Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1918)
- Date
- 1918-01-04
- Page
- Seite 5 (sequence 9)
- Language
- German
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Konnkum, das wirkt, Äet einen Aänzett Abend gedehnt, Physisch übelerregend. Das Jüdeln ist ja keine Sprache, sondern nur ein Spracherfätz. Es ist nicht dem Dialekt zu vergleichen, der seine Gesetze in sich hat und viel echter ist als unsere abgeschlifsene Schriftsprache. Es ist der Notbehelf von Leuten, die die deutsche Sprache nie richtig erlernt hatten, wie etwa das Pidjen-Englifch der Chinesen. Wohl gibt es Menschen — und jetzt sogar eine „Richtung", die sich in diesem Rotwelsch wie in einer schleißigen, schmierigen Hausjacke wohlfühlen und reine gewisse Pietät dafür empfinden. Damit kann man Nachsicht haben, Zumal bei Leuten, die ein anderes Kleidungsstück gar nicht besitzen. Aber man geht damit nicht in Gesellschaft und mutet Menschen mit empfindlicherem Sprachgefühl auch zum Spaße nicht zu, einen ganzen Abend lang die Verstöße «gegen Grammatik und Tonfall der deutschen Sprache über sich ergehen zu lassen. An dem „Jiddisch", dem Rückstand einer traurigen Zeit der Absperrung von allen Quellen der modernen Bildung, an dem Jargon des Getto, ist so wenig zu konservieren wie an diesem selbst. Noch unerträglicher freilich ist die Mischung von Jargonbrocken und Papierdeutsch, wie sie von den halbgebildeten Juden der Großstädte gebraucht wird. Das ist nicht mehr „jiddisch", sondern das richtige halthochdeutsche Mauscheln, das am Wiener Franz-Josefs-Kai zu Hause ist und einem ganz Wien verleiden kann. Das ist nicht zu schonen und komisch zu glorifizieren, sondern als widerwärtig zu geißeln und zu bekämpfen, wo es nur angeht." *• Den Schluß mache folgende ganz friedliche Bemerkung, die wir einer Korrespondenz entlehnen: Die „Judenkönige" der Provence. Das Museum von Narbonne besitzt ein Judenpetschaft aus dem Ende des 13. oder vom Anfang des 14. Jahrhunderts. Es stammt .aus der Zeit, wo die Wappen nicht mehr das ausschließliche Vorrecht des Adels waren, sondern wo auch die namhaften Bürger in den Städten anfingen,, sich solche beizulegen. Das Petschaft ist zweiseitig und zeigt einen steigenden Löwen in heraldischer Form. Die Umschrift mit dem Namen ist auf der einen Seite prövenzalisch, aus -der anderen hebräisch. Das Petschaft gehört dem Momet Tauros oder Kalonhmos ben Todros III. aus dem .alten, reichen Geschlechte der „Judenkönige", in welchem das Vorsteheramt der Gemeinde von Narbonne erblich war. Die Familie leitete sich her von einem Gelehrten, den Karl der Große aus Babylon berufen haben soll, damit er in Narbonne eine Talmudschule nach dem Muster der babylonischen Akademien gründe. Diese jüdischen Gelehrten in Babylon, die sogenannten Exilarchen, hatten den Vorzug, vom königlichen Blute Davids zu sein. Der heraldische Löwe auf dem Petschaft des Momet Tauros soll daher möglicherweise an den „Löwen vom Stamm Juda" erinnern. .Bis über die Mitte des 13; Jahrhunderts waren diese provenzälischen Judenkönige freie Allodialherren, die unmittelbar unter dem Könige standen. Reicher Allodialbesitz kam in Südsrankreich unter den Juden schon von gallisch-römischer Zeit her vor, jedoch ohne Gerichtsbarkeit und ohne die Macht, Untertanen zu Kriegsdiensten aufzubieten. So blieb es unter der merowingischen und unter der karolingischen Herrschaft. Die Feudalzeit trieb die kleinen jüdischen Allodialbesitzer, ebenso wie die Christen, dazu, sich als Lehensleute unter den Schutz größerer Herren zu begeben. Sie kamen auch als Lehensleute von Abteien und Bischöfen vor. Die mit den Kreuzzügen entstehende Feindseligkeit der Christen veranlaßte dann die jüdischen Grundbesitzer, ihre Güter nach und nach zu barem Gelde zu machen. Als 1306 die große Konfiskation kam, da fanden sich unter den „Judenkönigen" nur mehr etwa dreißig Häuser vor; ihren Allodial- und ihren Feudalbesitz hatten sie klugerweise einige Jahre vorher veräußert. Der Name „Judenkönig" (roi juik) dürfte aus einer mißverstandenen Auffassung des ähnlich klingenden rosch