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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-12-21 · Heft 51 (21.12.1917) · p. Seite 604

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 51 (21.12.1917)
Date
1917-12-21
Page
Seite 604 (sequence 4)
Language
German
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G04 religiöse Gemeinschaft in Palästina unter ihren: Protektorat. Man kann nicht leugnen, haß ein solches Versprechen für die Juden auf der: erstell Altblick etwas Verführerisches hat. England ist mädjliq, gewährleistet politisch-wirtschaftliche Ordnung und ist religiös tolerant. Trotzdem wäre es sehr kurzsichtig, wenn die Zionistensich deshalb als Bundesgenossen der Entente deklarieren sollten. Man mag über den Zionismus denken, wie man will, aber es ist doch nnleugbar, daß er seine geistigen Wurzeln im deutschen Judentum hat und verkümmern lvürde, wem: ihm der uroralische Zusammenhang mit Deutschland lnrd den: deutschen Jlldentum unterbunden oder gar abgeschnitten würde. Auch die politische Rechnung aber, das Bauen ans die englische Macht, wird trügen. Mögen« die Engländer auch jetzt Gaza genommen haben und in Borbewegnng auf Jerusalem sein, mögell sie selbst Jerusalem in die Hand bekominen, das Gesamtergebnis des Krieges wird ihnen diesen Erwerb unter allen Umständen wieder nehmen, selbst wem: der Friedensschlnß die englische Souveränität in Aegypten bestätigen sollte. So wird er den Engländern ganz gewiß nicht territoriale Erwerbungen obendrein zuweisen; im Gegenteil, sie werden, lveln: sie die äghpische Solweränität erhalten sollten, dafür eine Kompensation geben müssen. Tie Türken bleiben also nach allem menschlichen Errnessen die Herren von Palästina. Wer den Zionisums fördert: will, hat daher allen Grund, sich mit den Türken und deshalb auch mit Deutschland gut zu stellen. Ein Zionismus, der sich heute de:: Feinden der Türkei beigesellk, tötet sich selbst. O Nachstehende Mitteilung, die durch verschiedene Zeitungen gegangen ist, verdient auch an dieser Stelle eine Wiedergabe. B e r t r e t e r der j i'l d i s ch e n P r e s s e b e i m p o 1 n i s ch o u SJ.U i n i st e r P rä s i d e n t e n. Ter polilische Rtinisterprüsident Kucharzewski etnpsittg dieser Tage mehrere Vertreter der jüdischen Presse Polens. Der „Hajut" berichtet über diesen Einpfalnz: Ter VMinisterpräsident hielt eine halbstündige Ansprache über das Verhältnis des Polnischen Staates zu de:: Juden, als Staatsbürger, sowie über seinen Persönlichen Standpunkt zur Zudenfrage. Er behandelte dabei namentlich die unerfreuliche Vergangenheit, mit der feilt Name in der Erinnerung der Inden verknüpft ist, nämlich die Vorgänge bei den Wahlen zur vierten Duu:a, wobei er versicherte, daß der gegen ihn gerichtete Verdacht des Antisemitismus ein Irrtum gewesen sei, der ihm viel Unannehmlichkeiten bereitet habe, da er niemals Antisemit gewesen sei. Was das Verj hältnis des Polnischen Staates zu den Juden betreffe, so wäre es im i jetzigen ersten Stadium der Errichtung des Staates, da das Kabinett ' noch nicht gebildet ist, zu früh, vor: einem feststehenden Programm zu sprechen, es könne jedoch bei guten gegenseitigen Beziehungen an einer vollen Gleichberechtigung der Juden nicht gezweifelt werden. Der Ministerpräsident wies dabei auf die Eröffnungsrede des Rabbiners Perlmutter bei der jüngsten Rabbinerkonferenz hin, worin der Redner die Liebe und Hingebung der Juden gegenüber Polen betonte, ioa* er, der Ministerpräsident, nicht bezweifle. Im Namen der Anwesenden erwiderte der Vertreter des Blattes „Hacefira", der, wie der Bericht weiter besagt, „den Ministerpräsidenten begrüßte und seinen Dank dafür anssprach, daß dieser in unmittelbare Berührung mit der jüdischen Presse getreten sei, um* in Zukunft gewiß viele Mißverständnisse verhüten werde." Ter Vlinisterpräsident seinerseits teilte daraufhin mit, daß der Direktor der Politischen Abteilung Graf Rostworoski dasselbe Verhalten gegenüber der jüdischen Presse wie gegenüber der polnischen Presse beobachten werde und alle Informationen, die die polnischen Blätter von ihm erhalten, auch den jüdischen Blättern zur Verfügilng stellen werde. # Folgender Zuschrift des Herrn Tr. Spanier (Magdeburg) geben wir gern hier einen Platz: In „Hochland", Monatsschrift für alle Gebiete des Wissens, der Literatur und Kunst. Herausgegeben von Karl Muth. 3. Heft 1917/18. (Jos. Köselsche Buchhandlung in München), finden wir folgende beherzigenswerte Notiz: V o m G c i st echte r T u l d u