Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1917)
- Date
- 1917-12-21
- Page
- Seite 609 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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609 tzudrnjungr. Eine Knabengeschichte. Von Edgar B e y f u ß. ^^^ie Quarta des Fschen Gymnasiums hatte soeben ihren / Unterricht geschlossen. Es war zwar erst 11 Uhr, aber nach dem neuen Stundenplan schloß die Quarta jeden Dienstag um 11 Uhr ihren Unterricht. Und das war sehr sein so! Erstens, daß man schon die wenig geliebten Mauern der Schule viel srüher als alle anderen Kameraden verließ und man diese nun noch eine, womöglich zwei Stunden ausharren wußte, zweitens aber war dann die Saarburger Straße, in der das Gymnasium lag, das Alleinrecht der Herren Quartaner! Und das war sehr angenehm. Dann wurde man weder von älteren Schülern gestört "noch von den Lehrern, die das Alleinbesitzerrecht der Quartaner an diesem Stadtteil niemals recht einsehen wollten, beobachtet. Denn man brauchte diesen Ort sehr dringend. Es gab nämlich immer noch irgend etwas zum Austrag zu bringen, das nicht unterbleiben durfte, ehe man nach Hause ging; sonst hatte man sicher das unbehagliche Gefühl, etwas Wichtiges versäumt zu haben. Entweder hatte Karl Schultze seinen Nachbar Fritz Werner in der Turnstunde unter dem Schutze des Kommandos „Stillgestanden" im Augenblick, als der strenge Herr Mergel gerade fortsah, in die Seite gepufft, was Fritz Werner nun, da Herr Mergel sofort wieder hinschaute, nicht mehr hatte rächen können, oder Hans Kahler hatte seinem Vordermann Max Pittge einen Klecks ins Heft II gemacht, oder der ganz schlimme August Fritzke hatte in der Pause dem kleinen, schüchternen Martin Mund mit Kreide auf die Bank geschrieben: „Mund ist dos!" Alles das mußte gerächt werden, um das moralische Gleichgewicht in der Klassenwürde wieder herzustellen und nirgends ein Uebergewicht aufkommen zu lassen. Und wo war das wohl besser möglich, als auf dem Heimweg auf der Saarburger Straße. So war es denn auch heute. Was der Grund zu der ersten Rauferei gewesen war, hatte man bereits vergessen, denn meist zog irgendeine begründete Fehde deren drei oder vier andere nach sich, die nur durch allzu starke Parteinahme der Zuschauer für den einen oder den anderen der jeweiligen Kämpfer entstanden waren. Fritz Burg und Hans Markus hatten sich beim Wickel. Weshalb, wußten sie wohl selbst nicht mehr, die Hauptsache war, sie hatten sich, und Fritz Burg hatte schon lange einmal gewünscht, den Hans Markus zu verkeilen. Denn den mochte er nicht leiden. Getan hatte der ihm zwar nie etwas, aber bloß eben so. Er mochte ihn nicht. Aber er hatte sich in den Kräften von Hans Markus verrechnet. Sonst still und selten bei Prügeleien beteiligt, hatte dieser doch eine gesunde, normale Kraft, und Fritz Burg zog bald den kürzeren. Das ärgerte ihn maßlos. Da griff er zu der einzigen Waffe, die selbst dem Schwächsten und Feigsten zu Gebote steht und meist auch nur von diesen benutzt wird: Schimpfen! Er löste sich, so schnell es ging, ans den Armen von Hans Markus los, stellte sich wenige Schritte vor diesem auf und schleuderte ihm haßsprühend ins Gesicht: „Jix, iix, oller, dreckher Judenlümmel! — Jude! Jude!" Dann ergriff er hastig seine Mappe und suchte, schnell zu entkommen. Ein unbehagliches Gefühl hatte ihn übermannt, als er dies ausgerufen