Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1918)
- Date
- 1918-01-11
- Page
- Seite 17 (sequence 5)
- Language
- German
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17 in drittet Lesung und' tzemnach endgülRg/Las Gesetz an, LaS Bekennern des jüdischen Glaubens in Finnland das Recht eröffnet, in der für Ausländer festgesetzten Art das Bürgerrecht m erwerben. * Damit ist endlich unsere Jüdenfrage' aüs dhr Welt geschafft und eine nahezu fünfzigjährige Reforrüsrage gelöst, ein Fleck auf unserer nationalen Ehre abgewaschen. Die erste Handlung des finnischen Volkes, nachdem es sich selbst für frer erklärt hatte, war, denjenigen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die hier die größte Ungerechtigkeit erlittest, das Ueb?rMibsel einer ..überall anderswo seit langem ausgetzeMien, mittelalterlichen Anschauung. Es ist dies auch die einzige Handlung, in der der finnische Landtag, die bürgerlichen Mitglieder sowohl wie die sozialdemokratischen, einig waren. Mährend eines Zeitraumes von nahezu 50 Jahren wurden von freisinniger Seite in Finnlarch. die Forderungen n? h Gerechtigkeit und menschenwürdiger Stellung für die Juden in Finnland erhoben. D-.r stärkste Widerstand kam' nicht etwa von konservativer Seite, wo man etwa in der Mfreiüng der Inden künftige Gefahren für unser eigenes nationales, religiöses oder wirtschaftliches Leben erblickt hätte. Dieser Widerstand) der seinerzeit in dem Geistlichen- und Bauernstände des früheren Landtages recht stark war, hat sich allmählich immer mehr verflüchtigt. 'In den letzten Jahren hat auch die finnische Sozial- 'dernökrütie die Befreiung der Juden auf ihr Programm gesetzt. Im Lande hat sich seit langem keine einzige einflußreiche Stimme gegen eine so stark von der' Gerechtigkeit geforderte Reform.erhoben. Der stärkste Widerstand schrieb sich von der Abhängigkeit Finnlands und seiner Gesetzgebung von russischer Macht her. Alle unsere Bemühungen, alle Beschlüsse des Landtages scheiterten an dieser Unmöglichkeit. Es war eine Revolution in Rußland nötig, um diesen Widerstand zu brechen. Aber selbst nach der russischen Märzrevolution war die Lösung dieser Frage in Finnland mehr oder weniger verknüpft mit der Frage der politischen, kommunalen und Erwerbsrechte russischer Bürger in Finnland. Dieser Zusammenhang ist jetzt gelöst, und dem Erlaß des vom Landtage gestern gefaßten Beschlusses als geltendes Gesetz steht nichts mehr im Wege. Das einzige, was noch feine Anwendung hätte verwickeln, wenn auch nicht verhindern können, war die Frage der zivilrechtlichen Gültigkeit von Ehen Mischen Juden untereinander oder zwischen Juden und Christen. Aber auch diese Sckpvierigkeit ist beseitigt, nachdem wir jetzt ein Gesetz über Eingehung der Ehe vor einer bürgerlichen Behörde haben.; Mt einem Gefühle großer Erleichterung vernimmt man die Botschaft. von diesem Landtagsbeschhlsse.; Die rechtlose Stellung der Juden in Finnland war eine Schande für unser Land rmd hat uns viel geschadet. Sie ist auch nicht selten, sowohl mit. als auch noch öfter ohne Fug, im Auslande als Agitationswittel benutzt worden, an Stellen,, wo .man eine antipathische Stimmung gegen.uns erregen wollte. Und . es gelang nicht immer, fremden Beurteilern, auch nicht den wohlwollendsten, bk verwickelten Gesetzgebungsverhältnisse klar zumachen, die mit der Lösung dieser Frage verknüpft waren. Nun ist glücklicherweise alles das beseitigt, und zugleich ist es offenbar geworden,. daß, wenn es lange dauerte, bis man den Juden in Finnland Gerechtigkeit widerfahren ließ, dies nicht unsere Schuld war, sondern derjenigen, die uns selbst keine Gerechtigkeit geben wollten. In einem freien Finnland, dessen Schaffung wir ersehnen, erwarten wir, daß auch unsere jüdische Bevölkerung zu freien und rechtschaffenen finnischen Bürgern werden wird, die unserem Volke das Maß jenes Freiheitsstnnes, jener Arbeitsamkeit, jenes Strebens nach AuMrung und Fortschritt zuführen werden, die durch Jahrhunderte harten Geschickes die tragende Kraft der jüdischen Rasse in allen Ländern gewesen sind. r0>° * Palästina und dev Zionismus stehen im Vordergründe des Interesses. Zunächst sei hier der folgende kurze Bericht wiedergegeben: D i'e j u b i 1 ch e n Kolonien in Pal ä st i n a. Berlin, 31. Ddzember. Von Mrender zionistischer Seite in London wird dem Kopentzagener Bureau der zionistischen Organisation Mitteilung über die Läge der jüdischen Kolonien in