Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1918)
- Date
- 1918-01-04
- Page
- Seite 11 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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—- 11 Spannung bte Landeskinder, welche nach einer kummervollen Zeit hofsnungSfreüdig Und erregt der Ankunft des Königs entgegensehen. Die Zeit, in welcher sich der Zug von ,che Hoge slouis" aus in Bewegung fetzen sollte, schien längst verstrichen, schon machte sich hier und da eine Mißstimmung im Publikum geltend, die überhand zu nehmen drohte, als endlich von der Ferne her Trommelschläge ertönten und gleich darauf Militärmusik erscholl. Auf prächtigen Pferden sprengte eine Anzahl Herolde heran, ihnen folgte ein Troß Edelknappen, und umgeben von Ehrengarden in blitzenden Uniformen, zeigte sich König Ludwig seinem Volke. Eine unabsehbare Menge Militär, unter welchem die Marine vorwiegend, reihte sich an. Aus einer Anzahl Husaren ragte ein Wachtmeister hervor, der auf einem ritterlichen Turnierspieß das Wappen von Amsterdam trug. In großen.Lettern stand arauf: „Louis Napoleon, König von Holland, schenkt seiner Hauptstadt Amsterdam die Siegeszeichen, welche die Niederländer erobert haben." Adlige, Bürger und alle Korporationen und Innungen der Stadt schloffen den Zug, der sich unter jauchzendem Zuruf des Volkes fortbewegte. Jetzt erreichte er „de Heerengracht". „Er kommt, er kommt!" so ertönte es von Mund zu Mund. „Der König kommt!" sagen auch bebende Mädchenlippen, und ein siebzehnjähriges Mädchen fährt mit der kleinen Hand nach dem Herzen, um das unruhige Klopfen zu beschwichtigen. „Und gib uns, o Herr, einen milden Herrscher." Mit diesen Worten schloß allwöchentlich das fromme Mütterlein ihr Sabbatgebet, und ihre Tochter vernahm es, und ihr Amen vereinte sich mit dem der Mutter. Und dann war eines Tages der Vater nach Hause gekommen und hatte begeistert von der Antrittsrede Ludwigs gesprochen, und vom. Haag erzählt, wo er den König gesehen. Er'hinke etwas, aber alle seine Bewegungen hätten jenen Rhythmus, der eine harmonische Seele bekundet. „Er ist kein Napoleon, der zu fürchten ist," schloß er, „ein König, der Segen, der Frieden bringen wird." „Frieden, Frieden," das waren Worte, um die Lea ihre Eltern, die durch die Revolution ihr Vermögen, ihre Gesundheit und ihren Mut verloren, so lange seufzen gehört. Nun war er im, der Friede, und er hatte ihn gebracht. Er! Ein Gefühl hatte sich ihrer für ihn bemächtigt, das sie nie gekannt, als sie den Vater, welcher der Krönung beigewohnt hatte, immer wieder und wieder vom König reden gehört. In ihrer Begeisterung für den Herrscher, der ihr geliebtes Vaterland zu erretten kam, der mit Milde zu regieren versprach, mischte sich Verehrung, Dankbarkeit und — Sehnen. Doch alles dieses zusammen verstand Lea nicht. Sie war kein gebildetes Mädchen, sie war die schöne Tochter einfacher Eltern, die zwar ihrem Sohn, der in Leyden Medizin studierte, eine gute Erziehung angedeihen ließen, für der Tochter Ausbildung aber wenig taten. Sie vermochte weder ihr Denken zu konzentrieren noch ihr Empfinden zu ergründen. Die Mutter hatte ihr einmal gesagt: „Wir beten nur Gott an und lieben die Menschen," und jetzt vereinigte sich all ihr Empfinden in dem einen Gefühl, daß der König ein überirdisches Wesen — das anzubeten sei. Verabscheuungswürdig sündhaft kam sie sich vor, und bittere Tränen weinte sie darüber. Wenn sie ihr Herz erleichtern wollte, es der Mutter beichten, daß sie sich „Nebengötter" gebildet, dann fand sie doch nicht den Mut, der frommen Frau zu sagen, daß ihre Tochter kein gläubiges Kind sei. Und