Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1918)
- Date
- 1918-01-11
- Page
- Seite 22 (sequence 10)
- Language
- German
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-• 22 gehen— mit diesem Lalmudton, der für sie unaufhörlich fingt und der solch eine saugende Macht in sich hat, daß die meisten überhaupt nur über dem Talmud leben und atmen. Aber dann gibt es auch solche unter den Juden, die ausbrechen, mit freierem -Blick, mitbesserer schule. In ihrer Synagoge in Warschau saßen wir zusammen mit Offizieren und wollten ihren jüdischen Ritus, ihren Gesang anhören — 10 Minuten lang. Aber wir blieben 1K- Stunde; und. wir rissen uns los, weil wir weg mußten. Von der Sixtinischen Kapelle bis zur Russischen Kirche in Paris und der Hoskirche in Wien, wo in der Welt ich mit Andacht unter dem Bann der Musik undder Traditionen gesessen hatte, hat -keine Musik Unter Gläubigen mit ihrer Schönheit, ihrer wunderbar ergreifenden Ausführung mich so überwältigt wie in der Synagoge zu Warschau." Eine ergreifende Schilderung gibt Björnson Don dem furchtbaren Schlachtopser der Juden in Nadvorna im Südosten Galiziens. Die Rüsten trieben dort 1500 jüdische Familien, Greise, Frauen, Kranke und Kinder zusammen und zwangen, sie, vor ihrem Sturmangriff voranzuziehen. In ihrem Rückenknatterten die Revolver, mit Knuten wurden sie vorwärtsgepeitscht in das österreichische Feuer hinein und, ohne sich wehren zu können, mußten sie auf dem Schlachtfelde verbluten. Auf dem Wege nach Lemberg traf Björnson viele Juden. „Wenn man den allerelendesten traf, dachte man, es könnte nicht schlimmer kommen — aber es kam immer noch schlimmer — oft grausam unappetitlich, daß man fast das Mitleid über dem Unbehagen des Anblicks vergaß." Aber diese Juden sind unentbehrlich sowohl auf dem Lande wie für manchen Stadtmenschen und nicht zum wenigsten für einen fremden Offizier, der Quartier in den galizischen Städten Nehmen soll. Ein General erzählte Björnson aus der Zeit, da er als Rittmeister nach Przemyszl kam. Er kannte niemattden. Hatte keinem seine Ankunft mitgeteilt. Auf der Station war der Jude Isaak. Sowie der Rittmeister den Zug verließ — stand Isaak bei ihm — ein paar Schritt Abstand. „Willkommen, Herr Rittmeisterleben, in der Stadt!" — „Geh zum Teufel!" — „Sofort! Herr Rittmeisterleben braucht ä Faktor —" „Laß mich in Ruh —" „Sogleich! 'n Stall Hab ich schon" — „Mir Wurst" — ' „Für die zwei Pferde von Rittmeisterleben, den Weißen Und den Braunen." — „Woher weißt du?" —. „Herr Rittmeisterleben, muß haben ä Faktor, der alles weiß, ohne zu fragen" — „Nanu, das ist stark." — „Habe auch scheine Wohnung bereit für Rittmeisterleben sei Frau und sei Kinder."-- „Für?— Woher in Dreiteufelsnamen —" „Guter Faktor, allwissender Faktor." — Und der Rittmeister mußte sich-sügen und Isaak wurde Mittelsperson und Ratgeber für Rittmeisters in allen weltlichen Fragen. Machte daS Leben beträchtlich billiger und bequemer für sie und nahm selbst nur eine Kleinigkeit. „Und diese klugen, armen, wunderlichen Menschen in ihren priesterlichen Kaftanen, die Philosophen zu sein wissen und das Leben mit Resignation und meistens mit bescheidener Wehmut nehmen — so spricht es aus ihren Augen —, sie sind uns im Kampf Ums Dasein überlegen, weil sie Geduld und Unrecht leiden gelernt haben — aus dem stärksten Glauben heraus, der stärksten Sehnsucht nach der neuen Offenbarung —, zu der sie wohl nicht mehr selbst, aber ihre Nachkommen oder'die nach ihnen gelangen würden. Ihre Sehnsucht zählt nach Jahrtausenden. Wir sind alle Parvenüs in ihren Augen, wir kamen -langelange danach