Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1918)
- Date
- 1918-01-04
- Page
- Seite 7 (sequence 11)
- Language
- German
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ättgesiedelt hatten und wo später die Portugiesen landeten, die dann noch die älteste Kirche, das „Haus des St. Thomas", fänden. Sie wurde durch den Zamorin von Calicut 1536 zerstört. Die Portugiesen machten Cranganore zu einem großen blühenden Platz Mit Forts, Kirchen und hohen Schulen. Aber Hyder Ali und sein Nachfolger Tippu zerstörten alles, und was die Holländer wiederherstellten, haben die Engländer vernichtet. Nur ein Asyl für Aussätzige ist übrig, dessen Erhaltung die abziehenden Holländer den Engländern bei der Uebergabe des Platzes zur Bedingung machten. Es steht noch heute. Die durch die vielen Kriege bedrohten Juden flohen bis Holland nach Cochin, dessen Rajah ihnen den alten Palast schenkte. Die! Gasse, die sie bewohnen, ist holländischen Ursprungs. Daß sich die Juden der Gunst des eingeborenen Fürsten erfreuten, verdankten sie den Privilegien, die ihnen im Jahre 379 unserer Zeitrechnung der damalige Herrscher Malabars verlieh. Sie sind auf Bronzetafeln eingegraben, die das köstlichste Besitztum der Gemeinde bilden. Dort heißt es: „Der Herrscher Malabars verleiht dem Juden Joseph Rabban und seinem Volk das Recht, sich niederzulassen, wo sie wollen. Sein Eigentum und zweiundsiebzig Häuser seines Volkes werden von allen Abgaben befreit. Joseph Rabban wird zum Haupt der Juden ernannt, und ihm wird das Recht erteilt, fünf verschiedene Farben zu tragen, durch das Abfeuern von Kanonen begrüßt zu werden, auf Pferden und Elefanten zu reiten, aus Teppichen zu schreiten und zum Schmuck der Häuser Gewänder auf den Boden breiten zu lassen. Auch darf er Palankins (große Sonnenschirme), große und kleine Trommeln und Trompeten benutzen. Die Erlaubnis, Proselyten zu machen, wird ihm gleichfalls gegeben, ihm, seiner Familie, Männern und Frauen seines Stammes, solange die Sonne auf das Angesicht der Erde scheint und seine Nachkommen existieren." Zum Schluß des geschichtlich und kulturhistorisch so merkwürdigen Dokumentes wird der Segen Gottes auf die Zeugen. herabgerufen, die dasselbe unterschrieben haben: die Abgesandten der Fürsten von Travancore. Die Urkunde ist in der Malah-Alam-Sprache abgefaßt. Man kann sich denken, so bemerkt Katharina Zitelmann, wie stolz die Juden aus diesen Besitz sind. Von den 10 000 Juden, die einst kamen, sind jetzt nur noch etwa 200 übrig. Die neue Zeit ist auch in diesen Weltwinkel eingebrochen; die jungen Leute bleiben nicht mehr, sondern wandern in die Welt hinaus, wo sie überall Stammesgenossen finden. Die in Mottancheri lebenden Israeliten machen Geschäfte mit den Eingeborenen und'sollen oft sehr reich sein. Doch zeigen sie ihren Reichtum nicht. Sie sprechen Hebräisch, wie es ihre Väter taten, und ein wenig Malay-Alam. Der Herr, der den Führer machte, ein guter Bekannter des Kapitäns, war des Englischen mächtig. Unsere Forscherin erfuhr dabei zu ihrem Erstaunen, daß er — deutscher Abkunft und einer der später zugewanderten Israeliten sei. Natürlich interessierte sie sich auch für die Synagoge, deren Wände weiß getüncht waren. Dieselbe mache einen sehr ärmlichen Eindruck, wirke aber merkwürdig durch die Buntheit ihrer grünen Türen, der roten Geländer, die den Mittelraum, von wo aus der Talmud gelesen werde, einkreisen, sowie der roten und der goldenen Bemalung des Tabernakels, in dem die heiligen Rollen in schwarzseidenen, silbergestickten Tüchern eingeschlagen verwahrt werden, und der bronzenen Säulen, die zu seinen Seiten stehen. Von der Decke herab hängen eine Menge Glaslampen alter europäischer Herkunft. Das Kostbarste in dem Raum seien die blauen Kacheln, die den Fußboden decken. Der Führer der Israeliten erzählte der Forscherin zwei Lesarten über die Geschichte dieser