n g. Ein Erlaß des evangelischen Oberkirchenrates zur Vierhundertjahrfeier der Reformation verordrrete folgendes: „Für das gesprochene wie das gedruckte Wort muß aber daran mit Ernst und Sorgfalt sestgehalten werden, daß in der Polemik gegen die katholische Kirche, jedes gehässige und verletzende Wort gegen die Volksgenossen anderen kirchlichen Bekenntnisses ausgeschlossen bleiben soll. Die schwere Zeit hat uns mit ihnen, in der Liebe zu Kaiser und Reich und dem Einsatz von Gut und Blut für das Vaterland zusammengeführt, und die gemeinsame geistliche Arbeit der Geistlichen beider Konfessionen an unseren Kriegern und an Verwundeten und Sterbenden hat einen Friedensstand geschaffen, den wir bei freudigem Bekenntnis zu den Gütern der Reformation nicht durch völlig entbehrliche Seitenblicke und Vorwürfe gegen die katholische Kirche in Gefahr bringen wollen." Diese Anweisungen des evangelischen Oberkirchenrates verlas der (katholische) Aachener Stiftsprobst Dr. Kaufmann von der Tribüne des Preußischen Abgeordnetenhauses (bei der Beratung des Staatshaushaltsplanes), rudern er sie „lebhaft begrüßte" und betonte, „daß die Worte des evangelischen Oberkirchenrats für unsere Zeit so. bedeutungsvoll sind, daß ich einige Ausführungen aus diesem Erlaß hier vor demganzen Lande mitteilen möchte." Vorher hatte Dr. Kaufmann schon gesagt: „Das Jahr 1517, das in diesem vierten Kriegsjahr nun schon 400 Jahre hinter uns liegt, gereicht vielen unserer deutschen Brüder zur hoher: -Freude, anderen zum stiller: Schmerz, allen Vaterlandsfreunden aber zu einer ernsten Mahnung und zu einem Prüfstein gegenseitiger Duldung und Liebe. >Das Recht mationsfest, meine verehrten Herren, muß uns Deutschen allen eine eindringliche Mahnung sein, bei treuestem Festhalten an dem, was jeden: einzelnen das Kostbarste ist für Zeit und Ewigkeit, nie den deutschen Volksgenossen und Bruder, in dessen Brust ein anderes Ideal lebt, deshalb zu Verächter: und zu schmähen." — Der Sitzungsbericht verzeichnet nach diesen Wörter: „Sehr richtig! und Bravo!" Nach der Verlesung der obigen Stelle des evangelischen Erlasses fuhr Dr. Kaufmann fort, er „möchte ausdrücklich betonen: Wird von beiden Beteiligten irr: Sinne dieser dankenswerten Verfügung gehandelt, sind rvir beide auch darin gegeneinander duldsam, daß wir eine gelegentliche Entgleisung, die sich einmal ein allzu Terrrperamerrtvoller zuschulden kommen läßt, nicht gleich überrrräßig in der Polemik aufbauschen; hatten rvir uns immer dessen versichert, daß wir unbedingt in der Zukunft in dem gemeinsamen deutschen Vaterlande friedlich miteinander leben müssen, dann, meine verehrten Herren, werden die Friedensglocken nicht bloß den Frieden nach außen einläuten, sondern auch den so ersehnten Frieden unter den Konfessionen." Diesen herrlichen Worten eines hohen katholischen Geistlichen können rvir Juden nur von ganzem Herzen zustimmen und im Anschluß hieran dem Wunsche Ausdruck geben, daß auch dem I u dent u nt gegenüber dieser Geist echter Duldung sich betätigen möge. Wenn der Erlaß des evangelischen Oberkirchenrats auf die schwere Zeit hinweist, in welcher die Bekenner der beiden christlichen Konfessionen mit dem „Einsatz von Gut und Blut für das Vaterland" gekämpft haben, so ist es ein Akt der Gerechtigkeit, der Bekenner der jüdischem Religion zu gedenken, denn e i n m ü t i g haben Christen und Jude n einer Welt von Feinden getrotzt; nie hat das Todesgeschoß nach dem Glaubensbekenntnis gefragt, darum sollten die religiösen Vorurteile uns Juden gegenüber ein für allemal beseitigt sein, denn sie sind eine Gefahr für das sittliche Kulturleben überhaupt." Und so kehrt die Betrachtung am Schlüsse wieder zu ihrem Anfänge zurück. Es will nicht tagen und doch sehnt sich die ganze Menschheit nach Licht, Sonne, Frieden, Freiheit. Nur noch eine kurze Spanne Zeit trennt uns von dem kürzesten Tag. Niemals haben wir inniger als jetzt, nicht bloß in Rücksicht auf die Kohlenknappheit und Ernährungsschwierigkeiten, ein Ende des Winters .herbeigesehnt, niemals mit größerer Inbrunst eine „Erneuerung der Tage" erfleht; möge uns endlich die Erfüllung beschieden sein. Nur nicht zweifeln und nicht verzweifeln! Es müssen einmal bessere Tage kommen; es mutz der Menschheit ein Wiederaufleben beschieden sein. Unser starker Glaube kann nicht irren; unser Vertrauen darf nicht getäuscht werden; die Menschheit kann nicht zugrunde gehen. Wir glauben und vertrauen: Durch Nacht zum Licht!

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