heute sollte sie das geliebte Antlitz sehen, das ihr wachend und träumend in der Phantasie vorschwebte! Weit beugte sie sich über die Brüstung des Fensters, so daß ihre Mutter sie besorgt festhielt. Aus des Mädchens lieblichem Antlitz suchten ihre Leidenschaft verratenden Augen den Herrscher, der auf einem Zelter inmitten seiner Garden ritt. In ihrer zitternden Hand wehte ein weißes Tuch. Jetzt hatte sie ihn erspäht! Fühlte er einen heißen Blick auf sich ruhen oder war es Zufall — der König wandte sich plötzlich zur Seite und schaute lange und freundlich grüßend zum Fenster des schönen Mädchens hinauf. Hierbei müßte er ' eine zu hastige Bewegung gemacht haben, sein Pferd bäumte sich, und es dauerte einige Sekunden, ehe es wieder zur Ruhe kam ... Der Zug bewegte sich langsam weiter, Lea aber lag auf ihrem Lager, und es währte lange, ehe sie von der Ohnmacht erwachte, die sie befallen hatte. Der. Friede war ins Land gekommen, aber bei Hartochs brachte er keine beffere Stimmung. Lea, die einzige Freude ihrer Eltern, siechte dahin. Alle Kunst der Aerzte schien zu scheitern, und das Mädchen selbst wußte auch über ein bestimmtes Leiden nicht zu klagen. Es war Winter geworden. Kandidat Hartoch hatte sein Examen bestanden und gedachte nun eine Zeitlang im elterlichen Hause auszuruhen. Mit tiefem Weh im Herzen nahm er den asiatischen Zustand seines Lieblings wahr und machte sich mit Eifer daran, denselben zu ergründen. Heute war ein Feiertag. Vater und Mutter waren zur Andacht gegangen; auf dem Tische, vor dem Lea saß, brannten neben der Lampe zwei Kerzen. Sie las ein Gebet, leise schritt ihr Bruder im Gemach hin und her. Immer fielen seine Blicke aus die betende Schwester. Ihr Antlitz lind ihre Hände erhoben sich. Willy blieb hinter ihrem Stuhl stehen und blickte über ihre Schultern hinweg in das Gebetbuch. „Gebet für den König" las er. Sie hatte geendet und das Buch beiseite gelegt. „Lea," begann nun der junge Hartoch, „für wen hattest du gebetet?" Eine flammende Röte ergoß sich über das Antlitz des jungen Mädchens, als es „für den König" antwortete. „Ihr liebt ihn sehr in Amsterdam?" „Oh, wie sehr!" Es kam fast schluchzend von dem Munde der blassen Lea, und dann blitzten ihre dunklen Augen, als sie, ihre Hände zusammenballend, hastig auffuhr: „Aber weißt du, Wolly, neulich als ein Edler beim Vater war, da hätte ich ersticken mögen an den Worten, die mir auf der Zunge lagen und die ich nicht aussprechen durfte, weil ich nur ein Mädchen bin. Der sagte, o dieser Mensch, er sagte, der König sei — eitel!" Der junge Mann lachte hell auf. „Eitel? — Das ist nicht arg gesagt, Lea, und weshalb erregt es dich so?" Sie sah ihn groß an. - . Kindliche Schwärmerei, dachte er, und um zu hören, wie weit sie ging, fuhr er fort: „Du scheinst eine besondere Verehrung für diesen lahmen Ludwig zu haben." „Gewiß!" sagte sie heftig und fuhr dann überhastend fort: „Du weißt, wie ich den Vater, die Mutter und dich liebe, jedes Opfer würde ich euch bringen — aber mein König, der steht noch weit über euch, und wenn du so unehrerbietig „der lahme Ludwig" sagst, so tut mir das gerade so weh wie kürzlich, als der Edle ihn eitel nannte." — Fieberflecke brannten aus des Mädchens Wangen. „Hast du denn den Herrscher schon einmal gesehen?" fragte gedankenvoll der Jüngling. „Ja," esitgegnete sie begeistert, „beim Einzuge in Amsterdam, da schaute er zufällig zu unserem Fenster empor und grüßte mich. Seine Augen, die mich anschauten, sein Lächeln, das mir galt, seine königliche Haltung — Wolly, immer sehe ich. es! Und weißt du —aber weshalb siehst du mich so entsetzt an?"