Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-01-04 · Heft 1 (4.1.1918) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 1 (4.1.1918)
Date
1918-01-04
Page
Seite 2 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229339-3229340--73676-3286153
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Juden und Deutschland das lebhafteste Interesse haben. Denn Frankreichs und Englands Sorge für Palästina, mögen dort nur Juden wohnen oder mag dort, wie viele Zionisten und manche christliche Nichtzionisten wollen, ein jüdischer Staat, eine Republik entstehe, kann niemals uneigennützig sein. Treten sie für das unglückselige Land und für die dortigen Juden ein, so geschieht es von Frankreich aus Protektionswut, von England in dem Streben, durch den Besitz Palästinas oder durch den sogenannten Schutz dieses Landes, sich ein Gebiet zu sichern, das ihnen den Weg nach Indien öffnet, eine Brücke zwischen diesem Lande und Aegypten baut. Deutschland und mit ihm die deutschen Juden müssen also mit Sorge auf alle Versuche unserer Feinde sehen, in Palästina festen Fuß zu fasien. Aber eine nicht geringere Sorge ergreift uns deutsche Juden, wenn wir auf England selbst sehen. Denn dieses Land, das man als Bollwerk der Freiheit für alle Flüchtigen, auch für heimatlose Juden anzusehen gewohnt war, verläßt seine Traditionen. Es begann damit, die russischen Juden, denen es bisher Asylrecht gewährt hatte, auszuliefern oder mit der Drohung zu schrecken, sie an die Front zu schicken: es fuhr fort, durch Verbreitung unwahrer Gerüchte, die dazu bestimmt waren, die Russen gegen die Juden zu Hetzen; es setzte seinem Gebaren die Krone auf durch Aufforderungen, die da und dort erschienen und dazu bestimmt waren, die englische Bevölkerung zu warnen, von Juden zu kaufen und an Juden zu verkaufen. Derartige Bemühungen erregen schon Sorge, nicht bloß weil sie Symptome einer augenblicklichen Volksstimmung sind, sondern weil sie geeignet sind, den traurigsten Ausblick für die Zukunft zu bereiten. Die Nationen, die uns als Feinde gegenübergetreten sind und die, wie wir hoffen, ihr Bestreben, uns niederzuzwingen, nicht erreichen werden, brauchen einen Prügelknaben. Sie werden schwerlich zu der Einsicht gelangen, daß ihre eigene Kurzsichtigkeit schuld ist an ihrem Mißerfolg, sondern werden, das fürchten wir, nach einem Opfer suckien, an dem sie sich rächen. Es ist zu besorgen, daß Engländer und Franzosen, die bisher die Juden als Gleichberechtigte ansahen, diese als Minderwertige zu behandeln geneigt sein werden, daß sie, zumal die jüdische Bevölkerung der westlichen Länder sich teilweise aus solchen zusammensetzt, die aus Deutschland stammen, ihren Ingrimm auf diese werfen werden. Unsere große Sorge für die Zukunft ist, daß der Antisemitismus, der in Frankreich schon einmal hohe Wellen schlug — man denke nur an die Drehfus-Affäre —, der aber in England nicht zu eristieren schien, in beiden Ländern mächtig hervortauchen wird. Dir Woche. Berlin, den 1. Januar 1918. um neuen bürgerlichen Jahre begrüße ich meine Leser. Mit furchtbarem Schneegestöber schloß das alte Jahr; möge in dem neuen mit den zwar langsam aber stetig zunehmenden Tagen die Sonne durchbrechen und die Klarheit beginnen. Sonderliche Neuigkeiten hat der abgelaufene Zeitabschnitt nicht gebracht, noch weniger Überraschungen irgendwelcher Art. Der Krieg geht weiter fort. Während es selbstverständlich des Waffenstillstandes wegen im Osten ganz ruhig geblieben, im Westen infolge der großen Vorbereitungen für eine geplante Offensive von beiden Seiten kaum etwas geschehen ist, wurden in Italien Erfolge erzielt, reiche Beute an Gefangenen eingebracht,. Gegenangriffe der Italiener, die unternommen wurden, um ihre früheren Stellungen wieder zu erringen, siegreich abgewiesen. Die in dem Waffenstillstand mit Rußland vorbereiteten Friedensünterhandlungen sind weiter fortgesetzt worden. Das Wichtigste