angehumpelt und machten unser Ideal nach Christus, der kein Gott für sie ist, sondern ein Jude, den-die Welt anbetet. Sie sonnen sich in den Gedanken. Sie verachten uns, und sie feilschen mit uns, und sie besiegen uns fast immer. Und so gut tun sie das, daß wir oft nicht verstehen, wie sie daran gewinnen können — wie Isaak mit seinem Rittmeisterleben." Empört ist Björson über die Mißhandlung der Juden durch jene Namen, die der Beamtenstand unter Kaiser Joseph II. ihnen aufgezwüngmu -'„M ist die rvhestz Mißhandlung^ ^- so schreibt er — „die gegen Menschen verübt würbe,' Äeil sie ins- Seelische trifft, zu ewiger Verhöhnung vob W zu Geschlecht. Und sie tragen diese Namen aNd schweigen und warten auf ihren Messiasder' die Erniedrigungvön ihnen nehmest soll.-- KoMMen iw die 'Welt hiüaus' und' Machen manchen dieser lächerlichen und ekelhaften Namen berühmt." Noch Manches treffende. Urteil des Dichters und Staatsmannes wäre zu erwähnen, das geeignet ist, im deutschen Juden Sympathie für den östlichen Bruder zu wecken. Dabei ist Björnson nichtblftid gegen die' Fehler der Juden. ),Äber wenn die Christen sich aufs hohe Pferd setzen und sagen': Wir sind nicht wie sie — und meinen die Juden im allgemeinen —, da sollten besonders die d e U t sch e n Christen in dieser Zeit einsohen lernen, wie ungereimt sich so etwas ausnimmt. ' Denn es ist genau dasselbe, was ihre Feinde heutzutage ihnen gegenüber tun." ■- - R. TT. Lömg Ludwig von Holland. Skizze von Clara Schott, . (Schluß.) ochen vergingen, Ostern stand vor der Tür, die Natur begann zu erwachen. Jubelnd zwitscherten die Vögel dem Lenz entgegen, Schneeglöckchen und Veilchen steckten neugierig die Köpslein in die Welt, und die Sonne bemühte sich nach Kräften, der Erde ihre Milde zu zeigen. Sie befchien lächelnd Stadt und Land und sandte auch ihre Strahlen in das Krankenzimmer der armen Lea, die heute in ihrem Bette aufrecht saß.. Wolly, der sich zärtlich um sie bemühte, saß neben ihrem Lager und las ihr Verse vor, auf die sie nicht, achtete. Frau Hartoch saß mit einer Handarbeit am Fenster. Von Zeit zu Zeit fielen ihre traurigen Blicke auf ihr schönes Kind; sie bemühte sich, Tränen, die ihre Augen trübten, zurückzuhalten. „Wolly," begann die Patientin so leise, daß nur er es verstand, „weißt du, was ich mir noch wünsche, ehe ich sterbe?" „Du sollst dir die traurigen Gedanken abgewöhnen, mein Liebling, du wirst noch lange nicht sterben, erst mußt du noch Braut wehden und—" Ein müdes Lächeln umspielte den Mund des kranken Mädchens, als es ihm stillschweigend ihre abgezehrten, matt pulsierenden Arme entgegenstreckte. „Schon so gut wie gestorben," sagte sie leise. Seine Stimme klang heiser, als-er nun fragte, was sie sich denn wünsche. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals, neigte sich seinem Ohr zu, und fast gehaucht kam es von ihren Lippen: „Ich möchte noch einmal den König sehen!" Er zuckte zusammen, und sie legte sich langsam in die Kissen zurück. Die Augen hatte sie geschlossen Und ihr Antlitz hatte die Farbe einer Leiche. — An einem regnerischen Apriltag ging im Haag ein junger Mann am „Houis in't Bosch" zagenden Schrittes auf und nieder. „Da oben, vor der Front rechts, die zwei Fenster gehören dem Arbeitszimmer -des Königs," sagte ein alter Herr zu ihm, der ihn beobachtet hatte und ihn für einen Provinzialen hielt, der gekommen-war, seinen König zu sehen. ' „Um die Mittagszeit pflegt er ans Fenster zu treten, schauen Sie nur immer hin!" : ' „Er ist ein milder und gerechter Herrscher, unser-König," antwortete der Jüngling, „wie aber ist er als Mensch?" -