Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1917)
- Date
- 1917-12-21
- Page
- Seite 611 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- 611 Briefwechsel nur in den Jahren 1821 bis 1835 gewesen. Dann kommt eine Pause von fast dreißig Jahren; den Schluß macht die Antwort von Zunz auf Manheimers Glückwunschschreiben Zum siebzigsten Geburtstag, ein Schreiben, das selbst nicht erhalten Zu sein scheint. Diese fast dreißigjährige Pause ist nicht ohne weiteres zu erklären. Den Grund nur in der Schreibfaulheit Manheimers und in der übergroßen Beschäftigung Zunzens zu sehen, geht nicht an, es müssen doch wohl innere Gründe mitgespielt haben. So erscheint mir als natürlichste Erklärung Wohl die, daß Zunz, der Leichtempsindliche, den Wiener Freund für den jähen Abschluß seiner Prager Wirksamkeit uüd für die üblen Erfahrungen, die er während dieser Stellung, gemacht hatte, mit verantwortlich machte. Einen rechten Grund hatte Zunz freilich dafür nicht, denn Manheimer hatte es an Warnungen, zum mindesten an Aenßerungen seines Bedenkens nicht fehlen lassen, und wenn Zunz die Stellung so schnell aufgab, so lag dies nicht bloß an den Widerwärtigkeiten, die er in dem Wirkungskreise fand, sondern an seiner Gewöhnung an Berlin, das ihm trotz aller Unannehmlichkeiten, die er. dort zu -erdulden hatte, doch eben als der einzig mögliche Aufenthaltsort ersehren. Der Briefwechsel ist im ganzen sorgfältig und mit den erforderlichen Erklärungen herausgegeben, mehrmals sind Worte ausgelassen und in den Anmerkungen dazu als Grund der Auslassung angegeben, daß die Worte unleserlich sind; eine solche Bemerkung erscheint mir, der ich die Zunzsche Handschrift genau zu kennen glaube, einigermaßen seltsam. ^Sonst sei nur bemerkt, daß die Anmerkung Seite 303 zu dem Witze von Zunz, er brauche 125 783 Taler, um vergnügt zu leben und wissenschaftliche Reisen zu machen. „Was mag mit dieser Ziffer gemeint sein?" recht komisch anmutet. Natürlich ist es nur einZunzscher Witz, es hätte ebensogut jede andere Ziffer gebraucht werden können. Sodann hätte als Wohnung von Zunz (1829) nicht „Hasenstraße", wenn auch mit einem Fragezeichen angegeben werden sollen; Zunz wohnte bekanntlich damals in der Nosenstraße. Da wir gern Notizen über Heine auch in diesen Blättern zusammenstellen, so sei der Bemerkung von Zunz vom 13. März 1829 gedacht, in der es heißt: „Der Dichter H. Heine ist jetzt hier und hat vorigen Sabbat bei mir Kugel gegessen. Sein Bruder ist es, der Ihnen diese Zeilen überbringt. Er macht eine Reise nach Neapel und wird wahrscheinlich den Brief selbst 'überbringen." Daraus antwortete Manheimer seiner Gewohnheit nach ein halbes Jahr später am 11. September 1829: „Unter andere Novitäten gehört, daß Heine (natürlich ist hier der Bruder Maximilian, nicht der Dichter gemeint), den ich öfter in meinem Hause gesehen habe, nach der Türkei zu beit Nüssen als Feldarzt ging, trotz dermaliger Niederlage, Pest usw." Ue'b-rigens soll nicht verschwiegen werden, daß in diesem Briefwechsel die von Manheirner herrührenden Schriftstücke durch ihre Lebendigkeit und Reichhaltigkeit wichtiger und wertvoller sind als die Briese von Zunz. L. G. * Barnhagen über Zunz. Von dem brieflichen Verkehr zwischen dem großen Schriftsteller Varnhagen v. Ense und L. Zunz war früher au dieser Stelle die Rede. Heute mag auf die mannigfachen Notizen hingewiesen werden, die sich in Barnhagens Tagebüchern (14 Bände), dieser unerschöpflichen Quelle wichtiger politischer und literarischer Nachrichten sowie kleinlichen Klatsches, finden. Vorerst die Bemerkung, daß beide Männer, trotz grundlegender Verschiedenheiten, manches Gemeinsame besaßen: das bohrende Gefühl der Zurücksetzung, das sie verbissen und nörgelnd machte, einen starken Hang zur Satire, dabei freilich auch unerschütterlich freiheitliche Gesinnung. Die über Zunz behandelnden Notizen sollen hier nur insoweit wörtlich wiedergegeben werden, als sie inhaltlich wichtig sind; die hier ausgelassenen Stellen. (VI, 431, 438, VII, 147, 239, VIII, 37, 45, 268, 369) handeln nur kurz über Besuche von Zunz, über Schenkung von Autographien L. Bendavids, eine auch über eine Rede. Die wichtigen Stellen lauten: Sonnabend, den 9. März 1845. Besuch von Dr. Zunz, Wohltätigkeitssachen; Erzählung von dem Hergänge