denn abgesehen von Freiheit der Schiffahrt, Beseitigung aller wirtschaftlichen Schranken, Herabsetzung der Rüstungen, Schlichtung aller kolonialen Ansprüche, Bedingungen, mit denen Deutschland sich einverstanden erklären könnte, verlangt Wilson-Räumung der besetzten russischen Gebiete, Wiederaufrichtung Belgiens, Wiederherstellung der französischen Territorien, Herausgabe von Elsaß-Lothringen, Berichtigung der italienischen Grenzen, Herstellung eines freien polnischen Staates mit einem gesicherten Zugang zur See — lauter Punkte, die in dieser Allgemeinheit von Deutschland nie und nimmer zugestanden werden können, solange es nicht am Boden liegt, und deren Zugeständnisse seitens des siegreichen Deutschlands als wahrer Nonsens betrachtet werden muß. Wenn Wilson ferner eine allgemeine Vereinigung der Nationen mit bestimmten Vertragsbedingungen fordert, so ist das eine Utopie, die ein klarsehender Staatsmann auszusprechen nicht wagen sollte. Er ist freilich gütig genug hinzuzufügen, wie denn das Schreiben überhaupt den Ton eines milden Vaters atmet, der zu einem ungeratenen Kinde spricht: Wir werden bis zum Ende für solche Vereinbarungen und Vertragsbedingungen solcher Art zusammenstehen, bis diese erreicht sind, aber nur weil wir die Vorherrschaft des Rechtes und einen gerechten und dauerhaften Frieden wünschen, wie er lediglich durch Beseitigmrg der hauptsächlichen Kriegsursachen, erzielt werden kann, was durch dieses Programm erreicht wird. Wir haben keine Eifersucht auf die Größe Deutschlands, und dieses Programm enthält nichts, was diese Größe beeinträchtigt. Wir sind nicht neidisch auf die deutschen Errungenschaften oder das deutsche Ansehen, was Wissenschaft! und Unternehmungsgeist anbelangt, die ihm einen so glänzenden und beneidenswerten Namen gemacht haben. Wir -wollen Deutschland nicht schaden oder ihm, was seinen rechtmäßigen Einfluß oder seine Machtstellung anbelangt, im Wege stehen. Wir wollen es auch nicht mit den Waffen oder durch feindselige Handelsverträge bekämpfen, wenn es bereit ist, sich mit uns und den anderen friedliebenden Nationen der Welt zu Vertragsbedingungen von Recht und Rechtlichkeit sowie Billigkeit zrr vereinigen. Wir wünschen nur, daß es einen Platz der Gleiche heit unter den Völkern der Welt einnehme, anstatt einen solchen der Herrschaft. Ebenso nehmen wir uns nicht heraus, irgendeine Abänderung seiner staatlichen Einrichtungen zu verlangen. Aber es ist, wid wir offen bekennen müssen, notwendig, und zwar als Vorbedingung für einen Meinungsaustausch mit ihm, daß wir wissen, für wen seine Unterhändler sprechen, wenn sie zu uns sprechen, nämlich, ob für die Reichstagsmehrheit oder die Militärpartei bzw. für die Leute, deren Glaubensbekenntnis imperialistische Vorherrschaft ist. Aber wir lassen uns durch diese Milde nicht fangen. Wir haben nie imperialistische Vorherrschaft verlangt, wir stehen alle geeint in dem Verlangen, unser Recht durchzusetzen und