Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1917)
- Date
- 1917-12-21
- Page
- Seite 612 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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des Deutschvölkischen gezeichnet. Dieser Stempel bekundet sich dadurch, daß er den Antisemiten der Vorzug gibt: sich selbst, Max Bewer, Liebermann v. Sonnenberg und anderen. Als fernere Seltsamkeit, ja als Fehler des Buches muß bezeichnet werden, daß er sich Grenzen oft sehr weit steckt. Aus welchem Grunde z. B. Goethes gewiß herrlicher „Epilog zu Schillers Glocke" in dieser Sammlung Platz gefunden hat, vermag ich nicht zll sagen. Don Lessing weiß Herr Bartels nichts anderes mitzuteilen, als ein recht unbedeutendes Gedicht zum Eintritt des Jahres 1755. Besonders charakteristisch ist für ihn, daß er alle Juden ausschließt. Daher wird man Heine, Beck, unter den Neueren Bab, Zuckermann, Lissauer vergeblich suchen. (Daß er Robert Linderers deutsches Flaggenlied abgedruckt hat, kann wohl mti* aus dem Umstand erklärt werden, daß er nicht gewußt hat, daß Linderer ein Jude war.) Sollten alle diese und viele andere etwa einbegriffen sein in die Ausschließungssormel der Einleitung? „Dazu käme dann noch eine Reihe N i ch t d e u t s ch e r, die uns in diesem deutschvölkischen Liederbuche nichts angehen." Zuzutrauen ist Herrn Bartels eine solche Gesinnung recht wohl. Nichtsdestoweniger mag das Buch an dieser Stelle genannt werden als eine wichtige Sammlung auch für unser, der deutschen Juden nationales Empfinden. l. g. — G o e t h e i n vertraulichen Briefen seiner Zeitgenossen. Auch eine Lebensgeschichte. Zusammengestellt von Wilhelm Bode. 1749—1803. E. S. Mittler u. Sohn, Königliche Hofbuchhandlung, Berlin SW 68. 1918. Nicht meine Begeisterung für Goethe allein veranlaßt nrich, das neue Bodesche Werk hier kurz anzuzeigen. Ich tue es vielmehr teils aus Gerechtigkeitssinn, weil ich das Buch als eine höchst brauchbare, reichhaltige, auch für den Kenner manches Neue bietende Zusammenstellung loben kann, wozu ich bisher bei Bodeschelt Büchern selten Gelegenheit hatte, und tue es ferner, weil die Sammlung auch manches für jüdische Leser bietet. Tenn es stehen hier die Berichte von David Veit an Rahel über Goethe, die Antworten der letzteren, ferner manches von und über die beiden Schwestern Meyer, Sara und Marianne, jene als Frau von Grotthus, diese als Frau von Eybenberg bekannt, die sich seit einem Zusammensein mit Goethe in Karlsbad seiner Intimität erfreuten. (Beide sind übrigens auch auf Seite 535 gemeint, was der Herausgeber anzugebeu vergessen hat.) Auch eine recht amüsante Anekdote über Markus Herz kommt in dem Buche vor, die mir entfallen war. Wilhelm von Humboldt schreibt nämlich an Schiller 25. August 1795 über die Honorare, die Goethe für seine „Neuen Schriften" von einem Berliner Buchhändler erhalten hatte, und schließt seine Nachrichten mit den Worten „Bon sturem Benehmen mit seinem Verleger, das hier durchaus hart und unbillig genannt wird, höre ich sehr viel sprechen. Indes sind auch die Berliner Gelehrten über diesen Punkt in einer ganz eigenen wahren oder affektierten Unschuld. So fragte mich Herz neulich in ganzem Ernst, ob denn Goethe in der Tat Geld nehme." Diese Anekdote zeigt den eigenartigen weldsremden Philosophen in seiner ganzen, dem Realen abgewendeten Art. D. O. — Die Herrin u n d ihr Knecht, Roman von Georg E uge l, 1. bis 5. Tausend. Grellstem u. Eo., G. m. b. H. in Leipzig, Es ist durchaus mit Freude zu begrüßen, daß Georg Engel in diesen schweren Zeiten die Heimat, der er seine dichterische Arbeit bisher geweiht, verlassen, auch die philosophischen Probleme ausgegeben hat, die er gelegentlich behandelt hatte, und sich statt dessen ungeschickt hat, der Gegenwart zu dienen. Sein neues Buch ist ein Kriegsroman. Er schildert die Geschichte dreier Schwestern, die ein Vicht an der russischen Grenze gelegenes Gut besitzen; die älteste, Johanna, ein tüchtiges kräftiges Mädchen, bleibt eine Heroine; die zweite, die Mette Marianne, wird für ihre Sinnienlust, die sie selbst den Feinden gegenüber beweist, arg gestraft; die Dritte, die siebzehnjährige Jsa, in wunderbarer Weise aus großen Fährlichkeiten gerettet, wird, wie es scheint, mit einem älteren Manne, dem Konsul Bark, glücklich. Wer nun eigentlich die Herrill und lver der Knecht ist, wird nicht ganz klar; es scheint wohl, daß der Verfasser all Johanna und den Konsul denkt. Die Geschichte, die in den letzten Tagen vor dem Kriege und tu den erstell Monaten -des Weltkrieges spielt, die Verwüstung eines Teils voll Ostpreußen durch die Nassen und deren