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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-12-21 · Heft 51 (21.12.1917) · p. Seite 608

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 51 (21.12.1917)
Date
1917-12-21
Page
Seite 608 (sequence 8)
Language
German
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gewinnt, zu welcher Zahl noch die zwei ersten der zehn Worte hinzuzuzählen seien, welche von Gott selber und nicht erst durch Moses Vermittelung dem Volke verkündet wurden, — so ist diese Erklärung vielleicht geistreich, aber nicht einfach. Denn es können nur entweder 611 oder 613 Worte dem Mose verkündet worden sein. — Und wenn ein anderer Aggadist an das Wort „Ziziß" (Schaufäden) denkt, das ja für diesen Zweck nahe liegt,weil die S ch a u f ä d en an a ll e Gebote des Ewigen erinnern sollen, und dieses Wort mit zwei „Jod" schreibt (JYX’X)- während es in der Thora nur mit einem „Jod" geschrieben ist stiL'Lb und so den Buchstabenwert von 600 erhält; wenn er, um die Zahl 618 zu erhalten, nun noch die acht Fäden und fünf Knoten, welche sich bei den „Schaufäden" finden, hinzuzählen muß (vgl- Raschi Ende „Schelach"), so ist das wiederum vielleicht geistreich und gekünstelt, aber nicht einfach. — Wenn man übrigens eine ähnliche, aber einfachere Erklärung für die Zahl von 613 Befehlen haben wollte, so könnte man sie mit dem Worte mirQ („in der Thora") geben, in welchem buchstäblich (dem Zahlenwerte nach) die Zahl 613 gegeben ist. Auf die Frage: Wieviel Ge- und Verbote sind „ i n der Thora" gegeben? — wäre auch die Antwort nach den S o p h e r i m, welche den B u ch st a b e n w e r t zu ermitteln pflegten, keine andere als: 613. Aber das wäre alles doch nur formell und nicht sachlich haltbar. Sachlich haltbar bleibt nur die Erklärung Simlais im Hinblick auf seine Tendenz gegen den G n o st i z i s m u s. „Divido et impera“. Von Dr. I. N e u m a r k, Wissenschaftliche Mitarbeiter der Deutschen Anslandsbiblwthek zu Berlin. Divide et impera — war Losung Rußlands seit Ruriks Zeiten. Die Dynastie Romanow blieb ihr immer treu. Katharina II., Nikolaus I., Alexander III. und Nikolaus II. folgten blind den Prinzipien ihrer Urgroßväter, und die russische Politik erntet mit Recht heute die Früchte, die sie seit Jahrhunderten auf polnischem Boden gesät hat. Abgesehen von einzelnen politischen Richtungen und Strömungen gab es in dem Ministerrate immer eine Frage, die als Koordinationspunkt zu bezeichnen war — die Frage der Verfolgung der Juden, oder wie man sie in Rußland zu nennen pflegte —, die „jüdische Frage". Im Ministerium des Aeußern gab es (und gibt es noch heute) Ausschüsse, aus deren Tagesordnung nur die Frage, auf welche Weise man die Juden um den Rest der noch vorhandenen kärglichen Rechte berauben könnte, stand. Einige Vorschläge, die nicht immer durchführbar waren und im offiziellen Organ des Ministeriums „Sbornik gosudarstwiennych projektow" zur Veröffentlichung kamen, blieben nicht immer in Grenzen sogar der bureaukratischen Logik und können heute nur als Denkmal der herrschenden Verhältnisse bei Durnowo und Stolypin betrachtet werden. Plewe, Durnowo, Stolypin und Goremykin waren die eifrigsten Verfolger der Juden im allgemeinen und in Polen besonders. Jeden: nach Warschau gesandten Generalgouverneur wurde als erste Pflicht gelegt, die Verhältnisse zwischen den friedlich nebeneinander wohnenden Polen und Juden zu trüben und eine Spannung und Spaltung herbeizurufen. Lange leisteten die Bürger Polens hartnäckigsten Widerstand. Im Geiste Polens lebte die Tradition von Berek Joselowiew, Wohl, Dickstein, Nuhbaum neben den vielen anderen, die in