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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-01-18 · Heft 3 (18.1.1918) · p. Seite 26

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 3 (18.1.1918)
Date
1918-01-18
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
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26 Stiftung und der Herausgabe grundlegender Arbeiten durch die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums gedacht. Aber auch hier möchte mehr und manches anders geschehen. In gar manchen Arbei-' ten wird der freie wissenschaftliche Geist vermißt. Der enge Parteistandpunkt tritt in vielem zu stark hervor. Naturgemäß aber richten sich derartige Arbeiten nur an einen kleinen Kreis. Um die große Menge für diese Studien zu gewinnen, müßten namentlich in größeren Städten Volkshochschulen gegründet werden. Es kann gar nicht laut genug darauf hingewiesen werden, welcher Segen von derartigen Institutionen ausgehen wird. Um die Wirksamkeit derartiger Einrichtungen für breite Schichten zu erweisen, braucht nur auf die volkstümlichen Kurse der Hochschullehrer, auf die Humboldt-Akademie, auf die Lefsing-Hochschule in Berlin hingewiesen zu werden, um an einigen Beispielen zu zeigen, welche Bereicherung des Wissens hier gerade für wenig Bemittelte geschaffen wird. Durch tüchtige Lehrer, durchaus Fachmänner, wird hier in Kursen von sechs bis acht Vorlesungen während eines Vierteljahres eine Fülle gediegenen Wissens verbreitet, oft vermögen die Säle die Zuströmenden nicht zu fassen, und die Beteiligung dieser Hunderte von Männern, und Frauen, Jünglingen und Mädchen hat geradezu etwas Rührendes und Begeisterndes an sich. Es müßte wenigstens in den Großgemeinden: Berlin, Breslau, Frankfurt, Köln, München, Hamburg der Versuch gemacht werden, solche jüdischen Volkshochschulen zu begründen, in denen für ein mäßiges Eintrittsgeld, womöglich unentgeltlich, die Hauptdisziplinen der Wissenschaft des Judentums gelehrt: Philosophie, besonders Ethik, Geschichte und Literaturgeschichte in fortlaufenden Zyklen behandelt werden. 2. S t ärku n g des jüd i sch en G em ei ns cha ft ss inns. Vielleicht meint mancher, dafür geschähe schon genug, ja zu viel. Jüdische Wohltätigkeitsanstalten, Blindenheime, Taubstummeninstitute, Ferienkolonien und ähnliches gibt es wahrlich genug. Aber nicht dies ist unter Gemeinschaftssinn zu verstehen. Denn in solchen Einrichtungen liegt eher das Streben nach Absonderung als das der Zusammenfassung. Unter Gemeinschaftssinn verstehe ich das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, das Gefühl der inneren Solidarität, die Erkenntnis, daß es nicht gilt, für sich Privatvorteile, Sonderstellung, Ehren zu erringen, sondern für die Gesamtheit zu arbeiten. Ein jeder, der durch Geist, Vermögen, Geschicklichkeit zu Ansehen, Titeln oder Würden gelangt ist, muß bestrebt sein, nicht bloß innerhalb seiner Tätigkeit vorbildlich zu wirken, sondern er muß vor allem daran denken, die anderen zu sich heraufzuziehen, ein ähnliches Aufklimmen auch den anderen zu ermöglichen, durch seine Einzelkultur auch der Gesamtheit nützlich zu werden. 3. Besserung vorhandener Schäden. Eswäre schlimm um eine Gemeinschaft bestellt, wenn sie von dem Wahn erfüllt wäre, einen Bund vollkommener Menschen zu bilden. Daher müssen auch die Juden sich sagen, wenn sie auch das Bewußtsein in sich tragen, von gar manchen Fehlern frei zu sein, die ihnen von den Feinden zugeschrieben werden, daß sie nicht ohne Mängel sind. Dazu gehört bei manchen die Beibehaltung gewisser Unmanieren in Benehmen und Sprache, die sie von dem Osten mitgebracht haben; energisches Ablegen solcher Untugenden ist Pflicht eines jeden. Unter solchen Mängeln dürfen wir auch Putzsucht oder Protzerei nennen, die gewiß nicht ausschließliche Eigentümlichkeit der Juden ist, aber leider auch bei ihnen angetrossen wird, das Hervordränigen in Theatern und anderen