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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-01-11 · Heft 2 (11.1.1918) · p. Seite 23

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 2 (11.1.1918)
Date
1918-01-11
Page
Seite 23 (sequence 11)
Language
German
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„Human, edel, brav — freilich Schwächen hat jeder, der MM W M eitÄ^sein." „Jchdanke JhMn!" Wolly Hartoch nahm seinen Hut ab und wandte sich um. . „Eitel!" Das war die Eigenschaft, auf welche er sein« Hoffnungen gesetzt, Rastlos schritt der junge Mann am Palais auf und nieder, endlich öffnete sich die Tür, ein Lakai trat heraus und nahm seinen Weg schräg über die Straße. Mit hastigen Schritten eilte Wolly ihm nach. »Auf ein Wort!" stieß er atemlos hervor und hielt den erstaunt Dreinschauenden am Aermel, „wohin hat man sich zu wenden, wenn man den König sprechen will?" Der Lakai blickt« den jungen Mann betroffen an. Ein Irrer? „Wenden Sie sich an den Hofmarschall," antwortete erfast ängstlich und lief davon. Betrübt schlich der junge Mann von dannen, begab sich in ein Restaurant und aß in trüber Stimmung zu Mittag. Ihm gegenüber saß ein anderer. Herr und schaute ihn unverwandt an.; - ~ „Ich glaube, wir sind Kommilitonen," begann er endlich. „Sie studieren doch in Lehden Medizin?" Hartoch schaute auf. Richtig, ein Bekannter. „WaS führt Sie nach dem Haag?" fragte der junge Mann. «Eine traurige-Geschichte." „Kann ich Ihnen in irgendeiner Weise dienlich sein?" Lange sah Hartoch durchdringend den jungen Mann an, dann schaute er sich im Zimmer um, ob kein Lauscher vorhanden, und plötzlich ergriff er die Hände seines Studiengenoffen und bat: „Helfen Sie mir zum König zu gelangen!" * Kandidat Hartoch erwartete heute abend Besuch, wie er seinen Eltern mitgeteilt hatte, und zwar einen sehr berühmten Arzt aus Leyden, an den er sich seiner Schwester wegen gewendet. Im Krankenzimmer Leas wurde sorgfältig aufgeräumt, frische Gardinen an Fenster und Bett befestigt, weiße Decken auf Sofa und Tisch Wegt und im Empfangszimmer, welches angrenzte, war Frau Hartochs ordnende Hand noch beschäftigt. „Ihr müßt unS aber allein lasten, liebe Eltern," bat Wolly, „der Professor ist ein eigenartiger Herr; er wünscht, nicht gesehen zu werden; um neun Uhr erscheint er. Wenn es unten schellt, laßt mich öffnen; ich führe ihn dann sogleich zu Lea." „Ach, wenn er doch Heilungbrächte!" seufzte die Mutter. Es schlug sieben Uhr; Wolly begab sich zur Schwester. „Weißt, mein Liebling," Hub er zärtlich an, „der Arzt, der dich heute besuchen wird, sieht dem König ähnlich." Ein lebhaftes Rot, daS. sie sehr verschönte, überzog die blaffen Wangen des jungen Mädchens. „So?" kam es freudig über ihre Lippen. Sie richtete sich mühsam aus. „Gib mir einmal den kleinen Spiegel, der dort hängt," bat. sie und nun zeigte er ihr ein bleiches, abgehärmtes, aber unendlich liebliches Antlitz. Ihr dunkleS Haar fiel in natürlichen Locken um ihre schmalen Schultern. In nervöser Hast ordnete sie die Garnierung ihrer Jacke und srug, ob sie sich ein Häubchen aufsetzen solle. Dann aber zeigte sie die Verdrießlichkeit der Kranken. „Er wird mir auch nicht helfen können," Jagte sie mutlos und gab den Spiegel unwillig zurück. Lange schwiegen beide, dann sagte sie leiser „Aehnlich sieht er dem König? — Wann kommt er?" „In einer Stunde!" Die Kranke schlummerte ein. — — Leise erscholl jetzt