Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1917)
- Date
- 1917-12-21
- Page
- Seite 607 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229337--73642-3286136- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
607 IT angesichts des Todes waren sie auf diese bedacht. Sie schärften ihren Kindern im Testamente ein, für die Glaubensgenossen jederzeit bei den höchsten Stellen voll und ganz einzutreten. Die Inschrift, die auf dem Denkstein Oppenheimers Prangt, sagt daher nicht zu .viel, wenn sie die Klage anstimmt: „O Geschlecht, halte Rückschau! . . . Füllet euer Herz mit Kummer, denn gefallen ist die Krone! Verschwunden ist der, der einen Schutzwall um uns zog. Genommen ist die Stütze der Herrschaft. Ein edler und freigebiger Führer, stand er seinem Volke als Panier und gürtete seine Lenden wie ein Held ... All seine Tage sich dem Dienste seines Volkes hingebend, war er ihm Schutz und Schirm, Mauer und Riegel. Sein reiches Haus stand offen, seine wohltätige Hand war immer zum Geben bereit. Nahen und Fernen verschaffte er Nahrung und Ruhe, er selbst konnte sich mit einem Krautgerichte begnügen. Er war der große Fürsprecher, der überall, in alten und neuen Gemeinden, dauernde Denkmäler errichtet, Bethäuser gebaut, Lehrhäuser gepflanzt. Bauten aufgeführt und verschwenderisch die Armen beteilt hat." (Schluß folgt.) „Sir 813 Srkrhlr." "" Bon Dr. F r i e d m n n n (Lnblimtz). talmudischen Schrifttum ist oft die Rede von 613 Be- * fehlen (Geboten und Verboten), welche aufSinai unserem Mose (für das Volk Israel) verkündet lvurden. Als e r st e und älteste Quelle hierfür erscheint die Predigt (Derascha) des R. Simlri in b. Makkvth 231). Dieselbe hat im allgemeinen folgenden Wortlaut: „613 Befehle wurden dem Mose aus Sinai verkündet, und zwar 365 Verbote nach Anzahl der Tage im Jahre und 248 Gebote nach Anzahl der Glieder in: Menschen .... Da kam David und brachte sie (im 15. Psalm) auf elf. Dann kam Jeschaja und stellte sie aus sechs (Kap. 33, 15). Dann kam Micha und faßte sie in drei zusammen (Kap, 6, 8). Dann wieder Jeschaja in zwei (Kap. 56, 1) und Amos (5, 3) und Chabakuk (2, 4) stellten sie j e d e r auf nur Eins." Darüber lehrt Grätz in seiner „Geschichte der Juden" (IV, 296) folgendes: „Er, (R. Simlai) stellte einen summarischen j Ueberblick über sämtliche Gesetze des Judentums aus, welches, nach seiner Ansicht, 613 Gesetze enthalte, und zwar 365 Verbote, der Tageszahl des Sonnenjahres entsprechend, und 248 Gebote, entsprechend den menschlichen Gliedern. Diese 613 habe David in elf Tugenden zusammengefaßt: Gradheit, Gerechtigkeit, Wahrheit, Scheu vor Verleumdung, Bosheit und Beleidigung des Nächsten, Verachtung des Schlechten, Verehrung des Würdigen, Heilighaltung der Eide, uneigennütziges Ausleihen ohne Zins und Zurückhaltung von Bestechung. Jesaja habe dieselbe wieder in sechs summiert: Wandeln in Gerechtigkeit, Sprechen in Geradheit, Verachtung des Eigennutzes, die Hand von Bestechung, das Ohr von böser Einflüsterung, das . Auge von bösen Gelüsten frei halten. ■ Der Prophet Micha habe die Gesetze gar auf drei Prinzipien gebracht: Recht üben, Wohltätigkeit lieben und in Züchtigkeit leben. Der zweite Jesaja habe sie auf zwei zurückgeführt: Recht hüten und Milde üben. Der Prophet Chabakuk endlich habe sie sämtlich in einer einzigen Formel ausgedrückt: „Der Gerechte lebt des Glaubens." Es ist dieses überhaupt der erste wissenschaftliche Versuch, sämtliche Gesetze des Judentums auf Prinzipien zurückzuführen." — Aehnlich bemerkt D. Cassel in seinem „Lehrbuch der jüdischen Geschichte und Literatur" (S. 182): „. . . als Hagadist bedeutend Simlai, von dem der A u s s p r u ch herrührt,! daß sämtliche Gesetzesbestimmungen 613 betragen . . ." - Auch j M. Lazarus in seiner „Ethik des Judentums" (S. 108) sagt: j „Ein hervorragender