la kahal (Gemeindevorsteher) entstanden sein. Es ist natürlich ein Zufall, daß diese friedliche Schlußnotiz sich mit französischen Dingen beschäftigt, aber wir wollen diesen Zufall als ein günstiges Omen betrachten. Ich vertrete. in Wort und Schrift den Standpunkt, daß geistige Beziehungen der Deutschen mit anderen' Nationen sich bald wieder anknüpsen werden, well alle Völker in ihrer literarischen und wissenschaftlichen Arbeit auf einen solchen' Verkehr durchaus angewiesen sind. Ich, habe früher nie zu denen gehört, welche gierig danach waren, jedes leichtfertige französische Sitten- oder Unfittenstück zu sehen, und die in Theater und Literatur, das Deutsche nichtachtend, nur Fremdes gelten ließen, diesem allein Bewunderung zollten, während sie aus das Vaterländische hohnlächelnd hinsahen. Zu meinem gerechten Erstaunen bemerke ich nun, daß jetzt gerade jüngere Leute, aber auch erfahrene ältere Verleger, die früher nicht laut genug den ausländischen Einfluß priesen, ausländische Ware vertrieben, unter dem Einfluß des Krieges sich auf einen radikalen deutschen Standpunkt stellen und wenigstens augenblicklich gewillt sind, diese sogenannte Selbständigkeit des deutschen Geistes in Zukunst zu wahren und sich dem Auslande gegenüber, wenn auch nicht geradezu feindlich, so doch abwartend und zurückhaltend zu benehmen. Eine solche Auffassung kann nicht entschieden genug bekämpft werden. Nicht Sklaverei gegenüber dem Auslande, nicht kindische Annahme alles Fremden, eb.en weil es fremd ist, muß unser Losungswort für die Zukunft sein, wohl aber gewissenhafte und freudige Annäherung an das Geistesleben aller anderen Nationen. Das -gilt für uns als Deutsche und für uns als Juden. Als Deutsche und als Juden , sind wir verpflichtet, sobald nur irgendeine Möglichkeit sich bietet, den Zusammenhang mit den in anderen Ländern lebenden Glaubensgenossen und geistigen Arbeitern als unseren Genossen wieder anzuknüpsen und in jeder Weife zu fördern. So wenig wie einen Handelskrieg, so wenig darf es einen geistigen Krieg nach dem Aufhören des Politischen und militärischen geben. Achtung vor fremder Geistesarbeit, Empfehlung unserer eigenen Tätigkeit, Zusammenstreben mit allen denen, die es ernst meinen mit den Fortschritten der Menschheit, mit der Verbreitung wahrer Kultur, das sei unser Losungswort für 1918 und für alle Zeit, die uns zu leben, d. h. zu wirken gegönnt ist. Orokrllor JF. Larewsln. F. Karewski wurde am 5. November 1858 in Berlin geboren. Seine Gymnasialbildung erlangte er in dem Sophien- Gymnaftum der Residenzstadt und absolvierte daselbst auch das Abiturientenexamen. Gleichfalls in Berlin widmete er sich dem Studium der Medizin und blieb dort während seiner ganzen Studienzeit. Während dieser Epoche betätigte er sich hauptsächlich in den Instituten von v. Leyden, Schroeder, Birchow, Julius Wolfs und wurde da Assistent des letzteren in seinem letzten Studienjahr. Er wurde Träger des Universitätspreises vom Jahre 1881 für eine experimentelle Arbeit über den Wochenfluß und dessen Beziehungen zum Kindbettfieber. 1882 machte er sein Staatsexamen mit der Zensur sehr gut. Seit dem November 1882 war er am Krankenhause der jüdischen Gemeinde tätig, zuerst als Assistent der chirurgischen Abteilung, dann als Leiter der chirurgischen Poliklinik und ständiger Vertreter I. Israels. Seine wissenschaftlichen Arbeiten in der ersten Zeit der Krankenhaustätigkeit gehörten vielfach dem Gebiet der Kinderchirurgie an, als deren Niederschlag sein bekanntes Lehrbuch der chirurgischen Krankheiten des Kindesalters, erschienen bei Enke in Stuttgart, anzusehen ist. Die spätere reiche literarische Tätigkeit, die er entwickelte, erstreckte sich auf alle Gebiete der Chirurgie, insbesondere aber der Bauch- und der Lungenchirurgie. Er veröffentlichte eine große Zahl hochgeschätzter Monographien und Archivartikel, sowie viele Aufsätze in medizinischen Wochenschriften. Seit Beginn des Krieges widmete er seine Kräfte dem Vaterland als Leiter eines von ihm selbst eingerichteten Lazarettes, Trautenaustraße 5, ferner als Zachbeirat für