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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-01-04 · Heft 1 (4.1.1918) · p. Seite 12

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 1 (4.1.1918)
Date
1918-01-04
Page
Seite 12 (sequence 16)
Language
German
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Er griff nach ihrem Puls, er schlug schnell, sie machte sich hastig los. „Heute bin ich wohl, lieber Bruder, mir ist nichts, aber — ich möchte dir gern etwas anvertrauen — wir sind so selten allein." Er setzte sich zu ihr. „Rede, mein Liebling," sprach er weich und drückte ihren schönen Kopf an sein Herz. Große Tränen perlten in ihren Augen, als sie leise und schüchtern begann: „Ich bin eine große Sünderin, Wolly. Die Mutter sagt: anbetend dürfen wir nur an Gott denken, und ich —ach! gerade so 'denke ich an den König. Ich darf es ja niemanden sagen, aber du siehst, mein fortwährendes Beiihmsein in Gedanken macht mich krank und elend, wie ich geworden bin, seit ich ihn sah. Ist das nicht schrecklich? — Lieb will ich ihn ja haben, aber ich will nicht so unausgesetzt an ihn denken müssen, ich — was soll ich nur tun?" Mit gerungenen Händen stand jetzt Lea vor ihrem erschrockenen Bruder. „Mit dem ruhelosen Gefühl, das jetzt in mir ist, hat mich wohl Gott gestraft, weil ich den König anbete," fuhr sie verzweifelt fort. Er wollte ihr antworten, da öffnete sich die Tür, die Eltern waren zurückgekehrt. — Sich unruhig auf seinem Lager umherwerfend, sagte sich 'der junge Hartoch wieder und immer wieder mit gramerfülltem Herzen, daß seine unglückliche Schwester in phantastischer Schwärmerei eine unselige Liebe zum König gefaßt habe, an der sie zugrunde gehen müsse, wenn man sie nicht 'davon befreien könne. Daß sie selbst sich in ihrer kindlichen Einfalt der Liebe nicht bewußt war, war ihm klar. Er überdachte nun,. welche Heilmethode er einzuschlagen habe, und am anderen Morgen beabsichtigte er, Lea, die fast nie ausging, zu einer Promenade aufzusordern. Aber er fand die Schwester so matt und krank, daß sie unfähig war, das Bett zu verlassen. ,_ _ (Schluß folgt.) Milzellr. Die Gattin des Ehacham Bernays in Hamburg. Soviel man auch von dem gelehrten, frommen, streitbaren Chacham Bernays und von seinen hocybedeutenden Söhnen, dem Philologen Jacob und dem Literaturhistoriker Michael, woiß, so wenig hatte man bisher über seine Gattin erfahren. Um so erfreulicher ist daher, daß man in dem Buche: . „Briese von und an Michael Bernays. Mit einem Bilde. Berlin, B. Behr 1907" eine ausführliche Schilderung der trefflichen Frau erhält. Bernays schickt seinem Fachgenossen Jakob Baechtold (31. Dezember 1883) ein Kondolenzschreiben bei dem Tode von dessen Bruder und fährt dann fort: (S. 86—88.) „Aber preisen Sie sich dennoch glücklich! Im tiefen Mannesälter haben Sie Ihrer Mutter noch so manches Jahr zur Seite bleiben können. Ich verlor die meimge, als ich eben aus dem Jünglingsalter herausgetreten war. Ich verlor sie zu einer Zeit, da ich auf einen: selbstgebahnten Wege mühevoll vorwärtsschreitend, zum Kampfe mit den mich umgebenden Verhältnissen gezwungen, ihrer zärtlichen und doch einsichtsvollen Liebe mehr als je bedurfte. Denn sie war in meiner Familie die einzige, die mein Wollen und Streben verstand und billigte. Es klingt wie ein Märchen, wenn ich Ihnen sage, daß ich in meinem vierzehnten Jahre in ein Geschäftshaus eintreten sollte, ein Platz im Kontor war schon für mich bestinrmt. Und doch war bereits in meinen Kinderjahren die Richtung meines ganzen Wesens sehr entschieden hervorgetreten. Mir ward später oft erzählt, daß meine älteren Schwestern schon vor dem neunjährigen Knaben den Bosfischen Homer verstecken mußten, von dem ich mich oft noch in späten Abendstunden nicht losreißen konnte. Mit kindischem Trotze setzte ich es denn auch durch, daß man abstand von dem noch kindischeren Beginnen, einen gelderwerbenden Kaufmann aus mir herauszubilden. Als ich nach glänzendem Examen auf die Universität zog, mußte ich abermals in den Kampf, um die Rechte meiner Individualität zu wahren. Dem mittellosen Jüngling wollte