dem von der türkischen AtMe geräumten und von der englischen Armee besetzten Gebiet Palästinas gemacht. In dem Telegramm wird bestätigt, daß vre 'türkische Armee bei chxem Rückzug den jüdischen Kolonistenden Verbleib in ihren Wöhttplätzen gestattet hat, daß die Gebäude ünver- . sehet sind und daß die Lage der Kolonie durchaus beruhigend ist. Bon anderer Seite verbreitete Nachrichten über eine Hungersnot seien erfunden. An Vorräten und Arbeitstieren sei für die Armee nur dringend Notwendiges requiriert worden und keineswegs größere Mengen) : O Sodann sei aus einer längeren Ausführung L. Schulmanns in der „Kölnischen Zeitung" einiges hervorgehoben, das sich auf die Tätigkeit des H i l f s v e r e i n s d e u t s ch e r I u d e n in Palästina bezieht. * Bringt sie auch nicht viel Neues, so ist sie in diesem Augenblick besonders dankenswert, da von, vielen Seiten England als einzige Retterin Palästinas betrachtet wird, und auch aus dem Umstand willkommen, daß sie in einer so weit verbreiteten Zeitung Platz gefunden hat. Ueber die Schultätigkeit des Hilssvereins heißt es: In den letzten 15 Jahren sind verständnisvoll geistige Werre hineingeworfen worden, die aus allen Gebieten des Volkslebens deutlich zu beobachten sind. In ihrer AnpasiungsfähigLei-t an die wirklichen Bedürfnisse der. Bevölkerung und in ihrer der praktischen Notwendigkeit Rechnung tragenden irmern Ausgestaltung waren die deutschen Schuten den zahlreichen französischen Anstalten bei weitem überlegen. Im Anschluß an die bereits vor über einem halben Jahrhundert von Wien aus begründete Edler-von-Lämel-Schnle wurde vom Deutschen Hilssverein ein Lehrerseminar, eine Handelsrealschule, eine Mädchenschule mit Lyzealklassen, ein Kindergärtnerinnenseminar nebst mehreren Kindergärten in Jerusalem, ferner eine Knabenroalschule und eine Mädchenschule in Jaffa gegründet. Die türkische Regierung erkannte den hohen Wert dieser deutschen Kulturarbeit und verlieh dem Lehrerseminar und der Handelsrealschule den Rang eines türkischen Lyzeums, dessen Absolvierung zum Eintritt in die Universität berechtigt. Biele Absolventen dieser Anstalt in Jerusalem haben ihre Studien auf türkischen und deutschen Hochschulen vervollständigt, um in ihrer Heimat ihre Kenntnisse verwerten zu können. Tie in Deutschland Studierenden erfreuten sich auch, wie ich bestätigen kann, des größten Entgegenkommens der deutschen Hochschullehrer. All die -erwähnten Anstalten sollten ihren weiteren Oberbau in Palästina selbst durch das Technikum in Haifa erhalten, dessen imposanter Bau am Fuße des Karmels vor Kriegsausbruch sertiggestellt wurde. Das gesamte Schulwerk des Hilssvereins in Palästina, welches vom Direktor Ephraim Eohn, -einenn bekannten Schulmann, der während 30 Jahre -eine segensreiche SchultätigkeLt entfaltete, eingerichtet wurde und geleitet wird, umfaßt über 2000 Zöglinge, welche von etwa 100 Lehrkräften unterrichtet werden. Biele von den Lehr-ern habenihre Ausbildung an deutschen Hochschulen erhalten. Hier liegt ein gutes Stück deutscher Arbeitskraft, die sich besonders dadurch auszeichnet, daß der Hilfsverein stets bestrebt war, den wirklichen Verhältnissen und Bedürfnissen Rechnung zu tragen. Dieser Umstand bewirkte es, daß die Schulen sowohl von der Bevölkerung als auch von den türkischen Behörden als -ein notwendiges Bedürfnis -angesehen werden. Die Resultate dieses Schützverks für den deutschen Handel und für die wirtschaftliche Hebung der türkischen Provinz selbst waren unverkennbar. Es ist zu hoffen, daß dieses für das Land so wichtige und verheißungsvolle Kultu-rwerk des Hilfsvereins der deutschen Juden im Heiligen Lande weder in seinein Bestand noch in seiner Fortentwicklung durch die augenblicklichen Kriegsereignisse gefährdet werde. * In betreff -des Z ion ism u s muß Verschiedenes erwähnt werden. Ich hatte in Nr. 52 Jahrgang 1917, S. 615, erklärt, ich behalte mir vor, auf Georg Brandes' Stellungnahme zum Zionismus wieder zurückzukommen. Auf weine -Anfrage hat Brandes folgendes erwidert: „Ich hatteeinmal abgeschlagen, in einem hiesigen jüdischen Verein, genannt die Danmarks-Loge, einen Vortrag zu halten. Dann kam man nach Monaten wieder und flehte mich an, das zu tun. Ich hielt dann zwei Vorträge (ganz privat) über Julius Cäsar. Ein Toast wurde für mich ausgebracht. In -meiner Antwort,-— zwei Minuten — sagte ich u. a., daß ich nun 30 Jahre hiridrrrch von der nationaljüdischen Presse verfolgt