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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-12-21 · Heft 51 (21.12.1917) · p. Seite 610

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 51 (21.12.1917)
Date
1917-12-21
Page
Seite 610 (sequence 10)
Language
German
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Und wieso war er denn dreckig? - Er besah seine Hände und seinen Anzug. — Nein, auch darin hatte Fritz Burg nicht recht. Seine Hände waren nicht so schmutzig wie die von August Fritzke, der immer schwarze Fingernägel hatte, was ihn schon immer geärgert hatte, weil er auf derselben Bank mit ihm saß. Aber er hatte ihn doch nie darum gescholten. August Fritzke hatte gewiß keine so liebe Mutter, die ihn jeden Morgen fragte, ob er sich auch sauber gewaschen und die Fingernägel gereinigt habe. Auch sein Anzug war lange nicht so fleckig und zerrissen >vie der von Hans Moder, den Herr Dr. Berg, der Klassenlehrer, schon einmal hatte deshalb nach Hause schicken müssen, damit er sich einen sauberen Anzug anzögc. Pfui, daß der sich nicht schämte! Nein, so etwas kam bei ihm nie vor. Und den hatte weder Fritz Burg noch ein anderer einen dreckigen Judenjungen geschimpft. Es mußte also doch wohl am Juden liegen. Oder ob es vielleicht sein (Besicht war? - - Er ging ans Kellerfenster. Das war von innen dick verstaubt, so daß man es fein als Spiegel benutzen konnte. Er sah hinein. Aber auch hier fand er nichts Ausfallendes. Gewiß! Jeder Junge sah anders aus als der andere. Der eine hatte eine breite, der andere eine kurze Nase, Hans Melchior, sein Freund, sogar eine richtige Himmelfahrtsnase, aber ob das hübscher war als seine, etwas gebogene Nase? Das konnte er eigentlich gar nicht finden. - Und den hatte noch keiner gescholten. Aber dar war auch kein Jude. Es mußte also nur daran liegen, daß er Jude war. Hans Markus wurde ganz traurig, daß er nicht herausbekam, woran Das lag. Aber er irrte sich bestimmt nicht. Gefühlt hatte er es ganz sicher, daß es etwas sehr Böses sein mußt?, denn es hatte ihn sehr verletzt. Er würde also die Mutter fragen, die konnte man doch alles fragen, was einem das Herz bedrückte, die würde es ihm schon erklären können. Die beste Zeit dazu war immer des Abends, wenn er schon im Bett lag und die Mutter noch ein Viertelstündchen auf dein Rande saß und mit ihrer lieben, sanften Stimme so schön erzählte, vom lieben Gott und den Engeln und vielem anderen Schönen. Aber als er sie heute fragte, was das eigentlich Böses sei, daß er ein Jude sei, und er ihr die ganze Geschichte berichtete - wahrheitsgetreu, auf Ehre, ohne Beschönigung —, da hatte sie ihre großen, stillen Augen gemacht, was sie immer nur machte, wenn sie sehr traurig war, - da hatte er weinen müssen, denn er fühlte nun gewiß, daß es etwas sehr Schlimmes sein müßte, ein Jude zu sein. Und so sehr ihn die Mutter auch tröstete und ihm versprach, ihm bald einmal alles 311 erzählen, und sie ihm versicherte, daß es etwas sehr Schönes und Stolzes sei da hatte er ihr zum erstenmal im Leben nicht mehr recht glauben können: — warum hatte sie dann ihre stillen, traurigen Augen gemacht? Und mit zwei großer, Tränen in seinen Augenwinkeln schlief er ein. In der Nacht errvachte er, und das schreckliche Grübeln begann wieder. Und weil er immer wieder und wieder nicht finden konnte, wofür er etwas so Böses verdient hätte, weinte er, weinte er bitterlich, weil er ein Jude, ein schlechterer Mensch war als alle seine Mitschüler, er, der doch immer geglaubt hatte, er dürfe mit sich zufrieden sein. Es war der erste große Kummer in ihm, und er weinte, weinte lange und bitterlich. Am folgenden Tage liefen beim Direktor des Gymnasiums zwei Briese ein. Bon Frau Burg