Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1918)
- Date
- 1918-01-04
- Page
- Seite 4 (sequence 8)
- Language
- German
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4 Reuterschen Bureaus treten alle deutschen Blätter einschließlich der judenfreundlichen und der jüdischen auf. Das allein sollte die Juden vor dem Verdacht schützen, mit jenem Bureau gewissermaßen verwandt zu sein. Der längst gestorbene Begründer war Jude, also — man kennt das weitere. Das Bureau Reuter wird von der englischen Negierung ebenso benutzt wie das Wolffsche Telegraphenbureau von der deutschen. Jene hat das Reutersche Bureau kurz vor dem Kriege mit ihren eigenen Mitteln ausgebaut und erweitert:' Reuter ist Werkzeug der Regierung, nicht Werkzeug von Juden. Daß übrigens der Hauptaktionär heute Lord Rothschild sei, ist abermals eine Unwahrheit. Mit demselben Recht könnten die Antisemiten in den Ententeländern darauf Hinweisen, daß von den Anteilen des Molffschen Telegraphenbureaus sich neun Zehntel in den Händen von Judenabstämmlingen befinden, daß also die Juden schuld an der Kriegsverlängerung seien; denn bekanntlich behaupten unsere Gegner, daß die deutsche Regierung hinterhältig, unehrlich und lügenhaft sei und die Meldungen des Wolffschen Telegraphenbureaus keinen Glauben verdienen. Die „Wiener Reichspost" tischt dann die längst als Märchen entlarvte Behauptung wieder aus, daß Lord Northcliffe, der König der englischen Hetzpreffe, von einem Juden namens Stern aus Frankfurt a. M. abstamme. Lord Northcliffe ist der Wkömmling einer alteingesessenen englischen Familie. Der Vater hieß Harmsworth und Wae Advokat. — Ebenso unwahr ist es, daß der Eigentümer der „Daily News and Leader", Gardiner, ein Jude ist und aus Deutschland stammt. Er ist im Jahre 1865 in Cbelmsford in England als Sohn von Henry James Gardiner und seiner Ehefrau, einer geborenen Cleydon, zur Welt gekommen: von einer jüdischen Abstammung kann somit nicht im geringsten die Rede sein. Ebenso erlogen ist es, wenn von dem Besitzer des „Daily Expreß", Artur Pearson, behauptet wird, daß er Jude sei. Sein Vater hieß Artur Cyril Pearson und war evangelischer Geistlicher, seine Mutter entstammte einer alten englischen Familie, die den Namen Maxwill- Lythe trug. Der Sohn wurde 1866 in Wooky bei Wells geboren. — Daß der Eigentümer des „Daily Telegraph", Lord Burnham, von Juden abstammt, ist die einzige wahre Angabe jenes Artikels. Edward Levy Lawson, 1833 in London geboren, hat 1903 den Barontitel erhalten, ist eine außerordentlich angesehene Persönlichkeit, Mitglied der vornehmsten englischen Klubs und bereits seit 1868 Vorsitzender der englischen Pressevereine. Noch viel schlimmer steht es mit den Angaben der „Reichspost" über Juden in der französischen Presse. Von dem in Paris erscheinenden „Journal" wird kurz und bündig behauptet, daß es von dem Amerikaner Charles Moses Schwabfür 26 Millionen angekauft worden sei — eine Lüge, die ohne jede Grundlage ist. Schon aus dem kürzlich stattgefundenen Prozeß Bolo Pascha gegen Senator Hmnbert ging ja klar und deutlich hervor, wer die Inhaber des „Journal" in Wirklichkeit sind, nämlich, die bekannte Waffenfabrik Schneider-Creuzot und der Senator Charles Hmnbert. Allerdings konnte der Verfasser des verleumderischen Artikels nicht wissen, daß seine unwahren Behauptungen durch diesen Aufsehen erregendeil Prozeß so rasch vor aller Welt widerlegt werden würden. Der Besitzer des „Matin" ist der Argentinier Bunau-Varilla. Es wird von ihm allerdings nicht behauptet, daß er Jude ist oder war. Der Verfasser nennt diesen Namen aber in so innigem Zusammenhänge mit den anderen angeblichen Juden, daß man den Eindruck gewinnt, auch dieser zweifelhafte Ehrenmann solle an die Rockschöße des Judentums gehängt werden. Bunau-Varilla ist ebensowenig Jude wie viele der anderen Persönlichkeiten, von denen der Verfasser dieses behauptet. Beim „Matin" gab es früher und auch jetzt keinen jüdischen Mitarbeiter. Hedemann, dessen Namen der Verfasser erwähnt, war früher einer der Direktoren des „Matin". Er trat als Kriegsfreiwilliger ein und ist als Verteidiger seines Vaterlandes gefallen. Hedemann war Katholik, seine Eltern stammen aus dem Elsaß; man sagt ihnen allerdings nach, daß sie der jüdischen Religion angehört haben. Ebenso zählt der Korrespondent des „Matin", Caro, nicht zum Judentum. Caro ist eifriger Katholik und