hatte. Aber es hatte gewirkt. Hans Markus stand wie versteinert. Er verstand gar nicht, was der andere meinte. Aber er fühlte wohl, daß es ein furchtbares Schimpfwort fein mußte, denn die anderen, die umherstanden, waren ebenso entsetzt wie er. Er starrte dem forteilenden Fritz Burg erstaunt und entgeistert nach. Aber nur eine Sekunde. Dann lohte in ihm sein verletzter Stolz in Wut auf. Er stürzte sich auf den Gegner, riß ihn zu Boden und hieb mit Fäusten auf ihn ein, blind, wahllos, bis seine Wut sich ein wenig gekühlt hatte. Er wußte nicht einmal, warum er dies tat. Er mußte einfach. Dann eilte er möglichst rasch nach Hause, setzte sich dort still in den Garten zu seinen Blumen, die er pflegte, oben auf den kleinen Kaninchenstall, drin die beiden weißen Kaninchen knabberten, die seine besten Freunde waren. Hier war sein Platz. Hier saß er gern, träumte etwas vor sich hin oder grübelte. Was hatte Fritz Burg gemeint? — Es mußte wirklich etwas Entsetzliches sein, denn es hatte so geklungen und war auch bestimmt so gemeint. Aber was war es? Er verstand es nicht. Er überlegte: Gewiß, er war ein Jude. Ein Judenjunge. Das wußte er lange. Aber war das etwas Besonderes? Etivas Schlechtes? Mußte doch wohl. Etwas anderes als die anderen mußte er doch wohl sein. Sonderbar, daß er das bisher nie bemerkt hatte. Aber es mußte doch wohl stimmen. Er hatte keine Religionsstunden mit den anderen und ging auch Montags und Sonnabends nicht mit in die Wochenandachten, obwohl die Orgel dort immer so schön spielte. Das hörte er immer, wenn er dann allein nach Hause ging — denn er war der einzige Jude seiner Klasse. Warum durste er da nicht mit dabei sein? War das eine Auszeichnung? — Oder gar eine Strafe? — Er war eher geneigt, das letztere zu glauben. Aber er war sich keiner Schuld bewußt. Und dann, warum dauerte denn die Strafe so lange? Andere Strafen, wie Nachbleiben oder auf der Strafbank sitzen, waren doch immer einmal verbüßt und wurden dann vergessen. Aber er entsann sich nicht, jemals vorher mit in der Andacht gewesen zu sein, und er ging doch schon sechs Jahre zur Schule. Es mußte also wohl etwas furchtbar Schreckliches sein, ein Jude zu sein, daß es mit so langer Ausschließung von etwas bestraft wurde, was allen anderen zukam. Aber er konnte keine Schuld darin finden. Auch sonderbar, er hatte nie bemerkt, daß seine Lehrer ihm übelwollten. Wenn er recht überlegte, eher im Gegenteil. Er hatte das Gefühl, daß seine Lehrer mit ihm zufrieden waren, mit seinen Leistungen., denn er war Zweiter, und auch wohl mit seinem Betragen, denn er hatte immer lobenswert auf der Zensur gehabt. Auch waren sie immer freundlich und nett zu ihm. Nun entsann er sich auch, daß die Mutter einmal, als sie ihn mit in den Tempel genommen hatte, ihm gesagt hatte, er solle immer fleißig beten, damit er einmal ein guter, frommer Jude würde, denn die liebte Gott sehr und brauchte sie, damit sie seinen Ruhm verbreiten hülfen. Es konnte also doch wohl keine Strafe sein., wohl schon eher eine Auszeichnung. Aber warum hatte ihn dann Fritz Burg einen Juden gescholten! Und gescholten hatte er ihn. Er überlegte sich wohl, wie es wohl klänge, wenn er, Hans Markus, ihn, Fritz Burg, einen ollen dreck'gen Ehristenjungen gescholten hätte? Warum klang das nicht ebenso furchtbar wie das andere? Warum konnte er sich das einfach gar nicht vorstellen, daß er es täte?