allen polnischen Aufständen ihr Blut für Polens Wiederaufbau und Blüte vergossen haben. Seit Kasimir dem Großen lebten Juden zwischen polnischen Bürgern, assimilierten sich vollständig und waren aller Quellen der polnischen Kultur und des Wohlstandes. Es gab weder Assimilatoren noch Nationalisten, es gab nur Orthodoxe und Freidenkende. Eine objektive Betrachtung der Zeiten erinnert uns zwar auch an einige antisemitische Strömungen, die in der Wochenschrift „Rola" ihren Ausdruck fanden, doch waren die Ursachen des damaligen Antisemitismus mehr theoretischen und theologischen als politischen und wirtschaftlichen Charakters. Das verhängnisvolle Jahr 1905 nahte .... Der zu dieser Zeit in Warschau allmächtige Generalgouverneur Skalon fand in Vorahnung der nahestehenden revolutionären Vorgänge zur Bekämpfung derselben nur ein Mittel. Er folgte der Traditionen des Hauses Romanow: „Divide et impera" — und ließ durch bestimmte Verfügungen in Rußland viele Tausende russischer Juden nach Polen übersiedeln. Es kam zu einer wahren Wanderung der Völker auf den Straßen Warschaus, in den Schulen, in der Straßenbahn, im Foyer des Theaters und Philharmonie; kurz überall tönte die echt russische Sprache und der russisch-jüdische Jargon. So verletzte man absichtlich die tiefsten Gefühle Polens, man wollte wenigstens eine „äußerliche" Russifizierung Polens durchführen, da die in Polen wohnenden vier Prozent russischer Beamten natürlich nichts zur Russifizierung des Landes beibringen konnten. Die Folgen der Immigration ließen nicht lange aus sich warten. Die unternehmungsvollen russischen Juden exploitierten den für sie günstigen Moment und führten den Handel natürlich ohne Rücksicht auf die Polen, deren Gastfreundschaft sie nicht nur nicht respektierten, sondern im Gegenteil noch viele seit Jahren existierende polnische Geschäfte zum Konkurs brachten. Jahrelang dauerte der Kampf, dem viele tonangebende Polen und polnische Juden zum Opfer gefallen sind. Als nun im Jahre 1912 dank dem spezifisch-russischen Wahlsystem der Sozialist Jagiello in die Duma gewählt wurde, da hieß es: die Juden russifizieren unser Land, begraben unseren Handel und Industrie und senden aus Warschau nicht einen Nationaldemokraten, sondern mit ihren Stimmen gewählten Sozialisten in die Duma! Es fiel ein großes Wort — Boykott! Man boykottierte alles, was mit Judentum in irgendwelcher Verbindung stand, man traute sogar den Assimilatoren nicht mehr, die zu schwach waren, um der russisch-jüdischen Masse Widerstand zu leisten. Es kam zu einer vollen Spaltung zwischen Polen und Juden — die russische Regierung triumphierte in der Ueberzeugung, daß die Polen jetzt ihre Kräfte in den Kampf mit Juden gesetzt haben und fern von jeder politischen Idee bleiben werden. Derartige Verhältnisse fanden die Deutschen bei ihrem Einzug in Warschau, wenn man die kleine Zwischenzeit, wo der Präsident des Bürgerkomitees in Warschau, Fürst Lubomirski, die polnischen Juden zur gemeinsamen Arbeit zugezogen hat, nicht in Betracht zieht. Indem jeder Politik der Schikane und Verfolgungen in Polen Schluß gemacht wurde, läßt sich auch nicht zweifeln, daß der große Augenblick gekommen ist, wo den polnischen Juden durch Gleichberechtigung Gelegenheit gegeben wird, an dem Aufbau Polens regen Anteil zu nehmen und der uralten Tradition sich völlig würdig zu zeigen. Für die Lösung aber der jüdischen Frage in Rußland wird es immer nur noch eine Antwort geben — Eröffnung der Grenzen der Ansiedlungsrayons I. h Der vor längerer Zeit eingesandte Aufsatz kann leider immer wieder Aktualität gewinnen. D. Red.

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