hat auch eine Katholikin zur Frau. Im übrigen hatten sowohl Hedemann wie auch Caro keinerlei Einfluß auf die politische Haltung des „Matin", da sie in keiner Weise finanziell an ihm beteiligt waren. Caro ist inzwischen ebenfalls aus dem „Matin" ausgeschieden und befindet sich augenblicklich als Korrespondent der „Nowoje Wremja" in Kopenhagen. Der Verfasser beschäftigt sich mit dem „Gaulois" und möchte so hinstellen, als wenn auch dieses Blatt von jüdischem Einfluß: abhängig sei. Jeder, der die französischen Verhältmfle auch nur einigermaßen kennt, weiß genau,, daß „Gaulois" ein erzkatholisches Blatt ist, das die Hauptstütze des Katholizismus in Frankreich bildet. Da braucht man wohl kaum erst zu erwähnen, daß die Bemerkung des Verfassers, „der Jude" Arthur Meyer sei Herausgeber des „Gaulois", ebenso unwahr ist wie seine übrigen Angaben. Meyer ist Antisemit und strenggläubiger Katholik, der als solcher in der katholischen Bewegung stets eine. hervorragende Rolle gespielt hat. Der Name des Mitarbeiters des „Gaulois", Gaston Polonais, wird - in willkürlicher Art von dem Verfasser in Pollack verändert, um auch diesen mit dem Judentum in Zusammenhang zu bringen. Es handelt sich bei dieser Persönlichkeit um einen verarmten polnischen Edelmann, der vor Jahren nach. Paris gekommen ist, sich dort als Schriftsteller betätigte und „Gaston Polonais" als Schriststellernamen wählte. Auch, von Capus vom Pariser „Figaro" wird kurzweg ohne jede Begründung behauptet, daß er Jude sei. Jedem oberflächlicheil Kenner der französischen Verhältnisse muß diese Behauptung ein Lächeln abnötigen. Capus entstammt einer ganz alten angesehenen Schriftstellerfamilie, ist, wenn wir nicht irren, Mitglied der französischen Akademie, die niemals einen deutschen Renegaten öden Ueberläufer gewählt haben würde. Zum Schluß beruft sich der' Verfasser auf Männer wie Drumont und Flourens, um zu beweisen, daß der jüdische Einfluß auf die Agence Havas überwiegend sei. Ohne hieraus näher einzugehen, beschränken wir uns auf die Feststellung, daß man Drumont und Flourens nur mit Männern wie Graf Pückler und Ahlwardt vergleichen kann, also mit Persönlichkeiten, die kein ernsthafter Mensch bei uns in Deutschland als Zeugen gelten lassen kann. Es bleibt also als Ergebnis übrig, daß die Ausführungen der „Wiener Reichspost" von bösartiger Gesinnung sind, deren Verbreitung schon im Frieden unangebracht, während des Krieges nach jeder Richtung unverantwortlich und verwerflich ist. Daß gar gut katholische Männer von diesem österreichischen katholischen Matt als Juden mit verhängnisvollem Einfluß denunziert werden, ist die satirische Kehrseite der Geschichte und bestätigt die Erfahrung, daß jeder Lügner über kurz oder lang über seine eigenen Gespinste stolpert. Wir hoffen, daß das genannte deutsche Zentrumsblatt in Zukunft gegen.derartige Artikel vorsichtiger sein wird, selbst wenn sie in der Verpackung eines katholischen Blattes Hereingefchmuggelt werden sollten. * In sehr starker Werse zogen die Antisemiten neuerdings gegen die Augsburger Gemeinde 'los, indem sie dieser den Vorwurf machten, sie habe sich geweigert, das Kupferdach der neuerbauten Synagoge auszuliefern. Wie wenig begründet diese Vorwürfe sind, erweist eine ausführliche Erklärung des Vorstandes der Augsburger Gemeinde, die in dem „Gemeindeboten" Nr. 52 abgedruckt worden ist. Aus diesem Grunde dürfen wir auf eine Wiederholung dieser Erklärung verzichten, wir wollten es über doch bei der Wichtigkeit der Sache und bei der hier zutage getretenen besonderen Perstdie unserer Gegner nicht unterlassen, auch an dieser Stelle auf diesen Einzelsall 'hinzuweisen. * Der nachfolgenden Darlegung möchte die „Deutsche Tageszeitung" etwas Antisemitisches anheften; sonst würde sie den der „Frankfurter Zeitung" entstammenden Artikel wohl nicht in ihre Spalten ausgenommen haben. Wir glauben aber, daß die Ausführung jeder judenfeindlichen Spitze entbehrt, sie mag vielmehr auch für Juden sehr heilsam sein und sollte allgemeine Beachtung finden. Dcvrum geben wir ihr an dieser Stelle Raum. Sie lautet: D a. s Iüdeln aus der Bühn e. In -einer Theaterkritik der „Frankfurter Zeitung" finden wir folgende Darlegungen: „Wir haben jetzt faktisch schon genug von Jargon und Halbjargon als Bühnensprache. Was wir uns in einer Episode oder an einer chargierten Figur gefallen lassen, das Jubeln als Würze und