man nicht gestatten. sich Studien zu widmen, dre Ätt'sö käMichO Ätot verhießest: Jurisprudenz sollte ich mich ergeben. Ich' brauche es mcht zu bereuen, daß ich bei Böcking noch Institutionen gehört, aber damit wollte ichmich doch der Lldvokatengilde imt keinen Schritt genähert haben. Alle Mächte der Erde hätten mich nicht zur Abtrünnigkeit von mir selbst verleiten können. In diesen ernsten Fährlichkeiten nun blieb meine Mutter mir stets treue Bundesgenossin. Sie besaß eine gesunde literarische Biwung oder vielmehr einen feinen Sinn für das Dichterische; jede literarische Prätention war ihrem einfachen. Wesen fremd, ja, ihr verdanke ich zum Teil meinen unüberwindlichen Widerwillen gegen Schriftstellerinnen. Früh hat sie in mir die Freude an. Poesie geweckt.. Der Blick der mütterlichen Liebe war auch hier der Blick des Verständnisses. Sie wußte, wohin ich mit meinem Tun zielte, und ihr Vertrauen auf mich benahm ihr auch jede ernstere Bangigkeit, die sonst ein Blick in meine ungewisse Zukunft hätte Hervorrufen können. Sie mußte von hinnen, ehe sie erlebt hatte, was vielleicht ihr Leben würde verlängert haben: die Freude, mich in einer Stellung zu sehen, in der ich nach den Bedingungen meiner Natur wirken kann." Charakteristisch ist an der eben abgedruckten Stelle, daß Bernays seinen Religionswechsel nicht berührt; von Vater und Bruder, die diesen Uebergang verdammten, spricht er weder an dieser, noch an einer anderen Stelle seiner Briefe. Sonst sind diese für den Literarhistoriker höchst lehrreich, auch für den jüdischen Lehrer interessant, weil einzelnes über Rubinstein, manches über, Herrn. Levi mitgeteilt und Briefe von und an Josef Lewinski abgedrsickt werden. Auch von jüdischer Seite würde man sich daher des Buches freuen können, wem: nicht eine recht widerwärtige Stelle darin vorkäme. Seinem Freunde H. Uhde berichtet Bernays nämlich von einem Besuche Nürnbergs (16. Oktober 1877). Nachdem er von Hans Sachs' Wohnung gesprochen, fährt er fort (S. 21 f.): „Die Statue des Dichters in der Nähe gibt auch der Phantasie nur wenig Anregung, unmittelbar daneben dräut die Synagoge, in frechem Schimmer prunkend, ganz dazu geeignet, daß Abrahams Söhne hier ihren Geld und Klugheit spendenden Gott verherrlichen. Man begreift Wagners Wut vollkommen!" Es ist, um einen sehr milden Ausdruck zu gebrauchen, höchst betrüblich, daß ein geboreirer Jude, dessen Verwandte 'treueste Anhänger ihres Glaubens blieben, in solchen Ausdrücken über die Gemeinschaft spricht, der er entstammte, und kaum begreiflich daß ein Historiker, wenn er gleich ein begeisterter Anhänger Richard Wagners war, das, von allem anderen abgesehen, so ungeschichtliche Urteil Wagners über Juden billigen konnte. Das ist um so unverständlicher, als Bernays, der geborene Jude, selbst ein feines Verständnis für Musik besaß, die Ungerechtigkeit Wagners also durch sein eigenes Beispiel widerlegen konnte, und als er, wie schon erwähnt, mit dem jüdischen Musiker H. Levi befreundet war. L. G. Mchereinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Friedrich Nietzsches Brieswechsel mit Franz Overbeck. Herausgegeben von Dr. Richard Oehler und Karl Albrecht Bernoulli. Im Jnselverlag zu Leipzig, 1916. Künstler. Roman von Alfred Friedmann. Glockenbücher. Verlagsanstalt Vogel u. Vogel G. m. b. H.) Leipzig. Schriften, herausgegeben von der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Germania I u d a i c a. Herausgegeben im Aufträge der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums von M. Brann und A. Freimann. Band I, 1. (Von den ältesten Zeiten bis 1236.) A bis L. Frankfurt a. M. Verlag, von I. Kausfmann, 1917. Frieden auf Erden. Von Albert Bach. 1917. Verlag von Hermann Krüger, Berlin VL-Zehlendors. Der große Fischzug. Novellen von Karl Goldmann. Egon Fleischet u. Co. Berlin 1917. Gedichte. Von Gertrud Kolmar. Egon Fleische! u. Co. Berlin 1917. D a s H o h e L i e d d e r Liebe. Des Königlichen Sängers. Salornon Minnelieder. Ins Neuhochdeutsche übertragen von H. A. Grimm. Verlag von Wilhelm Borngräber, Berlin.

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