darin besteht in einem Appell an die übrigen Feinde und in den Grundlagen des künftigen Friedens. W<D das erste« betrifft, so ist den Ententemächten ein kurzer Zeitraum von zehn Tagen zum Beitritt zu diesen Verhandlungen gewährt worden. Man darf sich in dieser Beziehung nicht in utopistischen Hoffnungen wiegen — ja die bisher bekanntgewordenen Aeußerungen unserer Feinde lauten durchaus ablehnend —, aber doch ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß die uns feindlich Gesinnten doch endlich zur Ueberzeugung gelangen, daß sie ihre weitgehenden Pläne , nicht verwirklichen können. Diese Hoffnung ist um so stärker, als zu den von den beiden kriegführenden Parteien, dem Vierverband und Rußland, 'die Friedensformel: „ohne gewaltsame Gebietserwerbungen und ohne Kriegsentschädigungen" gehört. Nach den letzten Versicherungen Englands sollte, so müßte man meinen, diese Formel seinen Plänen genügen; wenn Frankreich und Italien nicht darin einwilligen, so würde dies nurdie völlige Verblendung beider Staaten beweisen; sollte Frankreich wirklich so kühn sein, Elsaß-Lothringen zurückzufordern, das ihm nur nach seiner Einbildung, nicht nach geschichtlichem Recht gehört; sollte Italien, das blutende, geschlagene, innerlich zerrissene Land wirklich, wie es neuerdings verkündete, erst dann zum Frieden geneigt sein, wenn es Triest erlangt hat, so müßte man solche Gesinnungen als blutigste Ironie der Weltgeschichte bezeichnen. Aber bei dem Wahnwitz, der in Frankreich regiert, und bei der völlig irrationellen Weise, in! dev Italien im Laufe der letzten Jahrzehnte zu seinen Erwerbungen gekommen ist, kann man für nichts einste'hen. Dies um so weniger, als Amerika, obwohl es bisher kaum in den Krieg eingegriffen hat, nun für sich das maßgebende Wort verlangt, indem es zwar auf Erwerbungen zu verzichten vorgibt, aber Deutschland Kriegsentschädigung und Bestrafung aufzuerlegen gewillt scheint. Zeigen die Ententemächte sich auch ferner widerspenstig und hartnäckig, so beweisen sie. was für uns allerdings kaum noch eines Beweises bedarf, daß alle ihre Reden eitel in den Wind gesprochen sind, daß sie, unbelehrbar durch die Tatsachen, nur einem tollen Wahne nachjagen. Das tollste ist wohl, daß sich diese. Mächte an die Ukraine gewandt und von ihr verlangt haben, sie solle den Zentralmächten den Krieg erklären; sie Haben sich freilich die gebührende Zurückweisung geholt: die Ukraine hat ihre völlige Neutralität ausgesprochen. — Die Friedensunterhandlungen selbst gehen schnell vorwärts, wenn sie auch für einige Tage unterbrochen worden sind. Sie haben volle Uebereinstimmung in den Grundlagen ergeben: von einer baldigen Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen und, was vor allem wichtig ist, des Handelsverkehrs ist mit aller Entschiedenheit gesprochen worden. Die deutschen Friedensunterhändler haben durch die Annahme der oben erwähnten Grundlagen des künftigen Friedens einen Beweis hoher Entsagung gegeben, und es dadurch allerdings mit den Alldeutschen und mit den Konservativen jeder Richtung aufs gründlichste verdorben. Wir haben unseren Standpunkt, der dem der Alldeutschen durchaus entgegengesetzt ist, oft und deutlich genug ausgesprochen, aber doch kommen wir, wie jeder naive Betrachter bei dieser Friedensformel, zu der erstaunten Frage: Wozu dieser ganze unselige Krieg? Wenn die Konfiguration Europas nach dem Kriege dieselbe bleibt wie vorher, wenn die Mächte in ihrem alten Bestände und in ihrem alten Groll verharren, wenn bei allen gutgemeinten Absichten von Friedensbünden, Demobilisation und ähnlichem die Zustände überall dieselben bleiben wie bisher, — wozu die Opfer von vielen Millionen blühender Menschenleben, diese Verluste von Millionen von Schiffsraum und Frachtgut, diese Vernichtung blühender Provinzen, herrlicher Städte, wunderbarer Kunstdenkmäler, diese allgemeine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.