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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-01-04 · Heft 1 (4.1.1918) · p. Seite 10

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 1 (4.1.1918)
Date
1918-01-04
Page
Seite 10 (sequence 14)
Language
German
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10 Unser Glaubensgenosse hat einen Kaftan mit einem Waffenrock, den Streimil mit einer eckigen Kappe Vertauscht, während ihm sein Bart durch höheren Erlaß gestattet wird zu tragen. Und wo bleiben die Petzes? Dank seiner jüdischen Klugheit hat er es verstanden, auch seine Eideszeugen — er ruft ja bekanntlich den Bart und Petzes bei einer Eidesleistung als Zeugen an — treu aufzubewahren. Er hat sie mittels eines Bindfadens unter der Kappe befestigt, so daß sie niemals zu entdecken sind, da man ja beim Militär bekanntlich die Mütze nicht zu lüften braucht. Ich habe dieses Versteck einmal in einer Kanzlei — wo. ein solcher Leidensgenofse die Kappe abnehmen mußte, entdeckt. Dieser Kaftansoldat ist trotz seiner Gebräuche, die er aus dem Zivildasein mit ins Militärleben hinübergenommen hat, ein tapferer Verteidiger seines von den Feinden begehrten Vaterlandes. Er hat sich sein jetziges Leben derartig eingerichtet, daß er die von Jahrtausenden überlieferten Gesetze und Gebräuche streng einhält. Er wird hungern und darben, um kein Gesetz zu verletzen. (Uebrigens sind im Hinterlande koschere Küchen eingerichtet worden.) Und dennoch ist er Soldat wie seine christlichen Kameraden. Er läßt sich nichts zuschulden kommen. Früh steht er auf, viel früher als seine christlichen Kameraden. Er muß ja Teffilin legen. Das Gebet wird in Minjan verrichtet. Ein von ihnen gewählter Vorbeter strengt sich an, seine Kenntnisse zu bekunden (die christlichen Kameraden wohnen dem allen bei, da sie mit ihnen das Lager teilen). Es erfüllt einen mit Wehmut und besonderem Gefühl, wenn man einer derartigen Andacht beiwohnt. Sie wird mit erhabeneren Gefühlen als in Friedenszeiten abgehalten, ist doch ein neuer Wunsch hinzugekommen — der Wunsch nach Frieden. Diese Menschen sind glücklich. Sie beten und hoffen, hoffen und beten. Gott muß ihnen helfen. Sie besitzen Mut und Ausdauer. Niemand ist in der Lage, sie bei Abhaltung ihrer Andacht zu stören. Befinden sie sich unter freiem Himmel unter Gleich- oder Andersgesinnten, oder wo es auch fein mag, ihre Gebete verrichten sie mit demselben Herzen. Ich bin täglich, ja stündlich mit ihnen zusammen. Habe manches Gute von ihnen gelernt. Sie helfen sich gegenseitig und verstehen, sich Freunde zu gewinnen. Allerdings fällt es nicht leicht, mit ihnen zu verkehren. Sie haben ihren besonderen Umgang, ihre eigenen Sitten usw., finden sich aber überall hinein. Sie find derartig wißbegierig, daß man seine Mühe und Not hat, sie zusriedenzustellen. Aber auch ihre Fehler dürfen nicht übergangen werden. Sie halten sich schmutzig und unordentlich, haben stets lästige Bitten vorzubringen und lassen nicht eher locker, bis man sie ihnen beantwortet hat. Und hat man ihnen einen Wunsch erfüllt, so haben sie wieder zehn neue auf Lager, so geht es fort und fort bis zur höchsten Geduldsanspannung des Gefragten. Nun ein charakteristisches Beispiel ihrer Psyche. Es ist das Gesuch eines gälizischen Inden an Seine Majestät den Kaiser von Oesterreich. Ich gebe den Text mit allen seinen orthographischen Fehlern wörtlich wieder: „Biletz, den 23. 11. 