die Hausklingel. Wolly Hartoch flog die Treppe herab, um zu öffnen. Zwei Herren trafen ein Als der Kandidat, der zitternd nach Worten suchte, den Herrn, der in einen großen Soldatenmantel gehüllt war und seinen Hut tief ins Gesicht gedrückt hatte, anreden wollte, gebot ihm der andere zu schweigen und vorauszugehen. Die Treppe war erstiegen. Im Empfangszimmer nahmen beide Herren Platz. . „Geruhen, Eure-Majestät, abzulegen?" fragte sein Begleiter. „Nein." - König Ludwig blieb im Mantel und wandte sich nun mit herzgewinnender Freundlichkeit zu dem vor ihm stehenden Wolly Hartoch: „Ich habe nur wenige Stunden Zeit, junger Mann; morgen fordert die Residenz ihren König. Erzählt mir schnell noch einmal die unglückliche Geschichte und dann will ich eure Schwester sehen. Gras X.," wandte er fich zu seinem Begleiter, „Sie haben wohl die Güte, sich bis auf weiteres zurückzuziehen. Treten Sie dort ein!" „Majestät, es ist das Krankenzimmer meiner Schwester," wagte Hartoch verlegen einzuwenden.; „So — nun — beantworten Sie einige 'Fragen, junger Mann." Graf X. begab sich in die entfernteste Ecke des Zimmers. Im Flüsterton beantwortete der Kandidat die Fragen des Monarchen. Dann kniete er vor dem Herrscher nieder. Als er sich erhob, folgte ihm der König in das angrenzende Zimmer. Noch schlief die Kranke. Wolly stellte das Licht so, daß es sie voll beleuchtete. Der König, der nun seinen Mantel und Hut abgelegt hatte, trat auf den Fußspitzen näher. Er war sichtlich ergriffen, als er das junge Mädchen, das um ihn litt, betrachtete. Schließlich beugte er sich zu ihr herab und berührte leicht mit den Lippen ihre Stirn. Sie schlug die Augen auf und er trat zurück, so daß die Gardine ihn verbarg. Ihre Stimme klang so fest wie lange nicht, als sie, ihren Bruder groß ansehend, sagte: „Wolly, der König ist hier." Er fuhr zusammen. „Wer sagt das?" brachte er mühsam hervor. „Ich fühle es!" „Aber Kind, hältst du denn das für möglich?" „Doch, Wolly. Ein König wie er, kommt zu seinem Volk; und nun weiß ich auch, das war kein Arzt, der kommen sollte; der König versprach dir gewiß, zu mir zu kommen, weil ich nicht zu ihm kam." „So ist es, schönes Kind," antwortete König Ludwig und trat hervor. Eine flammende Röte überzog ihr liebliches Gesichtchen, ihre Augen strahlten. „Mein König," kam es jauchzend von ihren Lippen, und seine Hände erfassend, bedeckte sie diese mit Küssen. Er setzte sich neben ihr Lager und schaute ihr wohlwollend in die schönen Augen. „Leisten Sie meinem Adjutanten Gesellschaft," befahl er Wolly, der sich sogleich entfernte. „Sie sind krank, mein armes Kind?" Hub leutselig der König an. „Ja, Majestät, schon sehr lange. Aber jetzt fühle ich mich so kraftvoll, so gesund. — Oh, mein König!" Tränen der Begeisterung verhinderten sie am Weitersprechen. Er ergriff ihre durchsichtigen Händchen und sagte tröstend: „Du wirst wieder gesund werden, schönes Mädchen, und ich werde mich immer für dein Schicksal interessieren." „Nein, Sire, ich werde nicht wieder gesund werden. Aber im Himmel wird es Eurer Majestät angerechnet werden, daß Eure Majestät zu mir gekommen." „Ich kam gern, mein herziges Kind." .„Nicht wahr, unser König liebt alle Landeskinder, ganz gleich, welch Stand und Religion." „Gewiß!" Vor Freude erregt und verschönt, fuhr sie naiv fort: „Wundern sich Majestät nicht, daß ich einfaches Mädchen weiß,

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