blauen Kacheln.! Nach der einen sollte der Maharaja für den Festsaal seines! Palastes die Kacheln aus China haben kommen lassen.' Er! fragte seinen Freund, den Rabbi, woraus sie gemacht wareit, worauf dieser geantwortet haben soll: „Aus Ochsenknochen und Schweinefett." Darüber habe sich der Fürst entsetzt und die wertvolle Fracht den Israeliten geschenkt. „Das ist natürlich nur eine Erfindung, um uns herabzusetzen", bemerkte der Mann. „Einer unserer Leute ist vielmehr in China reich geworden, und als er vom Bau dieser Synagoge hörte, sandte er diese Kacheln, um seine Frömmigkeit zu bekunden, als seine Beisteuer." Hieran knüpft die Verfasserin die folgende stimmungsvolle ■ Bemerkung: „Die heiße südliche Sonne beschien die nüchternen,! trüben, jahrelang nicht geputzten Glasfenster der Synagoge. Sie warf goldene Strahlen auf die gewundenen Bronzesäulen jerusalemischen Musters, die betende Hände glatt gerieben, und schräge Lichter fielen auf die weißblauen Kacheln, deren Glasur wie ein Spiegel glänzte. Ein paar Leute waren' eingetreten — man wußte wohl schon, daß ein Besuch gekommen sei. Ein Rabbi mit weißen Locken nur verharrte im Gebete versunken, die anderen widmeten mir ihre Aufmerksamkeit, und dann öffnete mir der uralte Priester das Tabernakel und zeigte mir die Pergamentrolle mit der Heiligen Schrift und die edelsteinbesetzten Schmuckstücke, die er bei feierlichen Gelegenheiten zu tragen hatte . . . Und nun traten wir hinaus in das grelle Sonnenlicht und blickten die enge Gasse hinab, ein richtiges Getto von dazumal: die zweistöckigen Häuser mit winzigen Fensterchen, die Wände getüncht, aber schief und krumm und schadhaft, die Dächer tief herabhängend. Still und menschenleer liegt die Gasse, aber aus den Fenstern gucken neugierige Gesichter. Selten einmal verirrt sich ein Fremder, der nicht ein Matrose oder Handelsmann ist, hierher, nun gar eine Dame!" Unsere Forschungsreisende besuchte auch eine jüdische Familie, die zu den reichsten der Stadt gehörte. Sie beschreibt die Mutter und ihre zwei Töchter als schlanke Gestalten mit goldblondem Haar und zarten, bleichen Gesichtern von edlem Schnitt. Sie haben auf sie den Eindruck von Blumen gemacht, die aus Mangel an Sonne und Lust dahinwelken und vergehen. Die Mädchen hielten feine Handarbeiten in den schmalen weißen Händen und in dem Zwielicht mußten sie sich tief bücken, um sehen zu können. Sie kennen keine europäischen Sprachen und hatten nichts gelernt als zu sticken. Das kleine Gärtchen an der Rückseite des Hauses war die Stätte ihrer Erholung. Wie der Kapitän Winkler der deutschen Dame mitteilte, lebten diese Jüdinnen nach orientalischer Sitte und setzten sich nicht den Blicken der Einwohner ans. „Mußte ich . nicht," sagte sie wörtlich, „ihnen wie ein Wandervogel erscheinen, dem es vergönnt war, die Schwingen zu heben, während sie vergessen hatten, daß sie solche besaßen?" Was die Tracht der Israeliten betrifft, so kleideten sie sich wie ihre Vorfahren in Jerusalem. Auch hebt die Verfasserin hervor, daß die Männer große, prächtige und edle Erscheinungen wären. Von der Synagoge aus wurde die jüdische Schule besucht. Ein scheunen- oder bodenartiger, niedriger Raum aus vergangenen Jahrhunderten habe 8 bis 10 Kinder, Knaben und Mädchen aller Altersstufen, beherbergt. Eine dunkelgefärbte Lehrerin, die auch englisch sprach und ihre Prüfungen bestanden, habe in diesem Raum geherrscht. Auch hier bemerkte Katharina Zitelmann denselben Typus: blutarme, goldhaarige Kinder mit seinen Zügen. Nachdem sie und ihr Gefolge aufs neue die Pushs bestiegen, fuhren sie ein Stück die Gaste hinunter. Da befanden sie sich schon im Bereich der „schwarzen Juden". Diese behaupten,! und wahrscheinlich mit Recht, die ältere Gemeinde zu bilden! und die wahren Flüchtlingsgeschlechter zu sein. Die weißen! Juden waren viel später eingewandert und stammten zum