Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1917)
- Date
- 1917-12-21
- Page
- Seite 605 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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605 Dir Inlchriktrn des allen Huvenkrirdhofrs in Wien. A^^ie im Aufträge der historischen Kommission der israelitischen Kultusgemeinde in Wien herausgegebenen „Quellen und Forschungen zur Geschielte der Juden in Deutsch- Oesterreich" haben eine gewaltige Bereicherung erfahren. Dem 1912 erschienenen ersten Bande der „Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien" ist nunmehr der zweite, der die Periode 1696 bis 1783 umspannt, gefolgt (Wien und Leipzig, W. Braumüller, 1617). Die Gründlichkeit, die stupende Belesenheit und der Bienenfleiß, die den ersten Band charakterisieren, geben auch dem zweiten und abschließenden das Gepräge. Bernhard Wachstein hat mit der Bearbeitung der Inschriften eine imponierende und erschöpfende Arbeit geleistet, für die ihm die Historiker nicht genngDank wissen werden. Wie in der Einleitung auseinandergesetzt wird, ist die Periode, aus der die in> diesem außerordentlichen stattlichen Bande — er zählt 636 Seiten mit 68 Textabbildungen und 24 Tafelnbehandelten Grabschriften herrühren, in rechtlicher Beziehung für die Judenschaft Wiens eine ganz andere als die vorangegangene. Im Gegensätze zu dieser galten die jüdischen Bewohner Wiens nicht als Glieder einer vom Staate geduldeten und mit Ocffentlichkeitsrecht ausgestatteten Religionsgemeinschaft, sondern es wurde ihnen nur als Individuen der Aufenthalt für eine bestimmte Frist gewährt; sie besaßen nur ein Wohnrecht auf Kündigung, v bgleich in der Bürgerschaft ein Umschwung der Gesinnung eingetreten, der iru und dem stuckiur» eine Ernüchterung gefolgt war. Auch der aus Heidelberg stammende Samuel Oppenheimer, der als der erste Jude nach der Vertreibung Wiener Boden betrat, vermochte nicht festen Fuß zu fassen. Er erlangte wohl dank seinen überragenden Fähigkeiten, seinem reichen, regen, erfinderischen Geiste eine führende Stellung in der Finanzwelt, es wurde ihm sogar schließlich die Realbesitzfähigkeit zugesprochen, er hatte überdies schon früher ohne irgendeine Anfechtung sich die Rechte der Koppel Fränkelschen Erben an den Friedhof übertragen lassen, gleichwohl konnte von dauernder Seßhaftigkeit keine Rede sein. Daß er als Jude besondere Kraftproben zu bestehen hatte, versteht sich einfach von selbst. Seine Feinde und Neider rekrutierten sich jedoch nicht aus den Reihen der kleinen Geschäftsleute und Zünfte, wie wir sie als die typischen Gegner der Juden in den deutschen Städten um diese Zeit anr reffen. Sie veichten höher hinaus. Zunächst waren es die Konkurrenten, die naturgemäß an der Vernichtung dieses Finanzgenies ein großes Interesse hatten, dann diejenigen, die dem Juden seine Stellung mißgönnten. Noch waren am Hofe die mm sr; MSWtzM GHKW WWWWMMM? WNW'NAM R. Jsachar Berusch b. R. Gabriel Eskeles Stammvater der bekannten Bankiersamilie in Wien. Aus Wachstein: „Inschriften des alten Iudenfriedhoses in Wien II‘ Wien, W. Braumnller. Kräfte tätig, die seinerzeit die Entfernung der Juden durchgesetzt hatten, allen voran Bischof Kollonitsch mit seinem mächtigen Einfluß. Dazu kam noch die Reche von Patrioten, denen die traurige Lage der Staatsfinanzen und die immer wachsende Verschuldung am Herzen nagten und die in Oppenheimer ein Stück dieses Systems bekämpfen zu müssen glaubten. In der Verurteilung des Systems hatten sie gewiß recht. Dafür aber, daß er seine Fähigkeiten mißbrauchte, um die Notlage des Staates zu einem unreellen Gewinn auszunutzen, ist weder von seinen zeitgenössischen Gegnern noch von seinen späteren Beurteilern der Beweis erbracht worden. Es ist kein Grund vorhanden, daran zu zweifeln, daß die in seinem Testament befindliche Stelle: „Und nun, meine Kinder, da ich bisher mit dem frommen Kaiser (seine Herrlichkeit möge erhöht werden) und seinen Räten gehandelt und allen Eifer und Fleiß angewendet, um in Diensten des Kaisers zu stehen, so sollet ihr es halten. Im allgemeinen sollt ihr scheu, die Geschäfte zu führen und dem frommen Kaiser und seinen Räten an die Hand zu gehen, ehrlich und redlich, aufrichtig und getreu, so werdet ihr es genießen und werdet schon zurecht kommen" aus dem tiefsten Grunde seiner Seele geschrieben ist. Trotz seiner überraschenden und kühnen Erfolge, trotz der entschiedenen Hervorhebung seiner Leistungsfähigkeit und Unentbehrlichkeit durch maßgebende Faktoren, wie Prinz Eugen von Savoyen und Herzog Ludwig von Baden, hat er noch seinen Sturz erleben müssen, und sein Sohn Emanuel starb, wenn er auch die großen Geschäfte mit dem Staate zunächst fortsetzte und sogar neue unternahm, als vermögensloser Mann. Besser erging es allerdings dem ebenfalls aus dem Rheinlande stammenden Simson Wertheimer, der sich besonderer Gnadenbeweise des Hofes zu erfreuen hatte. Noch Kaiser Leopold ll. gedenkt 1791 in warmen, anerkennenden Worten seiner Verdienste in dem Adelsdiplom, das seinem Urenkel Josef Samuel Wertheimer in Würdigung der dem Erzhause „durch Aufbringung verschiedener Geldsummen und beträchtlicher Lieferungen" besonders in den Jahren 1778 und 1781 geleisteten Dienste verliehen wurde. Für Simsons Stellung sind folgende in seinem Nachlaß befindliche „Effekten", die in einem besonderen Inventar auf die Summe von 86 939 sl. veranschlagt sind, von besonderem Interesse: „Ein mit Diamant verziertes Portrait ohne Bild; ein dito vom Könige in Pohlen mit Rauten: ein dito vom Churfürst zu Mayntz; ein dito vom Chürfürst zu Pfalz mit Rauten; ein Chur-Bayerisches Portrait mit Brillanten; ein Chur-Mahntzsches dito mit Brillanten; ein Portrait mit Rauten und Rubindl von Ihre Durchlaucht Herzogen von Wolfenbüttel; vier Cabinetstückel; zehn Gnadenketten. Ein von Jhro Regierenden kais. Majestät, dann von Jhrv kais. Majestäten Leopoldo und Josepho Höchstseeligen Andenkens, item