bei Klix, wo die Konstabler sich erfrechten, eine Privatgesellschaft von sieben Personen zum Auseinandergehen zu zwingen; andere Schändlichkeiten durch diese Polizei verübt. — Zunz spricht die entschiedenste Gesinnung aus, er hat den freiesten Ueberblick und weiß, daß ein Aeußerstes nötig ist. Wir sind darin einig, daß uns die jetzige tote Gelehrsamkeit und abgeschmackte Kunst, die doch nichts ist als ein Luxus für üppige Vornehme, völlig zugrunde gehen kann, ohne daß wir nur einen Seufzer drum verloren. Wo das Menschliche zertreten wird, der Mensch nicht sein Recht hat, wo Aristokraten und Pfaffen das Volk in Knechtschaft und Dummheit halten, da bedarf es keiner Wissenschaft und Kunst; unser Theater mag zum Teufel gehen, die ganze hiesige Universität mit ihrer Ueberzahl von Schlechten — wir achten dieser Zierraten nicht mehr, wenn das fehlt, was durch sie verziert werden soll, der edle freie Mensch. Mittwoch, den 30. April 1851. Besuch von Herrn Dr. Zunz. Wir sprachen viel über das Judentum, und ich erhielt von ihm in kurzen Worten die reichsten Auffchlüsse. Seine Kenntnisse sind tief und umfassend, alle Gelehrten seines Faches beugen sich vor ihm. Und fetu Scharfsinn, seine Klarheit sind bewundernswert. Philologische und antiquarische Ausbeutung des Talmud noch nie versucht, und die reichsten Schätze sind da zu heben; du Cange, Montsaucon, Silvestre de Sach, Jakob Grimm usw. könnten ihre Freude daran haben, lieber die Zerfließung der Stämme der Juden, unter sich und unter fremde Völker, sehr treffend und lehrreich; die Priester durch Rabbinen ersetzt. Freitag, den 30. Mai 1851. Besuch von Dr. Zunz; über die Lage der Dinge, die Haltung des Volkes, sein Ehrgefühl, seine Bildung. Die Tapferkeit ist ihm eingeboren hier, wo alles Soldat war oder ist; aber freilich ist dies nur die von Mann gegen Mann, nicht die der organisierten Kriegsscharen. Das Volk hat alle Tage Lust, sich zu schlagen, man muß alles aufbieten, ihr zu wehren. lieber die Geschichte der Juden; zwischen ihren zahllosen Leiden und Qualen muß das tägliche Leben doch günstige Verhältnisse dargeboten haben, sonst wäre es nicht zu begreifen, daß sie sich immer wieder einfanden, erhielten. Montag, den 16. Juni 1851. Besuch von Herrn Dr. Zunz; Ansicht unserer Zustände; daß wir den Fortschritt sehen, erleichtert uns den Anblick der Widrigkeiten, Harren ist auch kämpfen; inzwischen wächst der Stofs und die Fähigkeit. Das deutsche Volk ist schwerer zu behandeln als jedes andere; die lange Zerrissenheit, die Gewöhnung zur Dienstbarkeit sind noch nicht überwunden. L- 6. * Zn Rahel de Castro. Die in Nr. 40 und 41 dieser Zeitschrift gewürdigte Frau "gehörte, wie S. 473 ff. angedeutet wurde, auch zu den gelegentlichen Mitgliedern des Varnhagenschen Kreises; sie war mit $. M. Assing, Barnhagens Schwester, der Mutter Ludmillas, befreundet. Bei ihren mehrfachen Reisen nach Berlin besuchte sie auch das Varnhagensche Haus; diese Besuche sind genau in Barnhagens sorgsamen Tagebüchern gebucht. So häufig indessen solche Erwähnungen auch sind (VII, 128, X, 96, 99, 100, 113, 117, 127, XIV, 394), so finden sich nirgends charakterisierende Bemerkungen; nur bei ihrer ersten Erwähnung (I, 124), als Varnhagen sie bei Frau Dr. Zunz, wo sie wohnte, aufsuchte, heiß es: „Ein wackeres Mädchen, von ernster, fester Bildung, alles Gute der hamburgischen Verhältnisse in sich tragend, ohne diese besonders zu lieben oder hinzustellen." L. O. * Ein Witzwort Abraham Mendelssohns. Rahel notiert in derselben Quelle, 21. April 1823: „Wir sprachen gestern abend von Mlle. Fischers Gesang, und da sagte einer, was in der Stadt umhergeht: die Mlle. Fischer würde in Mad. Schulz' Stelle engagiert werden. „Ei, das wäre schade," fuhr Abraham Mendelssohn-Bartholdh auf. — „Verstehen Sie mich, nur," fuhr er fort, „sie singt wohl so schlecht wie Madame Schulz, aber nicht so gut." L. G. Literarische Mitteilungen. Adolf Bartels, Volk und Vaterland. Deutschvölkisches Dichterbuch, 2 Bände, Halle (Saale) 1917, Richard Mühlmann. Eine sehr eigentümliche Sammlung, mir um so wertvoller, als ich mich mit einem ähnlichen Plane, freilich weniger einer Sammlung als einer kritischen Darstellung und Ueberficht trug und trage. Aber alles, was Bartels schreibt und veröffentlicht, ist mit dem Stempel