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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-01-04 · Heft 1 (4.1.1918) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 1 (4.1.1918)
Date
1918-01-04
Page
Seite 3 (sequence 7)
Language
German
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3 Verelendung der Menschheit, diese fast als Wahnsinn erscheinende Zerstörung gedeihlicher Fried ensarbeit und gesegneten Kulturschaffens auf Jahre und Jahrzehnte? Trotz alledem würden wir uns des Friedens von ganzem Herzen freuen. Gewährt er unserem Vatevlande den alten Bestand, ermöglicht er ihm seinen großen Ausgaben in Wissenschaft, Kunst, Handel und Industrie mit Ruhe und mit allmählich wiedergewonnenen und neuerstarkten Kräften nachzugehen, schasst er die Aussicht und wohl auch die Gewähr auf einen allmählich sich wiederum steigenden Wettbewerb mit anderen Nationen, wird er auch das sertigbringen, daß sich die Völker, die sich nun länger als drei Jahre als Todfeinde betrachteten und bekämpften nach dem Verlaufe eines gewissen Zeitraums wieder lernen sich als Brüder zu betrachten und zusammen statt gegeneinander zu arbeiten, schafft er nach Verlauf einiger Jahre wieder den Begriff der Menschheit, der untrennbar von Menschlichkeit iit, — so wollen wir, solange es nötig ist, die Opfer mit Geduld weiter ertragen, die Entbehrungen segnen und frohen Sinnes weiterschreiten zum Wiederaufbau alles Zerstörten, zur Wiedererringung eines friedlichen gesegneten Zustandes. * Aus Essen wird geschrieben: Im Anschluß an die Beschwerde eines der Firma Krupp in Essen überwiesenen jüdischen Hikfsdienstpfiichtigen, den: dort die Jnnehalturrg der religiösen Vorschriften unmöglich gemacht worden ist, hat die Firma Krupp den Standpunkt eingenommen, sie sei nicht in der Lage, den Anforderungen des Klägers zu entsprechen. Mit demselben Recht könnten auch die bei ihr beschäftigten evangelischen und katholischen Arbeiter die gleichen Rücksichten verlangen. Das sei aber bei dem Umfange und der Bedeutung ihres Betriebes für die Kriegsrüstung und die Verteidigung des Vaterlandes unmöglich. Wenn die bei ihr beschäftigten jüdischen Arbeiter gemeinschaftlich an sie mit dem Wunsche nach Berücksichtigung ihrer religliösen Ueberzeugung he rantreten, sei sie gern bereit, sich mit der Shnagogengemeinde wegen billiger Berücksichtigung dieser Wünsche in Verbindung zu setzen. — Dieser Standpunkt ist zu billigen. In der Tat ließe sich auf diesem Wege gerade in Großbetrieben manches tun, was nicht nur im Interesse der dort beschäftigten Juden, sondern auch gleichzeitig der christlichen Arbeiter liegen würde. Werden in einem Betriebe, der im Kriege darauf angewiesen ist, Sonntags arbeiten zu lassen, eine genügende Zahl strenggläubiger jüdischer Arbeiter eingestellt, so ist die Möglichkeit gegeben, durch, geeigneten Schichtwechsel nicht nur den Juden den freien Sabbat sondern auch einer großen Anzahl Christen bei ununterbrochener Aufrechterhaltung des Betriebes die Sonntagsruhe zu verschaffen. Auch über die Geltung des Hilfsdienstgesetzes und über die Kriegszeit hinaus verdient dieser Gesichtspunkt für die großen Verkehrsbetriebe, für die Post und die Eisenbahn, besondere. Berücksichtigung. So mußte es sich ermöglichen lassen, strenggläubigen jüdischen Arbeitern und Angestellten eine ganze Reihe von. Berufen und Betrieben zu erschließen, die für sie bisher überhaupt nicht in Frage kamen. Sicherlich verdient die hier angeschnittene Frage das besondere Interesse aller in Betracht kommenden jüdischen Stellen. * Wir haben kürzlich von den Anstrengungen gesprochen, mit denen eine Gruppe innerhalb der antisemitischen Gesellschaft sich nach dem Frieden zu einem großartig angelegten Feldzug gegen die Juden rüstet. Es ist erfreulich zu konstatieren, daß ein großer Teil der deutschen Presse von dieser Hetzar'beit abrät und sich keineswegs mit den Bemühungen dieser kriegbereiten Herren indentifiziert. Sv wird aus. Hannover gemeldet: „B u r g f r i e d l i ch e K r i e g s v o r b e r e i t u n g e n" überschreibt die hiesige „D e u t s ch e V o l k s z e i t u n g" einen Artikel über die Kriegserklärung, die der bekannte antisemitische Generalsekretär Hennigsen in Hamburg gegen das Judentum erlassen hat. Die „Deutsche V o l k s z e i t u n g", welche die Pläne Hennigsens entschieden ablehnt, schreibt: „Was die hier enthüllten Pläne anbelangt, so können wir diese (ebenso wie die seinerzelt