Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1918)
- Date
- 1918-01-04
- Page
- Seite 9 (sequence 13)
- Language
- German
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hohen Preise verlangt, aber man wurde wenigstens nicht so gerupft, wie dies in Wilna Z. B. der Fall ist. Es gibt in diesen Sitädten und Dörfern alles. Man mutz direkt staunen, woher noch die Masse von Lebensmitteln und sonstigen Sachen, wie Seife, Wolle usw., die man in Deutschland nur noch in kleinen Atmgen auf Karten bekommt, kommen. Es kostet ja alles wahnsinniges Gold, aber die Kameraden ließen es sich doch nicht nehmen, große Einkäufe zu machen, um diese dann ihren Lieben zu Haus als Chanukka-Liebesgabe zur Verbesserung der Ernährung zuzusenden. Der Gottesdienst, der um 5 Uhr stattftnden sollte, mußte leider verschoben werden, da ein Zug, der Kameraden von einem Frontabschnitt bringen sollte, wegen Schrweverwehung unterwegs Liegen bleiben mußte, und die Kameraden statt um 4 Uhr erst um 7 Uhr eintreffen konnten. Herr Rabbiner Dr. Lev: begrüßte aber schon um 5 Uhr die anwesenden Kameraden und blieb einige Zeit mit ihnen zusammen, um Auskunft und Rat, der von ihm verlangt wurde, in liebenswürdigster, Weise zu geben. Da der Gottesdienst erst um 734 Uhr stattfinden sollte, nahm man das Abendbrot, das nach dem Gottesdienst gedacht war, schon vorher ein und schon vor 7 Uhr fanden sich die meisten Kameraden wieder in dem altertümlichen Gotteshause ein. Dieses, eine -echte, alte polnische Schule, trotz des Krieges sauber gehalten, war an diesem Tage für das Militär reserviert; trotzdem sammelte sich am Eingang des Tempels eine hundertköpfige Zahl von Glaubensgenossen an und wirklich wurde diesen dann auch gestattet, die Frauenemporen, die nach alter Sitte richtig abgeschlossen sind, zu füllen und bei nach innen geöffneten Fenstern dem Gottesdienst beiwohnen. In der Synagoge konnte man nun die vielfachen Erkennungs- und Begrüßungsszenen beobachten. Rührend war es, wie der Onkel, der schon lange als alter Landstürmer im Felde steht, feinen jugendlichen Neften, der erst vor kurzem herausgekommen, begrüßte, wie sich Schwager mit Schwager, gute Freunde wiederfanden, aber auch, wie sich Landsleute erkannten. Ungefähr 150 bis 200 Kameraden hatten sich eingesunden und füllten nun das kleine Gotteshaus beinahe aus. Pünktlich 734 Uhr erschien der allverehrte Herr Armeerabbiner Dr. Levi und bald darauf auch der Herr Adjutant des Ortskommandanten, der sich gleichfalls angesagt hatte, aber leider hatte verreisen müssen. Zum erstenmal mag wohl in dieser russischen Synagoge eine Kapelle mitgewirkt haben, da an dem Gottesdienst die vollzählige Regimentskapelle des dort in Ruhe liegenden Regiments, die von der Kommandantur für den ganzen Abend zur Verfügung gestellt war, teilnahm. Mft dem Liede „Wir treten zum Beten" unter Begleitung der Kapelle begann der Gottesdienst, woran sich die üblichen Gebete, von einem Kameraden — in Zivil Vorbeter — stimmungsvoll mit schöner Stimme gesungen, anschlossen. Aber wie leuchteten die Augen der Kameraden auf, als Herr Dr. Levi nun das Podium betrat, ltm das Lichtbenschen vorzunehmen. Selige Kindererinnerungen, Gedanken an die Eltern, an Frau und Kinder daheim, mit denen inan sonst die Lichter entzündet hatte, mögen wohl die meisten Kameraden bewegt haben,/und jubelnd und freudig stimmten darum alle in unser alles herrliches- Chanukkalied „Moaus zur" ein. War bis dahin die Bevölkerung oben auf den Emporen nur schwer zur Ruhe zu bringen-gewesen-, so verstummte jedes Geräusch, als mm der Herr Armeerabbiner mit seiner prächtigen Erscheinung auf beni Altar stand, um die Festansprache zu halten, und mit den vieler» Kameraden hörte andachtsvoll die ganze. Gemeinde die herrlichen Worte, die nun ertöntem — Ausgehend von dem Glanze der Chanukkalichter, gab er unter Zugrundelegung des Spruches: „Unser Gott ist ewig, bindet die Opfer mit Seilen an die Hörner des Altars" Ermahnungen und Belehrungen, und kein Herz mag wohl ungerührt gewesen sein, als er uns auf unsere Familien hinwies, die nun zu Haus zum Lichterzünden, an den fehlenden Vater, Sohn oder Bruder dachten, ititb er uns ermahnte, einen Teil des Lichterscheines, den wir nun im Herzell empfanden, sestzuhalten und unseren Familien heimzubringen. Gebet für Kaiser und Reich und der Priestersegen beschlossen die eindrucksvolle Ansprache, während dann nach dem allgemeinen Kaddisch noch ein > solcher für unsere gefallenen Kameraden