und von Frau Markus. In dem einen stand, daß sie, Frau Burg, sehr bedauere, dem Herrn Direktor mitteilen zu müssen, daß ihr Sohn, der! Quartaner Fritz Burg, von seinem Klassengenossen Hans Markus in übertrieben jähzorniger, roher Weise auf dem Heimwege verprügelt worden sei, so daß er mit blauen Flecken und in Tränen aufgelöst zu Hause angekommen und kaum zu trösten gewesen sei. Und daß sie doch artf das dringendste bäte, daß gegen derartige Rohlinge nrit aller Entschiedenheit vorgegangen würde, da sie sich veranlaßt sähe, im Wiederholungsfälle geeignete Schritte zur Verhütung ähnlicher Fälle zu unternehmen. Sehr höflich - aber deutlich. Der andere Brief berichtete den Fall etwas ausführlicher und schloß die Bitte daran an, doch mit Entschiedenheit darauf zu wirken, daß verhindert würde, daß schon in elfjährigen Knaben ein gänzlich sinnlos kindischer Raffenhaß sich breit mache und zu seelischen Gefahren beidvrseits führe. Jedenfalls läge es doch auch wohl unbedingt im eigenen Interesse der Anstalt, dafür 31t sorgen, daß solche Reibungen vermieden würden, die eventuell unliebsame Weiterungen haben könnten. Beide Briefe ließen an Deutlichkeit und einer dahinter stehenden Hartnäckigkeit für den Fall eines ungenügenden Ergebnisses nichts zu wünschen übrig. Der Direktor war zurzeit erkrankt und Vertreter pflegen unliebsame Entscheidungen, wenn sie sich nicht bis zum Wiedereinsetzen der regelmäßigen Leitung verschieben lassen, gern von sich abwälzen, und möglichst eine eventuelle Verantwortung andern sreundlichst zu überlassen. Herr Dr. Berg wurde daher ins Amtszimmer gerufen, der geschäftssührende älteste Professor übergab ihm die beiden Briefe: „Bitte, lesen Sie einmal!" „Hm", machte Dr. Berg, als er gelesen hatte. „Hm — da ist schwer etwas zu tun." „Wollen Sie bitte, Herr Kollega, die Freundlichkeit haben, die Sache in die Hand zu nehmen. Tun Sie ganz nach Ihrem Ermessen. Verbieten Sie einfach den Jungen, bei Androhung strengster Strafe, — meinetwegen von Arrest — ich will Sie gern darin unterstützen—derartige Schimpfereien. Das wird das beste sein. Nur sorgen Sie dafür, daß es auch wirklich unterbleibt. Sonst wird es vielleicht unbequem. Nicht wahr? Nun also, ich danke Ihnen, Herr Kollega." Dr. Berg, der Klassenlehrer der Quarta, steckte beide Briefe zu sich, um sie sich für den Abend, seiner nachdenklichen Zeit und Ruhestunde, aufzubewahren. Am Abend, beim Schein seiner trauten Schreibtischlampe und unter den Wolken einer großen Zigarre, die seiner Denkkraft so wohltuend nachhalf und ihm alle großen und schwierigen Gedanken wie von selbst zukommen ließ, nahm er die beiden Briefe sich vor, las sie, langsam, bedächtig, Wort für Wort. Dann legte er sie hin und überlegte. (Schluß folgt) Miszellen. Briefwechsel zwischen Zun; und Manheimer. Unter diesem Titel ist in der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums 61. Jahrgang Heft 5 bis 8 von M. Braun und M. Rofenmann eine Reihe interessanter Schriftstücke veröffentlicht worden. Du in diesen Blättern so manches über Zunz" briefliche Beziehungen «gesagt worden ist, so soll auch ein Hinweis auf diese nicht unwichtige Quelle hier, stehen. Ganz neue Beiträge zu Zunz' Leben und Wirken enthalten freilich die Briefe nicht, wohl aber bringen sie manches Lehrreiche für die Berliner jüdischen Verhältnisse in den Zwanziger und dreißiger Jahren und zur Charakteristik vonManheimers Wirken in Wien und zur Würdigung seiner Persönlichkeit. Auch die beiden: Frauen, die ebenso wie die Männer in herzlicher Gesinnung einander ergeben waren, treten in liebenswürdiger Weise hervor. Einigermaßen lebhaft ist der im ganzen zwanzig Nummern umfassende

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