16. Euere Kaiserliche und Königliche Hoheit und Majestät. Untertänigst Gefertigter erlaubt sich Euerer Majestät die untertönigste Bitte zu unterbreiten: Ich träumte verflossene Nacht bxi Euerer Majestät in Audienz gewesen zu worauf ich aus dem Militärverbande entlassen worde. Mein 20 Jöhriger Sohn, Hersch Schatten steht seit 2 Jahren im Felde. Ich bin 47 Jahre alt habe infolge des Krieges mein ganzes Fermögen ferloren und gegen wertig diene ich beim Inf. Reg. Nr. 55 in Biletz wo ich zum Hilfsdienste bestimmt worde. Ich bin verheiratet und habe meinen eingerückten Sohn auch 3 Töchter und einen Sohn alle unsersorgt. Ich bitte urttettönigst den besagten Traum in Erfüllung kommen zu laflen. Mojsze Schatten." Dieses Gesuch war im Kriegsministerium und wurde vom stellvertretenden Minister abschlägig beschieden. Man ersieht aus dem Gesuch, wie sich diese Menschen mit ihrem Kaiser in Verbindung setzen. Sie erachten eine solche Tat als ein heiliges Werk. Sprechen sie doch zu ihrem Beschützer. Wenn einst — wer weiß wann — dieser Krieg seinen Abschluß finden wird, dann werden diese Helden in ihre Behausung zurückkehren — wenn sie eine solche noch finden werden, da ihre Heimat von den Moskowiterhorden heimgefucht war und alles Hab und Gut zerstört wurde — und dem allmächtigen himmlischen Vater für dasjenige, was er für sie getan hat, bei jeder Gelegenheit danken. Sie werden dann, wie stets nach einem unglücklichen Ereignis, sagen: „Gott sei Dank dafür, es war mir so bestimmt." Sie werden genügsam sein und tausendmal dem Allmächtigen danken, daß er ihnen ihre Familie, ja, nur die Familie, wiedergegeben hat. Mit ihr werden sie aus den Ruinen neues Leben erzeugen, um das Verlorene wiederzugewinnen. Sie werden noch genügsamer als vor dem Weltenbrande leben, um das alte Niveau wieder herzustellen. Ich habe schon auf meinen weiten Reisen durch Europa Völker kennengelernt; nirgends aber auf dieser jammervollen Erde fand ich ein genügsameres Volk als das Judentum es ist. Darum auch, und nur aus diesem Grunde, gebe ich mich der festen Hoffnung hin, daß ihr künftiges Ziel — das neue friedliche, jüdische Heim — rasch in Erfüllung gehen wird, daß der Kaftansoldat ein unvergänglicher Held in der Geschichte des Weltkrieges verbleiben wird. König Ludwig mn Holland. Skizze von Clara Schott. m 1. August des Jahres 1806 feierten die Einwohner von Amsterdam ein unvergeßliches Fest. König Ludwig von Holland hielt mitsamt seiner Gemahlin, vom Haag kommend, seinen sich glänzend gestaltenden Einzug und wurde von: Volke, das sich bald genug des Herrschers Milde bewußt ward, enthusiastisch empfangen. Um der Stadt Amsterdam, in der sich der König früher unter dem Titel und Namen eines Admirals de Ruyter aufgehalten hatte, sein besonderes Wohlwollen zu zeigen, überwies er ihr Siegeszeichen, wie Fahnen, Standarten, Kesseltrommeln, Trompeten und dergleichen Eroberungen der Holländer aus Spanien, England, Frankreich, Rußland, Indien, wie auch aus barbarischen Ländern. Diese Raritäten wurden bisher im Haag im großen Lotteriesaal aufbewahrt und nun in das „Stadthuis" zu Amsterdam überführt, und zwar am Tage des Einzugs Ludwigs. Um die Entgegennahme würdig zu gestalten, hatte sich ein Festkomitee gebildet, welches die zahlreichen Geschenke in Empfang nahm. Die Plazierung der bedeutungsvollen Gegenstände nahm einen Zeitraum von drei Stunden in Anspruch. Währenddessen harrte das Volk, das zu Tausenden sich eingefunden, des angekündigten Festzuges. . Auf den Straßen drängte es sich zu Massen; an den Fenstern, auf den Dächern, Türmen standen in atemloser

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