talmudischer Gelehrter und Lehrer, : Rabbi Simlai, sagte: „613 Gesetze (Ge- und Verbote) sind im! mosaischen Gesetzbuch enthalten..." I So tritt (nach ihnen m Uebereinstimmung) Simlai nicht etwa als Tradent einer alten Halacha, sondern als der Schöpfer einer Agada auf, wenn er von 613 Gottes befehlen an Mose redet. Aber keiner von ihnen sagt uns ein Wort darüber, wie wohl Simlai zu dieser Zahl gekommen sein mag. Hat er sie dnrch wirkliche genaue Zählung gefunden? Das wohl nicht, denn sonst wären wohl auch die einzelnen gezählten Verbote und Gebote im Talmud genannt worden, wie es beispielsweise der Fall ist mit den vielen, am Sabbat verbotenen Arbeiten. Galt doch der Grundsatz: „Die Amoraim sind verpflichtet, ihre Anssprüche g e n a u und deutlich zu erläutern!" Und Simlai war doch ein Palästinensischer Amora! Und wenn man etwa einwenden wollte, daß eine solche Aufzählung der 613 Befehle gar nicht nötig gewesen sei, weil jedermann diese Zahl selber leicht finden könnte, sobald er nur an die Zählung in der Thora heranginge, so wäre ein solcher Einwand unberechtigt, ja falsch. Man würde in diesem Falle noch weit mehr Gebote finden können — ohne bestimmten Anhalt dafür, w i e und was gezählt werden müßte. Das hat, wie mir scheint, in letzter Zeit Kaatz im „Jeschurun" (II, 8—9,11,12) eingehend ausgeführt. Tatsächlich ist es selbst unseren großen Kommentatoren und Religionsphilosophen, wie Maimonides, Nachmanides und anderen, nicht gelungen, einwandfrei und restlos diese Zahl der Befehle in der Thora nachzuweisen. Daher liegt es nahe, dieselbe nicht als Resultat einer wirklichen Zählung anzusehen, sondern sie im Hinblick auf; den Zweck anzusprechen, für welchen Simlai nach einer bestimmten Zahl gesucht hat. Dieser Zweck war kein anderer als der, um den Gnostikern oder Minäern entgegenzutreten, die behaupteten, nur das Z e h n w o r t wäre auf Sinai vom Ewigen offenbart worden, aber nicht die ganze Thora (Ber. 12a, jer. Ber. 1, 5. Tamid 5,1), In seiner „Geschichte der jüdischen Tradition" (III, 132) weist I. H. Weiß mit Recht darauf hiir, daß Simlai ein Wanderredner gewesen, der viele Ortschaften aufsuchte und in diesen auch mit Lehrern des Christentums zusammentraf, welche gern mit Juden über religiöse Dinge disputierten, und daß er — gewandt und bibelfest — ihre Behauptungen immer einfach und siegreich widerlegte, insbesondere auch das Dogma von der Trinität (jer. Ber. 9, 5. M. Ber. r. P. 9). Hiermit habe ich schon f r ü h e r an anderer Stelle nachzuweisen versucht, daß Simlai mit seiner „Predigt" und mit seinem gesuchten und gefundenen Prinzip der mosaischen Gesetzgebung, mit dem Satze: „Suchet mich und lebet!" (Amos) und mit dem anderen Satze: „Der Gerechte lebt in seinem Glauben" (Chabakuk) gegen das Paulinische Christentum sich wendet, welches behauptet: „Der Glaube allein macht selig" (vgl. „Allgemeine Zeitung des Judentums" 1917, Seite 127). Wie nun so mit dem Schluß der Predigt Simlai dem Christentum entgegentrat, so auch mit dem A n f a ng derselben. Da meint er: Nicht nur die zehn Worte, wie die Minäer behaupten, sondern die ganze Thora sind Offenbarungen Gottes; alles, was dem Juden an jedem Tage des Jahres zu tun verboten ist, sowie alles, was er an jedem Tage mit seinen Gliedern tun soll, wurde schon Mose (für das Volk) verkündet; und da die Tage des Sonnenjahres 365, die Glieder im Menschen 248 sind, so ist die Summe der Gebote und Verbote 613. Simlai trat den Minäern entgegen, wenn er erklärte: Nicht 10, sondern 613 Worte wurden auf dem Sinai geoffenbart. Für die Zahl 613 haben die Aggadisten noch manche andere Erklärung, aber keine ist so einfach, ursprünglich und ungekünstelt wie die Simlais. Wenn dafür beispielsweise R. Hamnuna den Satz „Tora hat uns Mose besohlen" verwendet und aus dem Worte NUN den Buchstabenwert 611