Vergnügungsstätten und ähnliches. Es ist die heilige Aufgabe eines jeden, der es mit der Gesamtheit gut meint, an sich zu arbeiten, zu seiner Ehre und um andere nicht zu. schädigen. Suche jeder daher an seinem Teile dahin zu wirken, daß Bescheidenheit, Selbstbeschränkung, angemessenes Betragen, Verzicht auf den rohen Beifall der leicht zu Blendenden zu Gemeingütern werde, damit der Jude als wahrhaftes Bild vornehmer Menschlichkeit und achtungswerter Harmonie erscheint. Besonders wichtig in dieser Beziehung ist aber, daß die Mitglieder unserer Gemeinschaft nach dem Kriege sich bemühen, gerade diejenigen Berufe zu ergreifen, von denen sie sich bisher freiwillig zurückgezogen haben, daß sie in weit höherem Grade als früher das Handwerk pflegen, dem Ackerbau sich zuwenden, die untere und mittlere Beamtenkarriere ergreifen. Die körperlich Gesunden und Starken sind zu solchen Berufen geeignet, in denen es auf Kraft und Gewandtheit ankommt, die Schwächlichen müssen sich bemühen, statt in niedrigen kaufmännischen Lebensstellungen sich zu bewegen, die zudem gerade nach dem Kriege durch Verwundete oder Halbinvalide stark übersetzt sein werden, dem städtischen und Staatsdienst als Schaffner, Postbeamte, Magistratsdiener oder Anwärter und Angestellte in irgendeinem Reichs- oder städtischen Amte sich zuzuwenden. Die Hindernisse, eine solche Stellung zu erlangen, sind gar nicht so groß, wie die meisten meinen; sie werden, des sind wir sicher, nach dem Kriege noch viel geringer sein als bisher, ja werden hoffentlich bald völlig schwinden. Gerade die Hunderte jüdischer Jünglinge und Mädchen, die nur die Bildung einer Volksschule erlangt haben, sollten es als ihren Ehrgeiz betrachten, solche achtbaren, festbesoldeten, meist mit Pension verknüpften Posten zu erlangen, die ihnen einen gesicherten, wenn auch bescheidenen Unterhalt und eine achtbare Stellung verschaffen. Erst wenn wir einen solchen jüdischen Mittelstand in der Beamtenwelt in städtischen oder staatlichen Diensten besitzen; erst wenn diese gerade den unter ihren Kollegen herrschenden Widerwillen durch ihre Tüchtigkeit, Nüchternheit. Pflichttreue, Bescheidenheit besiegt haben, erst dann ist Aussicht vorhanden, daß der so verderbliche Antisemitismus geschwächt werden kann, wenn er auch nicht so bald ganz verschwinden wird. Durch solche unentwegte Arbeit, die ein jeder an sich vornehmen kann und wird, die er auch, wo es nur an seiner Kraft liegt, bei anderen zu unterstützen hat, wird eine schwere Sorge von der Gesamtheit genommen und das Heil für die Zukunft vorbereitet. IV. Innere Verhältnisse. Mit tiefer Bekümmernis muß der, der seinen Blick nicht auf das Nächste beschränkt, sondern in die Weite schaut, die inneren Verhältnisse im Judentum betrachten. Ich meine keineswegs die Spaltung in Liberalismus und Konservativismus. Eine solche Spaltung hat es zu allen. Zeiten gegeben und wird es auch ferner geben; eine derartige Bewegung, selbst ein heftiger Kampf kündet das Leben und verhindert die Stagnation. Wir, die wir auf liberalem Standpunkt stehen, bestreiten der konservativen Richtung in keiner Weise ihr Recht. Wir gönnen ihren Vertretern das treue Verharren bei alten geheiligten Gebräuchen, wir gewähren, wo wir in der Verwaltung sitzen und mitzusprechen daS Recht haben, ihnen die Möglichkeit, diese Bräuche auszuüben, wir sorgen bereitwillig für Koscherfleisch, Quellbad, rituelle Beköstigung der Gefangenen, Mazzot-Beschassung, wir richten neben den Orgelsynagogen solche ein, in denen bloß Männerchöre fungieren, wir behalten den alten Ritus, die Gebete unverkürzt und in der Originalsprache bei für diejenigen, die dem Gebrauch der deutschen Sprache in Gebeten und Gesängen abhold sind, wir zwingen niemanden zur Teilnahme an Institutionen, die seinem Gefühle widerstreben. Nicht dies also ist es, was uns bedrückt.. Was uns dagegen mit Sorge

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