ausführlich von uns gewürdigten „Judenzählungen") nur aufs lebhafteste bedauern — ganz gewiß nicht deshalb, weil wir etwa vom jüdischen Kapital beeinflußt oder abhängig wären, sondern weil wir aus elementarstem Gerechtigkeitsgefühl in gleicher Weise alle Verfehlungen gegen Gesetze oder Moral verurteilen, mögen sie nun von Juden oder von Angehörigen der christlichen Bekenntnisse ausgehen. Hier zu verallgemeinern und derartige Verfehlungen unterschiedlos einer bestimmten Klaffe oder Gruppe unserer Mitbürger zur Last zu legen, ist um so weniger gerechtfertigt, als die verwerflichste Sünde des Weltkrieges, der heillose Wuchergeist, leider nur allzuoft bei christlichen Glaubensgenossen zu finden ist, während man anderseits den Anhängern des israelitischen Glaubens die Anerkennung nicht versagen kann, daß auch sie draußen an den Fronten zu Tausenden ihr Leben zur Verteidigung des Vaterlandes dahingegeben und sich auch in der Heimat vielfach in hervorragender Weise um die Linderung der Nöte des Krieges bemüht haben. So sehr man deshalb auch gewisse Erscheinungen auf dem Gebiete des wirtschaftlichen und überhaupt unseres innerpolitischen Lebens — und dahin rechnen wir auch das ultraradikale Demokratisierungsgeschrei mancher Kreise — bedauern und verurteilen mag, so peinlich möge man sich doch davor hüten, durch „Judenzählungen" oder eine wie immer geartete Wiederbelebung von Raffe- oder Klasienhaß von neuem einen Keil in die innere Einheitsfront des deutschen Volkes zu treiben, anstatt durch rücksichtslose Bekämpfung der einzelnen bösen Tat das Nebel an der Wurzel zu fassen!" * Auch die wackere Kollegin, die Zeitschrift „Im Deutschen Reich", die in erster Linie den Kampf gegen den Antisemitismus zu führen berufen ist, rüstet sich schon jetzt, solche gehässigen Angriffe abzuwehren, da sie nicht imstande ist, sie im Keime zu ersticken. In ihrer letzten Nummer veröffentlicht sie einen Artikel, der auch im der „Korrespondenz des Zentralvereins" abgedruckt ist. Wir geben diesen Artikel seines allgemeinen Interesses wegen an dieser Stelle wieder, trotz seiner Ausführlichkeit und obgleich die meisten unserer Leser auch Mitglieder des Zentralvereins sind. Er lautet: Juden als K r i e g s v e r l ä n g e r e r. Die „Wiener Reichspost" hat eine längere Zuschrift veröffentlicht, die nachzuweisen versucht, daß die Juden insofern an der Verlängerung des Weltkrieges die Schuld tragen, als die größten Kriegshetzer in der englischen und französischen Presse jüdischer Abstammung seien. Die „Wiener Reichspost" ist ein fromm katholisches Blatt, das zugleich den Antisemitismus Pflegt, eine Spielart und Mischung, die bei uns in Deutschland glücklicherweise jetzt nicht zu finden ist. Um so überraschter waren wir, als wir den Artikel des österreichischen Blattes unter der Ueberschrift „Hinter den Kulissen des Weltkrieges" in einem gut katholischen Zentrnmsblatt, der „Neuß- Grevenbroicher Zeitung" (Nummer 292 vom 26. Oktober 1917) abgedruckt fanden, ohne einen Vorbehalt, ohne einen Kommentar, wodurch sich also das Blatt den Inhalt zu eigen macht. Wir wollen nicht in ethischer Aufwallung den Burgfrieden beschwören, sondern zunächst unserem Bedauern Ausdruck geben, daß solche antisemitischen Verleumdungen in ein katholisches Blatt Deutschlands Eingang finden konnten, und ferner die Erwartung aussprechen, daß die Katholiken Deutschlands, die so oft am eigenen Leibe die Bitternisse verhetzender Lügen und unberechtigter Verleumdungen erfahren haben, sich nicht weiter zu Verbreitern und Förderern einer schmachvollen Judenhetze nmchen werden. Das Zentrum wenigstens hat offiziell antisemitische Bestrebungen stets verurteilt. Würden wir jene Ausführungen nur in der „Wiener Reichspost" gefunden haben, so würden wir uns schwerlich mit ihnen eingehend befassen, da sie aber von dem Neußer Zentrnmsblatt (oder vielleicht von mehreren?) abgedruckt worden sind, wollen wir als würdigste Antwort einen knappen Nachweis ihrer Lügenhaftigkeit geben. Der Verfasser behauptet, die öffentliche Meinung der Welt werde vorwiegend von Nichtchristen, „jenseits von Glaube, Recht, Gewissen gemacht, nach den Bedürfnissen jenes Weltkäpitalismus, der durch die Offenbarungen des Weltkrieges doch die schlechthinige (!) Verdammung erfahre". An der Spitze wird das berüchtigte Telegraphenbureau Reuter genannt. Gegen die verleumderische Tendenzarbeit des

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