folgte. Gemeinsamer Ge-! sang mit Kapellenbogleitung: ,Mir loben dich ober:, du Lenker der Schlachten" schloß die Feier, die wohl noch lange in aller Gemüre nachhallen und den meisten unvergeßlich bleiben wird. In geschlossenem Zuge, die Regiments'kapelle voran, marschierten die Kameraden nun mit klingenden: Spiele nach dem Kasino, das für den Abend uns zur Verfügung gestellt war und wo sich bald bei den Klängen der Kapelle, bei gutem bayerischen Bier, das uns Herr Dr. Levi gestiftet hatte, bei Zigarren und Zigaretten, die wir ebenfalls als Chanukkagabe erhielten, eine gemütliche sidele Strrnrnung entwickelte. Mußten auch die Tische entfernt werden, da der Platz sonst nicht reichte, langten die Gläser auch nicht so, daß alle Kameraden auf einmal trinken konnten, was tat's. man war da, hatte Freunde, Bekannte, Glaubensgenossen neben und um sich und genoß also diese Stunden in vollen Zügen, wie nur jemand genießen kann, der von der Front kommt und einmal aufatmet. Erwähnen möchte ich noch, daß neben den Büchern und Zeitschriften, die Herr Dr. Levi als Liebesgaben verteilte, auch aus einigen Gegenden, so z. B. von der „Breslauer Kriegsnähstube Rosenberger" Liebesgabenpäckchen zur Verteilung an Landsleute zur Verfügung standen. — Da der Zapienstreich für den Abend aufgehoben war, konnte man lange Zeit zusammenbleiben und es war schon ziemlich spät, als sich Herr Dr. Levi erhob, um sich in launigen Worten von uns zu verabschieden und uns ermahnte, „die paar lumpigen Wochen" noch durchzuhalten, und uns allen wünschte, gesund nach Haus, und zwar recht bald, zurückzukehren. Einige wenige, aber herzliche Dankesworte an Herrn Dr. Levi bedeuteten das Ende des Festes und zufrieden suchte alles die Quartiere auf, um die wohlverdiente Ruhe zu genießen. Am anderen Morgen traf man noch einmal mit Bekannten zusammen und besuchte sich gegenseitig in den Quartieren, machte schnell einige Besorgungen, denn bald hieß es zur Bahn eilen, um rechtzeitig wieder zur Truppe zu kommen. Umgekehrt wie beim Kommen, verringerte sich nun immer die Schar, auf jeder Station herzliche Verabschiedungen, und bald marschierte wieder jeder seinen zwei-, drei- und mehrstündigen Weg los, um, gestärkt an Seele und Gemüt, ausgefrischten Geistes und gehobenen Herzens seinen Dienst, solange es noch sein muß, aufzunehmen. Dank, herzlicher Dank aller Kameraden, gebührt Herrn Armeerabbiner Dr. Levi wiederum für dieses Fest, das er uns Kameraden hier draußen bereitet. Es kann nicht genügend betont werden, lute freudig dies von allen Kameraden arterkannt wurde, denn nur mir hier draußen, wissen es, wie gut einem jeden von uns, der sich hier draußen nach seinen Lieben sehnt, dieser Gottesdienst, rvie gut uns aber auch als Menschen die Abwechselung und Auffrischung getan haben. Die Chanukkaseier wird allen Teilnehmern unvergeßlich bleiben, und möge Herr Dr. Levi gewiß sein, daß man es ihm nicht vergessen wird, daß auch noch in späteren Jahren, rvenn der langersehnte Frieden über unserern Land liegt, mancher Vater seinen Kindern beirr: Lichterzünden von dieser Chanukkaseier in: Kriege erzählen wird, und dann der Name dessen, den: es zu verdanken war, mit demselben Dank wie heute genannt werden rvird. Ser LsstsnsoMat. Von E l i n s Nacht (Berlin), zurzeit im österreichischen Heere, reift nur hinein ins volle Menschenleben! Ein jeder lebchs, nicht vielen ist's bekannt, und wo ihr's packt, da ist's interessant. So steht's im Kauft zu lesen. Wer wollte das. bestreiten. Ja, sogar während des ungeheuren Weltringens ist das Menschenleben von besonderem Interesse; denn wohin man blickt, ist ein Ereignis wahrzunehmen. Beobachtet man zum Beispiel die Träger der grauen Wasfenröcke, so sieht man, trotz der eintönigen Bekleidung den früheren Menschen, ja, man erfährt sogar ihren einstigen Beruf, ihren früheren Lebenswandel usw. Ich habe es mir zur Ausgabe gemacht, die Vergangenheit meiner Kriegskameraden durch den Waffenrock zu durchschauen, und muß es zu meiner größten Zufriedenheit bemerken, daß mich die Arbeit voll und ganz befriedigt. So ist es gewiß von entschiedenem Interesse, einen Kaftansoldaten kennenzulernen. Man denke sich einen Glaubensgenossen, der von Kindheit an nichts anderes als chassidische Kleider, Streimil, Peyes, dann Bart, einen seidenen Kaftan, Schaftstiefel und eine lange Pfeife als seine Gewänder und Verzierungen zu tragen gewohnt war, nun plötzlich ein k. u. k. österreichisch-ungarischer Vaterlandsverteidiger geworden ist.