Derjagnng, sowie die Befreiung Ostpreußens behandelt, ist mit großer Kraft erzählt. Die Charaktere der Ostpreußen., -ebenso der Russen, letzterer in ihren verschiedenen Typen: vornehme, feine Diplomaten, verschmitzte Heuchler, wilde Draufgänger, genteine Barbaren, tölpische Männer, hochgeborene sinnliche Frauelt, besonders eine Tartarin, die dein Paare Bark-Jsa in einer schier unverständlichen- Weise zur Freiheit verhilft, werden ntit außerordentlicher Birtlkosität geschildert Gegend und Z-ei'ttreten itt plastischen Bildern hervor. Ein.kurzer Hinweis auf das Blich würde sich vielleicht schon dadurch rechtfertigen, daß es sich hier um eine tüchtige Leistung eines deutschen Dichters jüdischen Glaubens handelt; er ist abev nur so mehr angebracht, da aud> einzelne jüdische Typen in dem Werke Vorkommen, zwar. nicht unter den Haupthandelnden, aber doch solche, die in die Ereignisse eingreifen. Da ist unter anderem ein rnsstschor Student Diamantow (Alexander Jstdorolvitsch), der, obgleich Offizier, den Krieg als kulturfeindlich verdammt, und der bald atad) dem Ausbruch des Krieges infolge der allzu freien Aussprache seiner Gesinnung den Tod erleidet (Seite 130 ff.). Ueber ihn sagt die schon angeführte Tartarin (Seite 373), „er war ein Jude, ein schöner Schwärmer und hatte deshalb etwas Volt dem Erlöser an sich. Unsere Erde ist voll von solchen Herzen, die noch dort unten im Grabe in brüderlicher Liebe schläfert." Hatlptsächlich ist aber leiser Bienchert zlt erwähnen, ein körperlich mißgestalteter Uhrmachergehilfe, der ntit seinem Meister eine Höllenmaschine zusammensetzt, dann aber nach denr Tode seines Meisters jene Maschine in einer Kirche aufstellt und durch deren Explosiolt eine große Menge Russen dem Tode weiht. Er selbst wird zwar verletzt und von den Russen aufs übelste zugerichtet, bleibt aber am Leben und geht froh der Zukunft entgegen. Er hat mit Hinweis ans alle die Qualen, die er ausgestanden, die Worte zu sagen: „Was lvill das alles heißen? Unser Land hat sich erhoben, unser herrliches Land, und hat die Heuschrecken von sich abgeschüttelt. Der Herr, der in der Kirche so schön sang, er hat unsere Feinde -geschlagen-. Hören Sie, Herr Konsul, dort draußen blasen schon die preußischen Trompeten. ,Das Herz geht einem auf, wenn man es hört. Ter Herr singt weiter." Schotl dieses einen Satzes wegen haben wir recht, uns des Buches zu freuen und es unseren Lesern zu empfehlen. L. G. — Ein I a h r ander So ttt nt e. Bon Feldrabbiner Dr. Martin Salomonski. Mit 16 Bildern. Druck und Verlag Trowitzsch und Sohn, Frankfurt a. d. O. 1917. Preis 2 Mark. Unzählige Bilder läßt das Wort „Somme" für den aufslamlnen, der diese Monate im Jahre 1916 miterlebt hat und aus der Erinnerung wachsen die sumpfigen User jenes Flusses wieder auf, jene zertromntelten Tage und Nächte, und jener sieghafte Widerstand, den auch die größte feindliche Uebermacht nicht zu brechen imstande war! An diese Somme führt uns der Verfasser des vorliegenden Buches. An vielen Gräbern hat er gestanden und manchen jüdischen Soldaten Abschiedsworte zugeworsen, manchem Sterbenden in seinen letzten Stunden bei gestanden. Viele Hunderte, ja Tausende hat er 51t Gottesdiensten vereint — besonders in dem einst so freundlichen, mm der Zerstörung geweihten St. Quentin — und in ihre Seelen den Gruß des Glaubens gegossen. Gewaltig groß ist so ein Gebiet, das ein Feldrabbiner seelsorgerisch zu versehen hat! - - Der Kraftwagen führt ihn aber überall Hirt und die Bilder manchen Ortes fliegen an unserem Auge vorbei! Ntit dertt photographischen Apparat ist viel festgehalten worden, lvas einmal, wenn der Anteil der deutschen Juden an den Leistungen in diesem Kriege dargestellt werden wird, Berücksichtigung verdient! Manch ansprechendes Gedicht singt von dem dichterischen- Talent des Verfassers. Was das Buch uns bietet, kann und will nicht eine abschließende Betrachtung jenes Jahres an der Somme sein; es ist eine Schilderung persönlicher Eindrücke und hat darum seinen eigenen Reiz! Aus diesem persönlichen Erleben aber heraus spricht eben das Buch zu uns; löst Verwandtes in unserer Seele. Es vereint noch einmal die Kämpfer der Somme und wird für die Gefallenen zürn Gedächtnisbuch! Ueber Einzelheiten wollen wir mit dem Verfasser llicht rechten, jeder sieht die Dinge anders; — von Herzen wünschen wir dem Büchlein einen weiten Leserkreis. Dr. W. C. (Int Felde.) Srdaktmnkür Mti?. Zn dein Aufruf in Nr. 49, S. 588, Spalte 1 und 2, ist zu bemerken, daß der Vorsißende des Verbandes, an den Gelder ztl senden sind, Herr Professor Dr. G u t t m a n n, Breslau, Am Anger 8, ist. D. Red.